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Autos wecken Leidenschaft – aber nicht bei jedem

Emotional untermotorisiert

Auto – das steht für Freiheit. Sagen sie. Nicht für Freiheit des Denkens, nein, das dann nicht. Zumindest nicht, wenn gründliches Denken auf Tempolimits, Fahrradstraßen, E-Autos, Fahrverbote hinausläuft. Nicht auszudenken so was. Schon gar nicht in Deutschland. Denn Autos, die sind ja ein emotionales Ding, sagen sie. Da darf keiner ran. Kein Politiker, kein Klimaforscher, kein Verkehrswissenschaftler, der irgendwas öde Ungetuntes über Unfalltote erzählt. Sagen sie.

veröffentlicht am 22.06.2019 um 11:00 Uhr

Frank Henke

Autor

Reporter zur Autorenseite

„Sie“ – das sind meistens Männer. Mein Problem: Ich verstehe sie nicht.

Ich fahre Auto, das schon. Eigentlich sogar abwechselnd zwei verschiedene – ergab sich so. Ich versuche, sie öfter mal stehen zu lassen, aber allzu oft geht’s nicht. So ist das auf dem Land.

Nun wird aber von mir erwartet, dass ich die Kiste, mit der ich durch die Gegend fahre, so richtig lieb habe. Sie in meiner Wertschätzung über all meine anderen Habseligkeiten stelle, sie poliere und liebkose. Und das alles – kriege ich nicht hin. Ein emotionales Defizit meinerseits. Gefühlsmäßig untermotorisiert, Interesse läuft nicht auf allen Töpfen, kein Benzin im Blut. Kein bisschen. Ich habe schon in der Grundschule beim Autoquartett nur aus Höflichkeit mitgespielt. Und die Autos nach Farbe unterschieden, nicht nach Hubraum. Was Hubraum war, wusste ich eh nicht. Schlimmer: Ich wollte es nicht mal wissen.

Viel später, erst vor wenigen Jahren, entspann sich bei einem geselligen Anlass um mich herum ein Autogespräch. Am Ende unterhielten sich die Bekannten über ein neues Modell. Ich habe mir nicht gemerkt, welches. Zu wenig Interesse. Was ich mir gemerkt habe: Das Gespräch drehte sich irgendwann nicht mehr um PS, Beschleunigung oder was auch immer Autointeressierte als erstes interessieren mag, sondern um: die Gestaltung der Mittelkonsole. Um das Ding also, das zur Aufbewahrung von leeren Cappuccino-Bechern, Tankquittungen von 2016 und zerkratzten Neil-Young-CDs gedacht ist. Ich hatte nicht mal ein schemenhaftes Bild vor Augen, wie das Auto von außen aussehen mochte – schwarz vielleicht? – und um mich herum ging es um: die Mittelkonsole. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin selbst zu mancher versponnenen Expertendiskussion bereit – in anderen Bereichen. Aber hier spürte ich das Defizit: Autos sind mein blinder Fleck.

Diese Gleichgültigkeit umfasst sogar unsere eigenen Autos zu weiten Teilen. Maximal in grober Annäherung komme ich auf ihre PS-Zahlen. Meistens frage ich gleich meine Frau. Ein Auto ist braun, das andere blau. Da bin ich mir ziemlich sicher.

Klar habe auch ich über Jahrzehnte auf Landstraßen, Autobahnen, Rasthöfen, Parkplätzen persönliche Autogeschichten gesammelt. Ich überprüfe auch den Ölstand, den Reifendruck, wechsele Wischblätter und Scheinwerferbirnen. Aber echte Liebe zum Gefährt wurde noch nie daraus. Nicht mal nach langen Jahren. Vor noch gar nicht so langer Zeit klebte der Winterfrost regelmäßig die Gummidichtungen in den Türen unseres schon sehr betagten Golfs zusammen. Der Weg zur Arbeit reichte nicht ganz, das Auto aufzutauen. Also kletterte ich notfalls durch die einzige offene Tür – meistens: hinten links – ins Auto hinein und auf dem Dewezet-Parkplatz dort auch wieder heraus. Erst nach diversen dieser Turnübungen kam ich auf die Idee, dass ihnen eine gewisse Würdelosigkeit anhaften könnte. Auf Autosuche ging ich trotzdem nicht. Zu wenig Interesse. Am Ende setzte der Fahrer eines deutlich neueren Wagens den unsentimentalen Schlusspunkt – indem er mir beherzt die Vorfahrt nahm.

Kurzum: Wenn Autos künftig nicht mehr brummen, sondern elektrisch summen, wenn sie aus Städten verbannt und auf der Autobahn im Tempo gedrosselt werden sollen: Ich bin dabei. Wir können auch, vorausgesetzt die tierschützerischen Rahmenbedingungen stimmen, gesetzlich verordnet auf Eselskarren umsteigen. Ich komme damit klar. Ein Trost in meiner gelegentlichen Einsamkeit: Viele jüngere Leute sehen das offenbar ähnlich emotionsarm. Führerschein und eigene Karre sind für sie – sagen Forscher – kein allzu großes Thema mehr. Mobiltelefone zum Beispiel sind ihnen viel wichtiger. Mein Handy ist vorne schwarz, hinten silbern. Das genaue Modell? Wen interessiert denn so was?



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