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Warum wir keine Kleiderschrank-Polizei an den Schulen brauchen

Freiheit für die Jogginghose!

Schule will Jogginghosen verbieten: Bei solchen Schlagzeilen kommen mir spontan verschiedene Gedanken in den Kopf: Haben die keine anderen Probleme? Geht es noch? Spinnen die? Ich verkneife mir an dieser Stelle den im Zusammenhang mit diesem Kleidungsstück meist zitierten Satz eines gewissen Karl Lagerfeld. Klingt zwar lustig, muss deshalb ja aber noch lange nicht stimmen.

veröffentlicht am 15.02.2020 um 09:00 Uhr
aktualisiert am 17.02.2020 um 11:40 Uhr

Kerstin Hasewinkel

Autor

Redaktionsleiterin zur Autorenseite

Wenn Schule etwas verbieten sollte, dann vielleicht Elterntaxis oder Handy-Klingeln im Unterricht, Hass-Kommentare, Mobbing oder unfähige Lehrer. Was Kleidung betrifft, hätte man zu allen Zeiten schon Verbote aussprechen können, ach was, müssen – man denke nur an den Look der 1980er, der mit unförmigen Schulterpolstern und wildesten Frisuren an Geschmacklosigkeit wohl kaum zu überbieten war. Aber naja, die Highwaist-Hosen, die wir damals bis über den Bauchnabel gezogen haben, sehe ich jetzt an den heute 16-Jährigen. Und muss schmunzeln.

Auch wenn vieles wiederkommt: Kleidung unterlag schon immer dem Wandel. Was wir anziehen, drückt etwas aus, im Einzelfall sogar auch, dass man eben keinen Wert auf seriöses Auftreten legt. Es gibt kaum etwas Individuelleres als den Kleidungsstil, unterwerfe ich mich jedem Modetrend oder möchte ich durch meinen Strickpulli aus Öko-Baumwolle ein politisches Zeichen setzen? Heute gibt es sogar Statement-Shirts. Zu meiner Zeit fing gerade der Hype um Marken-Klamotten an – mir waren Benetton und Marc O’Polo von Haus aus verboten, und das fand ich auch nicht immer lustig.

Natürlich sollte, wer bei der Bank einen Kredit bekommen will, nicht gerade im Schlabberlook mit Kaffeeflecken losmarschieren – aber das scheint mir eher eine Frage von Intelligenz. Etwas hat sich verändert in der Kleiderfrage: Auch bei festlichen Anlässen darf es mittlerweile leger zugehen. Selbst bei Bällen ist es mittlerweile nicht mehr verpönt, wenn Männer ihren Hals nicht mit einem Schlips abklemmen und in die Oper kommt man am Einlass auch in Jeans vorbei.

Dass Nadelstreifen noch lange kein Garant für eine weiße Weste sind, dürfte sich mittlerweile auch rumgesprochen haben. Und ein Anzug ist auch nicht automatisch gleichbedeutend mit „gut gekleidet“, wenn ich da an die älteren Herren denke, die zum festlichen Familienanlass ihren alten Konfirmationsanzug herausgeholt haben, der weder figürlich noch farblich zeitgemäß ist (zu einer bestimmten Zeit müssen übrigens violette Sakkos unglaublich angesagt gewesen sein…).

Wer hätte gedacht, dass die Jogginghose schon hundert Jahre alt ist? Tatsächlich sollte sie ursprünglich Sportlern ermöglichen, auch in der kalten Jahreszeit zu trainieren. Eine einfache, gestrickte Jerseyhose brachte Émile Camuset, der Gründer der französischen Sportmarke Le Coq Sportif, in den 1920er Jahren auf den Markt. Gut 50 Jahre später ging es richtig los für das Kleidungsstück – bekanntlich waren die 70er freiheits-bewegte Zeiten. Und dazu gehörten tatsächlich von engen Hosen befreite Beine.

In der heutigen Zeit liegen Jogginghosen in den Schränken quer durch alle Gesellschaftsschichten, vom Rapper bis zur Business-Frau. Denn längst sind sie nicht nur Sport-Accessoire, sondern aus feinstem Stoff auch bürotauglich.

Aber ausgerechnet für die Schule sollen Jogginghosen nicht geeignet sein? Gerade für Teenager, die ihren Geschmack noch ändern, experimentieren oder durch ihre Kleidung Gruppenzugehörigkeit demonstrieren, ein ganz schöner Einschnitt ihrer Individualität. Natürlich sollten junge Mädchen nicht halbnackt in der Schule erscheinen (aber ein Häkelbikini gehört ohnehin nur an den Strand oder ins Schwimmbad) und bei Jungs sollten aus rein ästhetischen Gründen die Hosen nicht in der Kniekehle hängen, so dass man ihr Klempner-Dekolleté sehen kann.

Das ist aber eher eine Frage des Benehmens – und das könnte ja auch etwas sein, das Schule vermittelt. Vor allem: dass es auf die inneren Werte ankommt und eben nicht auf Äußerlichkeiten. Wer bitte entscheidet denn darüber, was gefällt und was nicht? Eine Kleiderschrank-Polizei ist doch wohl so ungefähr das letzte, was wir an unseren Schulen brauchen.



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