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Das Meer in Schwarz-Weiß

Einsamkeit auf Facebook: 700 Freunden ist das egal

Letzte Nacht hat er schlecht geschlafen. Die Nachbarn wieder, die Musik. „Ihr kennt das“, tippt er um kurz nach 21 Uhr, „ich ertrage es nicht mehr“. Alles bleibt still. Kein Like, keine Smiley, kein Kommentar. 60 Freunden ist das egal. Es gibt kein Achselzucken auf Facebook. Gäbe es eins, gäbe es vielleicht eine Reaktion. Freunde auf Facebook sind nicht vergleichbar mit echten Freunden

veröffentlicht am 09.02.2018 um 16:09 Uhr

Zeichnung: cn
Juni

Autor

Julia Niemeyer Verlegerin / Chefredakteurin zur Autorenseite

„Mehr bedeutungsvolle Interaktion“ hat die Plattform vor dem letzten Algorithmuswechsel versprochen. Der Austausch unter Freunden und Familienmitgliedern solle gestärkt werden. Aber Freunde auf Facebook sind nicht vergleichbar mit echten Freunden. Eher sind sie wechselseitiges Publikum. Anspruchsvoll und schnell gelangweilt.

Wer sich dabei filmt, wie er mit 220 Sachen über die Autobahn brettert, wer in ferne Länder reist und andere daran teilhaben lässt, wer witzig ist oder polarisiert, wird mit Aufmerksamkeit belohnt. Vielen anderen bleiben nur Katzenbilder – und kopierte Texte, die mit „Wer wirklich mein Freund ist, teilt diesen Text“ enden. Erzwungene, erbettelte Interaktion kann nicht bedeutungsvoll sein.

Am nächsten Morgen anderswo auf den sozialen Plattformen: Bunte Bilder von Kaffeetassen, sonnige Sprüche, „Heute ist dein Tag. Sei glücklich. Sei ehrlich. Sei einfach du.“ Nicht selbst geschrieben. Geklaut. Geteilt. Das „Guten Morgen“ der Gemeinde. Ein paar Herzchen zur Antwort, dreimal „Dir auch“. 170 Freunde sind wach. Einer ist krank: „Wieder diese Schmerzen. Es ist zum Verrücktwerden.“ „VielKraft, vielKraft, vielKraft“, antwortet die Gemeinde, „wir senden dir Liebe“. Herzchenregen.

Eine Frau antwortet immer, überall, schickt Bilder mit Sprüchen und Sonnenstrahlen. „Kennst du sie?“, fragt man den Kranken bei Gelegenheit. „Nein.“ Man muss sich nicht kennen. Will es vielleicht auch nicht. Was zählt, ist das Herzchen, der Spruch, irgendwo geklaut, hundertmal versendet. Dankbar klickt man „Gefällt mir“. Drei anderen Freunden gefällt, dass überhaupt jemand Worte fand.

Nie war Einsamkeit so gemeinsam. Nie so vorzeigbar. So aufdringlich. Schon die Katze im Profilbild sagt mehr, als man wissen will. „Seht mich!“, rufen die kopierten Sprüche darunter, „Ich bin noch da!“ Und manchmal denkt man beim Lesen: „Noch“ – und erschrickt.

Am Abend häufen sich die ausgestreckten Mittelfinger. Verwischte Grautöne. „Wer mich nicht mag, ist ein Arsch“, sagen die Sprüche darunter, „ich mach mein Ding. Mir egal, was andere denken“. „Yo“, antwortet einer. Keinem gefällt das. „Scheißtag!“, schreibt jemand in Großbuchstaben. 250 Freunde fragen nicht nach. Zwei tun es, bekommen aber keine Antwort. Einen Tag später liest man „Mehr per PN“ - und scrollt weiter.

Oma ist tot. Die große Liebe vorbei. Der Hund weggelaufen. Dreißigmal „Es tut mir so leid“. Das Mitgefühl ist ein Bot, es reagiert mechanisch aufs Stichwort. Weinende Smileys, das „Herzliche Beileid“ der Gemeinde. Nach Einzelheiten fragt man nicht. 380 Freunde haben anderes zu tun. Posten Bilder ihrer Lieben. Alle lachen. Das Essen auf dem Teller: Ein Gedicht. Die Schuhe: Ein Traum. 530 Freunde scheinen ein besseres Leben zu leben. Die neue Einsamkeit schmerzt auch deshalb so sehr, mutmaßt eine Studie aus Pittsburgh.

„Ich bin so alleine.“ „Es tut weh, nicht geliebt zu werden.“ „Wie soll es bloß weitergehen?“ „Ich schaffe das nicht.“ Ganz wenige schreiben diese wichtigen, bedeutungsvollen Dinge auf Facebook. Stattdessen der ausgestreckte Mittelfinger. Und kopierte Bilder vom Meer in Schwarz-Weiß.

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