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SATIRE: So arbeiten die deutschen Medien wirklich

Endlich: Die ganze Wahrheit

Das Gespräch begann freundlich. Eine alltägliche Diskussion zwischen Leser und Zeitungsmacher. Beide waren nicht einer Meinung, aber das kommt vor. Doch dann fiel – ganz unaufgeregt – dieser Satz: „Sie sind doch von der Staatsmacht gelenkt“, das wisse schließlich jeder. Die „Staatsmacht“. Nicht eben ein gängiges Wort in einer parlamentarischen Demokratie. Aber das war nicht der Grund, warum der Redakteur am Telefon kurz erbleichte. Es war der Schreck: Sie hatten uns erwischt.

veröffentlicht am 22.09.2018 um 08:44 Uhr
aktualisiert am 23.09.2018 um 08:40 Uhr

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Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite

Natürlich kann ich Ihnen nichts vormachen: Sie haben den Unsinn von der Mondlandung nie geglaubt. Ihnen konnte nie jemand weißmachen, dass tatsächlich Flugzeuge das World Trade Center zum Einsturz gebracht haben. Und der Zusammenhang zwischen vermeintlichen Kondensstreifen am Himmel und klimatischen Veränderungen ist nun wirklich zu offensichtlich. Alles längst Teil der Allgemeinbildung des aufgeklärten Bürgers.

Nur wenig nach außen gedrungen ist jedoch bisher über eine der aufwendigsten Geheimaktionen der westlichen Welt: die Kontrolle der Medien durch die deutsche Regierung. Oder wie wir Insider sagen: durch das System Mutti. Doch heute packe ich aus. Denn natürlich steht die gewichtigste journalistische Stimme Hameln-Pyrmonts unter ständiger Beobachtung. Kein Text, keine Meldung wird ungeprüft veröffentlicht. Von Kommentaren gar nicht erst zu reden – die schreiben wir ohnehin nicht selbst.

Mehrmals pro Woche sieht man Redakteure erschreckt zusammenzucken: „Der Seibert ist dran“, zischen sie vielleicht gerade noch ihren Büronachbarn zu. Dann diktiert ihnen der Regierungssprecher persönlich die Textänderungen. „Da hat er drübergeseibert“, witzeln mutige Kollegen danach gelegentlich. Bei kleineren Berichten und Kurzmeldungen überlässt Steffen Seibert die Detailarbeit natürlich seinen Untergebenen im MfS, dem Ministerium für Staatsmedien. Nie davon gehört? Natürlich nicht.

Seinen Hauptsitz hat das Ministerium in einem kilometerweit verzweigten Tunnelsystem unter dem Schwarzwald. Seine Mitarbeiterzahl schätzen wir auf einige 100 000. Arbeit gibt’s schließlich reichlich: Rund 350 deutsche Zeitungstitel, über 1500 Lokalredaktionen, dazu Fernseh- wie Radiosender und Webseiten ohne Ende. All dies Material rechtzeitig vor der Veröffentlichung zu sichten und zu überarbeiten – eine Herkulesaufgabe. Steffen Seibert komme als Behördenleiter mit einer Stunde Schlaf pro Woche aus, so wird gemunkelt.

Wozu das alles? Nun, Sie kennen sich ja aus in der Welt. In jedem unserer Büros hängt ein Bild der Kanzlerin: „Nur die Ruhe“, ist dort in der Mitte der Merkel-Raute aufgedruckt. Das sagt doch schon alles. Natürlich begegnen uns manchmal Dinge, die diese Ruhe gefährden könnten. Rentner verhungern zu Dutzenden auf offener Straße? Kein Wort von uns. Horden fremdländisch anmutender Gestalten plündern und brandschatzen allabendlich in der Innenstadt? Wir berichten nicht. Ein Ufoabsturz bei Unsen? Das ist nie passiert. Manchmal geht es natürlich auch um handfeste wirtschaftliche Interessen der Regierung. (Ich sage nur: Windenergie – Sie wissen schon.) Oder um die Freimaurer.

Im Redaktionsalltag klingelt das Telefon mitunter aus überraschenden Gründen: „Die Konzertankündigung auf der Hessisch-Oldendorf-Seite“, näselt dann etwa eine Ministeriumsmitarbeiterin, „dort steht: ,marokkanische Musik‘. Schreiben Sie ,Ethnopop‘, sonst fühlen sich die Leute überfremdet.“ Manchmal muss sogar der Wetterbericht überarbeitet werden. „Die Chinesen sagen, wir machen sonst ihren Klimawandel unglaubwürdig.“ Hin und wieder ist sogar die Kanzlerin persönlich am Telefon. Sicherlich auch heute, sobald dieser Text erschienen ist, den ich nun heimlich in die Druckerei schmuggeln werde.

Es dürfte meine letzte Veröffentlichung sein. In der Zeitung wird vielleicht bald von einem tragischen Unfall zu lesen sein. Aber Sie kennen ja nun die ganze Wahrheit …



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