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Wie das Haus Lortzing in Oesdorf zu seinem Namen kam

Erinnerung an einen berühmten Gast

Die frühe Farbfotografie von Ernst Hermann, die so stimmungsvoll mit dem Weg „Auf dem Fohre“ das dörfliche Leben in Holzhausen während der zwanziger Jahre in Szene setzt, wurde bereits vor einigen Wochen, wenn auch mit Orientierungsschwächen, beschrieben. Auf entgegengesetzter Seite, also in östlicher Richtung des traditionsreichen Kurortes Pyrmont, liegt das Dorf Oesdorf. Dieses Dorf, seit 1927 von Bad Pyrmont eingemeindet, ist räumlich enger als Holzhausen an Pyrmont angebunden. Oesdorf ist weniger über die Landwirtschaft als über das Handwerk und über das Personal, das in den Logierhäusern arbeitete, mit dem Kurzentrum und den Kurgästen verbunden.

veröffentlicht am 12.05.2014 um 06:00 Uhr

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Autor:

von Dr. Dieter Alfter

Mitten im dörflichen Zentrum von Oesdorf, nicht weit entfernt von der Oesdorfer Kirche, auch nicht weit vom Marktplatz und dem Beginn der Brunnenstraße entfernt, erhebt sich in der heutigen Lortzingstraße, damals noch Kirchhofstraße genannt, ein mächtiges Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, das sich in Größe und Bauart deutlich abhebt von den Fachwerkhäusern, die das dörfliche Leben zwischen Kirche und Marktplatz charakterisieren.

Die in den sechziger Jahren von einem Amateur dokumentierte Ansicht, vermutlich von der Höhe der Terrasse der Oesdorfer St.-Petri-Kirche fotografiert, beschreibt zutreffend die Lage des mächtigen Gebäudes, das aus der Zeit um 1800 an dieser Stelle erbaut wurde. Die vermutlich zu Garagen umgebauten Räume einer Werkstatt im Vordergrund des Bildes erinnern auch an die Zeit, als hier für die Fleischerei von Adolf Stahlmann, dem Eigentümer des Hauses Lortzingstraße 16, noch geschlachtet wurde. Im Hintergrund, den Borchardsweg hinunter Richtung Marktplatz, fällt schließlich der Blick auf den Fachwerkgiebel eines Bauernhauses.

Dieses Bauernhaus aus dem 17. Jahrhundert und das „Schlachthaus“ könnten von den alten dörflichen Zeiten Oesdorfs „erzählen“. Es ist schon bemerkenswert, dass im Umfeld dieser Schlachterei weitere fünf Schlachtereien existierten, dass die benachbarten Straßennamen Bäckerstraße oder Schmiedeweg auf Berufsgruppen hinweisen, die hier angesiedelt waren.

Aber die Marmortafel an der Schmalseite des großen Wohnhauses erinnert an etwas Besonderes. Die Inschrift lautet: „Hier wohnte Albert Lortzing in den Jahren 1827-1833.“ Diese Gedenktafel wurde am 1. Juli 1951 an diesem Haus aus Anlass des 150. Geburtstages enthüllt. Schon zu seinem 100. Geburtstag hatte man im Jahre 1901 vor dem Kurtheater und dem heutigen Hotel Steigenberger eine Lortzing-Büste enthüllt, damals das erste repräsentative Denkmal im deutschsprachigen Raum, das den Schauspieler, Sänger, Komponisten und Kapellmeister Gustav Albert Lortzing (1801-1851) würdigte.

Was gibt es nun zu erzählen von der Beziehung zwischen Lortzing und dem Kurort Pyrmont? Albert Lortzing war damals Ensemblemitglied des Detmolder Hoftheaters, das unter der Leitung von August Pichler die Städte Münster, Osnabrück und Bad Pyrmont „bespielte“. Im Frühjahr und im Herbst spielte man in Münster, im Mai in Osnabrück und im Sommer in Bad Pyrmont, im Winter dann in Detmold. So ist es nur allzu verständlich, dass Lortzing am Rande des Kurzentrums eine günstige Unterkunft suchte. Das damals noch selbstständige Oesdorf bot günstige Konditionen. Ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1951 beschreibt dies folgendermaßen: „Über die verschiedenen Wohnungen, die Lortzing im Laufe der sechs Jahre von 1827-1833 in Pyrmont innegehabt hat, konnte man bislang nichts Bestimmtes mitteilen. Im Hause von Schlachtermeister Stahlmann besteht eine mündliche Überlieferung, dass er dort gewohnt habe. Sogar das Klavier, das er benutzt haben soll, wurde früher gezeigt. Nun haben sich einige Kurlisten aus den Jahren 1830, 31 und 33 gefunden, die für diese Zeit die Wohnung bei Simon Moses angeben. Simon Moses hatte ein Tuchgeschäft im Hause des jetzigen Schlachtermeisters Hölscher.“ Und an anderer Stelle liest man, dass Lortzing sechs Jahre lang in der nach ihm benannten Straße gewohnt hat: „Es besteht immerhin eine solche mündliche Überlieferung, wie ja auch das Stahlmannsche Haus als Wohnung bezeichnet wird. Fest steht, dass Lortzing drei Mal im Hause Hölscher bei der Oesdorfer Kirche gewohnt hat.“ So spricht alles dafür, dass Lortzing während seiner Auftritte im Kurtheater hier am Rande des Zentrums in Oesdorf gewohnt hat. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Straße vor dem Logierhaus in Lortzingstraße umbenannt. Der Bürgermeister Ockel würdigt in seinem Brief vom 19. September 1896 die Bedeutung dieses Künstlers: „Man hat diesem ideal veranlagten Künstler, auch seiner tiefen Herzensbildung wegen, hier in unserer Stadt ein gutes Andenken bewahrt; man spricht noch oft und viel von seiner Tätigkeit am hiesigen Theater, welches derzeit unter des alten Pichlers Leitung stand, kennt auch das Haus, worin er gewohnt und, wie man glaubt, auch komponiert hat.“ Das Oesdorfer Haus in der Lortzingstraße 16 erinnert auf diese Weise an einen berühmten Gast.

Weitere historische Fotos unter zeitreise.dewezet.de

Die in den Sechziger Jahren von einem Amateur dokumentierte Ansicht, vermutlich von der Höhe der Terrasse der Oesdorfer St.-Petri- Kirche fotografiert – und heute.

Staatsbad/jl



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