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Die Geschichte des Hamelner Hochzeitshauses / Teil 3

Folgenschwere Eingriffe

Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Abriss des Rathauses diente das Hochzeitshaus weiter als Hauptsitz der Stadtverwaltung. Auch nach dem 1972 erfolgten Umzug in die Gebäude des BHW am Kastanienwall richtete die Stadt hier repräsentative Empfänge aus, unter anderem für Kanzler Willy Brandt und Queen Elisabeth II. Außerdem nutzte sie das Gebäude als Sitz verschiedener städtischer Dienststellen. Nach dem Auszug der Stadtbücherei bot das Erdgeschoss Raum für wichtige stadtgeschichtliche Ausstellungen. Im Sommer 2002 wurden Pläne von Niedersachsens Wirtschaftsministerin Susanne Knorre bekannt, das Weserbergland touristisch „völlig neu zu vermarkten“. Neben den Standorten Schloss Bevern, Schloss Bückeburg und Martini-Kirche in Stadthagen sollte Hameln Zentrum der „Erlebniswelt Renaissance“ werden. Um die touristische Attraktivität der Stadt zu steigern, sollte das Hochzeitshaus zentrale Ausstellungsstätte einer völlig neuartigen, „weltweit einmaligen“ Inszenierung werden.

veröffentlicht am 03.02.2014 um 06:00 Uhr

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Die Pläne sahen vor, dass vom Hochzeitshaus „nur die äußere Fassade quasi als Hülle“ bleibt. Ein Drittel auf der linken, westlichen Seite sollte der Stadtverwaltung zur Verfügung stehen, die restlichen zwei Drittel die „Erlebniswelt“ aufnehmen.

Auf Drängen der Verwaltung und mit Zustimmung einer übergroßen Ratsmehrheit wurde 2004 das Innere des Hochzeitshauses der „Erlebniswelt Renaissance“ zur Verfügung gestellt. Die Stadt überließ auch deswegen das Haus der GmbH zur touristisch-kommerziellen Vermarktung, weil sie sich damit der Last der fälligen Renovierung enthoben wusste. Zwischen den Außenmauern, die unangetastet blieben, entstand – völlig freistehend – ein neuer Kern, ein „Haus im Hochzeitshaus“. Es besteht aus mehreren, gänzlich offenen Ebenen, die durch ein großes Treppenhaus und einen mächtigen Fahrstuhl für 25 Personen erschlossen werden, um die erwarteten Besuchermassen aufzunehmen. Zu den südlichen Fenstern in Richtung Osterstraße hält das „Haus im Haus“ einen Abstand von etwa einem Meter. Die Fenster nach Norden, zur Marktkirche hin, sind in allen Etagen durch technische Einbauten unzugänglich. Für die geplante mediale Inszenierung war natürliches Licht nur hinderlich und konnte ausgeschlossen werden. Der Umbau zielte ausschließlich auf die spezifischen – monofunktionalen – Bedürfnisse der „Erlebniswelt“. Neben dem Ausschluss von Tageslicht waren mit ihm weitere folgenschwere Eingriffe verbunden wie stockwerkübergreifende Installationen und offene Etagen.

Der Umbau brachte Raumverluste in der Größenordnung von etwa 20 Prozent und ließ fatalerweise nur eine einzige Nutzung zu. Die bisherigen vergeblichen Versuche, nach dem Scheitern des Projekts neue Nutzer zu finden, haben das zur Genüge gezeigt. Selbst wenn die „Erlebniswelt“ erfolgreich gewesen wäre, hätte man das Gebäude nach dem für 2020 geplanten Abschluss des Projekts für eine andere Nutzung komplett umbauen müssen. Für jede neue Nutzung ist Tageslicht unabdingbar. Das Innere des Hauses ist infolge der einschneidenden Umbauten nüchterne und sterile Zweckarchitektur, ein starker Kontrast zur wertvollen, über 400 Jahre nahezu unveränderten Außenhaut des Gebäudes. Vom vorbildlichen Umbau des Inneren der 1930er Jahre durch Stadtbaurat Schäfer und Architekt Vollmer blieben nur die Riegeschen Glasfenster im Erker des Erdgeschosses.

Die oben abgebildete Steinskulptur des Erfurter Künstlers Hans Walther war 1931 als tragende Säule neben einem Ehrenmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen städtischen Angestellten aufgestellt worden. Die wertvolle Skulptur wurde 2004 unsachgemäß entfernt und liegt heute in Einzelteilen, beschädigt und vor Witterungseinflüssen ungeschützt, auf einem Lagerplatz des Friedhofes Wehl. Eine für die Zukunft tragfähige Lösung kann allein eine von Grund auf neue Gestaltung des Inneren sein, sprich eine Entfernung des „Hauses im Hause“. Ein Zurück zur ursprünglichen Gestaltung des 17. Jahrhunderts wird es nicht geben können, weil unsere Kenntnisse dafür nicht ausreichen. Frühere Nutzungskonzepte, aber auch der vorbildliche Umbau in den Jahren 1930-32 können aber Anregungen bieten. In der Diskussion der letzten Jahre hat die Idee eines über zwei Etagen gehenden Bürgersaals mehrere Fürsprecher gefunden. Hier scheint ein Konsens möglich zu sein. Der Vorschlag Bürgersaal ist bisher der einzige, der dem Gebäude von seinem Ursprung und seinem baugeschichtlichen Rang her entspricht.

Weitere historische Fotos unter zeitreise.dewezet.de

Die Eingangssituation des Hochzeitshauses war bis zum Umbau zur „Erlebniswelt Renaissance“ von der Rattenfängerskulptur des Künstlers Hans Walther geprägt.

Stadtarchiv/ Gelderblom



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