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Gedenktafel am Klütturm: Die US-Amerikanerin Lillian Sanderson sang in und für Hameln

Erinnerung an eine Diva der Kaiserzeit

Hameln. „Der Meisterin des Gesanges in Verehrung gewidmet“: Am Klütturm, rechts neben der Aussichtsplattform, erinnert eine Gedenktafel an Lillian Sanderson. Warum ihr an dieser Stelle gedacht wird, erfährt der Besucher des Turmes nicht. Hatte die Dame mit dem englisch klingenden Namen eine besondere Verbindung zu Hamelns Hausberg, war die „Meisterin des Gesanges“, obwohl ihr Name anderes vermuten lässt, eine Hamelnerin, die vielleicht in der Weserstadt ihre Weltkarriere startete?

veröffentlicht am 16.11.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 16:40 Uhr

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Wiebke Kanz

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Wiebke  Kanz Reporterin (in Elternzeit) zur Autorenseite

Lillian Sanderson stammte, so verrät ein Blick in die Jahrbücher des Hamelner Museumsvereins, aus der am Westufer des Michigansees gelegenen Stadt Sheboygan im US-Bundesstaat Wisconsin. Am 13. Januar 1866 als Lillie Kemper geboren, war sie die Enkelin eines 1850 nach Amerika ausgewanderten Hamelners. Auf diese ihre deutschen Wurzeln besann sich Sanderson, als sie sich Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts entschied, ihre Heimat zu verlassen und am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt am Main eine Schülerin des Sängers, Gesangspädagogen und Dirigenten Julius Stockhausen zu werden.

Begleitet von den Berliner Philharmonikern, gab Lillian Sanderson 1890 in der Reichshauptstadt ihr erstes Konzert – und legte damit den Grundstein für eine große Karriere. In einer Zeit, in der – anders als heute – amerikanische Künstler in Deutschland noch kein hohes Ansehen genossen, gehörte die Solistin und Kirchensängerin zu den bedeutendsten musikalischen Vertreterinnen Amerikas, war als Gesandte der amerikanischen Kultur eine der großen Stimmen im Deutschland der Kaiserzeit, sang Konzerte mit Größen wie Anton Grigorjewitsch Rubinstein, Joseph Joachim und Hans von Bülow.

Zwischen 1892 und 1900, auf dem Höhepunkt ihrer Gesangskarriere, ging Lillian Sanderson auf insgesamt fünf Europa-Tourneen, in deren Verlauf sie jedes Mal auch in Hameln auftrat. Erstmals sang die Amerikanerin am 28. Februar 1892 in der Rattenfängerstadt, zu ihrem vierten Hamelner Konzert im Saal des Hotels „Monopol“ (dem späteren, mittlerweile geschlossene City-Kino an der Deisterstraße) reisten Bewunderer aus Hannover und weiteren Städten der Provinz an.

Sei es nun aufgrund ihrer Hamelner Wurzeln oder weil sie ein Auge für die Schönheit des Weserberglandes hatte: Bei jedem ihrer Auftritte an der Weser verzichtete Sanderson auf Honorar und Spesen und spendete die Summe zugunsten des Hamelner Verschönerungsvereins. 220 Mark erhielt der Verein allein beim ersten Konzert, beim zweiten wurden 200 Mark ausgezahlt – in damaligen Zeiten eine horrende Summe.

Aus Dankbarkeit widmete der Verein der „Meisterin des Gesanges in Verehrung“ 1893 die Gedenktafel aus Sandstein am Klüt. Über die Jahre brachen einige Steine aus der Gedenktafel heraus, überwucherte sie mit Moos, sie geriet in Vergessenheit. Wie auch die Sängerin selbst: Um die mit Ehren und Auszeichnungen überhäufte Diva wurde es ruhig.

Seit 1900 war sie in zweiter Ehe mit dem Dresdner Maler und Radierer Richard Müller verheiratet war, den sie auf einer ihrer Konzertreisen kennengelernt hatte. Müllers Zeichnungen bewegten Sanderson dermaßen, dass sie ihn beauftragte, sie zu porträtieren. Aus diesem Arbeitsverhältnis heraus entwickelte sich eine Liebesbeziehung, die beinahe 50 Jahre überdauerte – und das Ehepaar sowohl im Dritten Reich als auch unter sowjetischer Besatzung in arge Bedrängnis brachte. Denn die Sängerin hatte ihre amerikanische Staatsbürgerschaft niemals aufgegeben. Von Hitler ihres Besitzes beraubt, starb die „große Stimme der Kaiserzeit“ schließlich verarmt und halb verhungert am 9. April 1947 in ihrem Haus im Dresdner Stadtteil Loschwitz.

2002 wurde die verfallene Gedenkstätte von Moos befreit und saniert, fehlende Keupersteine ersetzt und die Bruchsteine neu verfugt. Auch die Ruhebank vor der Grotte erhielt neue Holzplanken. Die Spuren einer Amerikanerin mit Hamelner Wurzeln, einer „Meisterin des Gesanges“ im Deutschland der Kaiserzeit sind seitdem wieder sichtbar.



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