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Über das Wohl und Wehe von Umzügen und Auszügen

Es hat auch etwas Befreiendes

Freitagabend, 21 Uhr und 38 Minuten. Endlich dort, wo man alle Fünfe gerade lassen kann, wo nix mehr ansteht, das noch schnell erledigt werden müsste, und sei es zwischen Tür und Angel. Kneipentür auf. Hocker geschoben. Hingesetzt. Bier bestellt. Wochenende.

veröffentlicht am 08.02.2020 um 12:00 Uhr

Thomas Thimm

Autor

Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

„Hey Uwe, sorry, dass es so lange gedauert hat, aber Du weißt ja, manchmal ist eben viel zu tun …“ Über unseren Lieblingstresen wabert der bläulich-weiße Qualm der bekannten Suchtfamilien Benson, Marlboro und West langsam in Richtung Jukebox, aus der gerade in diesen Minuten die Originalversion von „Ich liebe das Leben“ plärrt. Es gibt halt Musik, die legst du dir nicht daheim auf und die ist mit Alkohol auf alle Fälle besser zu ertragen. Also: „Machst Du uns bitte mal zwei schnelle Bierchen …?“ Fürs Nicken der Wirtin gibt es noch ein ebenso knappes wie nettes „Danke“. Und dann erstmal nix machen. Einfach nix.

Sie kennen das, wenn bei der Arbeit sowieso schon Stress ist und zu Hause auch jede Menge erledigt werden muss, dann kommen immer wieder aufs Neue nochmal andere Dinge hinzu, dazwischen, obendrauf, die dann auch noch erledigt werden wollen, sollen oder müssen. Das kennt jeder. Mögen tut‘s niemand.

„Wat biste denn so gehetzt“, fragt Uwe mit einem dieser mitleidvollen Blicke, die mehr Sarkasmus in sich tragen als eben echtes Mitgefühl. „Wir ziehen um“, antworte ich knapp, und will eigentlich nicht viel quatschen, sondern erstmal die Kehle mit etwas Kaltem erfreuen. „Wat? Du ziehst um? Gefällt Dir Dein Haus nicht mehr? Wohin willste denn?“ Fragen über Fragen. Und alle sinnlos.

Das Bier kommt. Endlich. Zwei Stück wie gemalt. Exakt gezapft, nicht gepanscht, nicht geschüttelt, nicht gerührt. So wie es sein muss.

„Prost, Uwe.“

„Prost.“

Schluck für Schluck eine Wohltat. Freitagabend-Feierabend-Biere haben so ihre eigene Qualität.

Bei aller Freude ist es Zeit, etwas klarzustellen. „Nein, ich ziehe nicht privat um, wir ziehen um, meine Kollegen und ich, die Redaktion, wir ziehen fast alle in andere Büros. So war das gemeint.“ Fast etwas enttäuscht qualmt Uwe vor sich hin, und sagt: „Ach so … dat is‘ doch aber halb so wild. Du liebe Jüte, wat stöhnste denn da so rum … da klemmt man sich mal sein Werkzeug untern Arm und ab geht es dafür. Dat kann doch nich‘ so schwer sein.“

„Haha, Du hast ja leicht reden, Uwe. Wenn Du in Deiner Werkstatt von A nach B ziehst, dann reicht es vielleicht, wenn Du Deinen Schraubenzieher einsteckst. Bei uns ist das aber etwas komplizierter.“

„Wat soll denn da kompliziert sein?“

Nun ja, sprechen wir mal ganz allgemein, ich habe von Büroumzügen gehört, da ist schon allein die Sitzordnung eine Herausforderung. Der eine Kollege braucht das Licht von Rechts, eine Kollegin will an die Heizung, eine andere braucht die Wand im Rücken, der nächste will nicht mit dem Rücken zur Tür sitzen, dann gibt es welche, die wollen sich gegenüber sitzen, brauchen aber beide das Licht von Links, ähm, ja lassen wir das … wieder andere brauchen einen Schrank, den andere nicht schick genug finden, und, und, und … Also, Büros sind ganz offenbar ganz sensible Gebilde.

Sagt Uwe: „Ey, so wat kenn‘ ick, dat is‘ in meiner Halle och nich‘ anders. Bis wa beim letzten Umzug alle da war‘n, wo wa hingehör‘n, war viel Bier durch ‘n Hahn.“ Okay, ich habe den Wink für die Bestellung verstanden: „Machst Du bitte nochmal zwei Bier für uns?!“

Umziehen hat ja immer etwas mit Loslassen zu tun. Gewohntes Terrain aufgeben, die alte Umgebung gegen eine neue eintauschen, von der man nicht weiß, wie sie einem am Ende gefallen wird. Deshalb stellt man sich vor, es könnte irgendwie schlechter werden … By the way: Es kann auch besser werden.

Umziehen hat aber auch etwas Befreiendes. Man muss packen. Dabei kann man sortieren. Und vor allem: wegschmeißen. Oh Gott, was man so alles aufhebt im Laufe von ein paar Jahren. Da wundert man sich, was da alles im Schreibtisch oder im Schrank schlummert. Seien wir ehrlich: Die meisten Dinge können weg, einfach weg. In seltenen Fällen entdeckt man noch einen kleinen Schatz, den man im Laufe der Zeit schon vergessen hatte. Jetzt ist er wieder da. Was für ein Glück.

„Dat Glück hat aber nicht jeder“, grient Uwe.

„Was meinst Du?“

„Na, pass‘ ma‘ uff. Es gibt ja Leute, die zieh‘n in zwei Tagen zweimal um, die haben es aber auch nicht anders verdient. Der Typ da in Thüringen, der sich von den rechten Socken hat zum Regierungschef wählen lassen. Der ist den ein‘n Tag in die Regierung eingezogen und den anderen Tag gleich wieder aus. Der war selten dämlich, und nu‘ kann er gleich wieder weg. Der muss die Umzugskiste nich‘ auspacken.“

„Hier, zur Feierabend-Geschäftsordnung, euer Bier.“

„Prost.“

„Ja, lass es Dir schmecken.“



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