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„Malchens Ruh“ erinnert an Mord im Sommer 1893 / Täter floh gleich zweimal aus der Haft

Es geschah an einem Junitag vor 119 Jahren …

Der Stein, der nahe des Pyrmonter Kammwegs im Wald liegt, ist keiner wie jeder andere: Einst diente er als erste Stufe zum Holzhäuser Rathaus. Sogar Reste eines Geländerpfostens sind noch zu erkennen. Heute erinnert die einstige Treppenstufe als „Malchens Ruh“ an ein grausames Verbrechen, den Mord an Amalie Prasse, genannt Malchen im Sommer 1893.

veröffentlicht am 02.03.2012 um 06:00 Uhr

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Autor:

Frank Henkeund Sabine Brakhan

Fritz Emme aus Holzhausen und Albert Struck aus Löwensen ließen den Stein 1957 aufstellen. Genau dort, wo es geschah. Unter dem Vorwand, Einkäufe erledigen zu wollen, machte sich August Paatz am 23. Juni 1893 mit Amalie Prasse – beide hatten bereits gemeinsam ein Kind – auf den Weg von Holzhausen nach Aerzen. Aufgrund der Armut seiner Eltern waren die beiden unverheiratet. Nun sollte eingekauft werden, für einen gemeinsamen Hausstand, ein gemeinsames Geschäft, die Hochzeit schien endlich in Sicht.

Doch die junge Mutter kehrte am Abend nicht in ihre Wohnung zurück. August Paatz wurde von der Polizei befragt – und verwickelte sich in Widersprüche. Am folgenden Tag wurde er im Holzhäuser Spritzenhäuschen in Gewahrsam genommen. Doch ihm gelang die Flucht. Der inzwischen verstorbene Heimatforscher Karl Frye beschäftigte sich eingehend mit dem Fall. August Paatz habe die Gitterstangen losgerissen, verbogen und sich dann durch eine 19 Zentimeter breite Öffnung ins Freie gezwängt. „Eine besondere turnerische Leistung“, wie es Frye in seinem Heft „Geschichtliche Wanderung im Pyrmonter Forst“ anerkennend nannte. Schon nach wenigen Stunden nahm die Hamelner Polizei den Entflohenen wieder fest. Doch Paatz entpuppte sich als Ausbrecherkönig: Er floh erneut. Nach drei Tagen ging er der Polizei Osnabrück ins Netz.

Die Leiche seiner Geliebten war – obwohl Hunderte nach ihr suchten – zu diesem Zeitpunkt noch nicht gefunden. Erst neun Tage nach der Tat, am 2. Juli, führte Paatz die Polizei zu der Stelle unweit des „Aerzener Stegs“, an der heute der Gedenkstein liegt. In der Nähe des Grenzweges zwischen Pyrmonter und Aerzener Forst erdrosselte der Schuhmachergeselle die Zigarrenarbeiterin beim Erdbeersammeln mit einer Schnur, wie er aussagte.

Zeugen berichteten, so ist im Protokoll der Gerichtsverhandlung vom 2. Oktober 1893 zu lesen, dass der Beschuldigte wie auch seine Eltern vom späteren Opfer permanent öffentlich verhöhnt und schikaniert worden seien. Diese ließ offenbar ihrer Enttäuschung über die ausgebliebene Hochzeit freien Lauf.

Paatz, der in Polizeigewahrsam einen Selbstmordversuch unternommen hatte, wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt. „Unter lautem Weinen“ nahm er laut Frye sein Urteil entgegen. Doch der Verurteilte hatte Glück: Am 13. Dezember 1893 begnadigte ihn der Fürst von Waldeck-Pyrmont – die Todesstrafe wurde in lebenslange Haft im Zuchthaus in Celle umgewandelt. Nach dem Ersten Weltkrieg kam August Paatz durch eine Amnestie frei. Erst am 14. Dezember 1937 starb der Mörder von „Malchen“ in Bremen.

Heute erinnert eine Informationstafel am Gedenkstein an das Verbrechen an jenen Junitag vor 119 Jahren.

Die Namen von Opfer, Täter und den beiden Stiftern – Zeitzeugen der Tragödie – sind auf dem Gedenkstein verewigt.

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