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Von rotierenden Dichtern, Wein, Weib und Gesang

Einigkeit und Recht und Gleichheit

„Jetzt also die Hymne. Nach Unisextoiletten- , Mitgliederinnen- und MeToo-Diskussion hat der Gender-Wahnsinn nun auch das deutscheste aller deutschen Lieder erfasst. Aus „Vaterland“ soll „Heimatland“, aus „brüderlich“ „couragiert“ werden.“ Das jedenfalls schlägt Kristin Rose-Möhring, Gleichstellungsbeauftragte des Bundes, vor. Eine sinnvolle Idee? Chefredakteurin Julia Niemeyer sieht das zweigeteilt.

veröffentlicht am 10.03.2018 um 08:30 Uhr

Juni

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Verlegerin / Chefredakteurin zur Autorenseite

Dass Kristin Rose-Möhring obendrein über eine gewisse Ähnlichkeit mit US-XXL-Komikerin Roseanne Barr verfügt, die Sätze sagt wie „PMS ist die einzige Zeit im Monat, in der ich mich wie ich selbst fühle“, ist ebenfalls erwähnenswert . Denn sicherlich war es doch ein ausgewachsenes Prämenstruelles Syndrom, was unsere Gleichstellungsbeauftragte da geritten hat.

Angetrieben durch ihren despektierlichen Rempler rotiert, wie ich irgendwo lesen durfte, Hoffmann von Fallersleben nun ungebremst im Grabe. Scharen von Journalisten, Politikern, Literaturwissenschaftlern und Ottonormalbürgern rotieren solidarisch mit: Unsere schöne Hymne! Man wünschte sich fast, sie würden es singen. Oder wenigstens einmal die Hymne so voller Inbrunst anstimmen. Und man fragt sich: Was mag wohl 1952 unter Tage losgewesen sein, als Theodor Heuss und Konrad Adenauer das Deutschlandlied erneut zur Nationalhymne ausriefen – und gleichzeitig verfügten, dass die ersten beiden Strophen bei offiziellen Anlässen nicht mehr gesungen werden sollten. Zwei ganze Strophen, geopfert auf dem Altar des „Zeitgeistes“!

Einem von Fallersleben, der nun angeblich wegen zweier Wörter keinen Frieden mehr findet, hätte das bestimmt nicht gefallen. Er hatte sich ja etwas gedacht bei seinem Lied der Deutschen. Etwas Großes und Gutes. Nicht das, was die Nationalsozialisten später daraus machten und wozu sie sein schönes Werk als Schlachtruf missbrauchten. Das alles konnte er ja 1841 auf der damals noch britischen Insel Helgoland nicht ahnen. Dennoch: Die ersten Strophen wurden nach Kriegsende aus der offiziellen Hymne gestrichen. Warum denn bloß, wenn es doch – wie man in der aktuellen Debatte hört – nur um ein paar Wörter geht. Die man obendrein bitte vor dem Hintergrund ihrer eigenen Entstehungszeit interpretieren müsse. Nun, offenbar war man damals der Meinung, dass großdeutsche Phantasien lieber nicht mehr offiziell besungen werden sollten. Historischer Hintergrund hin oder her.

Ich finde, das war eine sehr weise Entscheidung. Denn eine Hymne ist eben mehr als bloß ein Lied. Sie soll unseren Blick auf das Land nicht nur beschreiben, sondern beeinflussen. Sie soll das Verhältnis der Bürger zu ihrem Staat prägen und zum Wirgefühl inspirieren. Man singt sie nicht zum Spaß, sondern um sich als Teil eines Ganzen zu empfinden und darzustellen. Daher auch die Gänsehaut, die manchen beim Schmettern so wohlig überläuft. In den vergangenen Tagen wurde mir erklärt, dass auch ich gerne Gänsehaut haben dürfe, wenn da von Vaterland und Brüderlichkeit gesungen wird. Von Fallersleben meinte es doch nicht so, damals auf Helgoland.

Wahrscheinlicher ist, dass von Fallersleben es eben doch so meinte, damals auf Helgoland. Denn damals auf Helgoland dürfte die Vorstellung der Frau als gleichgestellte Staatsbürgerin mehrheitlich dieselben Reaktionen hervorgerufen haben wie es heute die Forderung nach einer geschlechtsneutralen Umformulierung der Nationalhymne tut: Hö Hö, wie albern. Ich gebe zu, dass dies auch meine erste Reaktion war. Der Genderwahnsinn ist ja tatsächlich manchmal einer...

Ich sehe es von Fallersleben nach, dass er damals auf Helgoland die aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse nicht vorhersehen konnte. Dass er den Frauen, statt sie kämpferisch MITsingen zu lassen, einen lauschigen Platz in der zweiten Strophe seines Liedes zuwies, wo sie sich seitdem in einer Reihe mit Wein und Gesang BEsingen lassen dürfen. So sah man Frauen eben damals auf Helgoland und anderswo. Schwamm drüber, denn schließlich sah man damals auch Deutschland noch ausgebreitet von der Maas bis an die Memel.

Heute allerdings nicht mehr. Ich halte es für möglich, dass das Heuss´sche Strophen-Streichen dazu einen winzigkleinen Beitrag geleistet hat. Ich halte es ebenfalls für möglich, dass sich Frauen von einer geschlechtsneutralisierten Hymne als Bürgerinnen besser repräsentiert fühlen könnten – und allein dafür braucht man eine Hymne. Was ich mir dagegen nur schwer vorstellen kann: Dass es einen von Fallersleben tatsächlich um die letzte Ruhe brächte, wenn wir zukünftig statt von Vätern und Brüdern von Heimat und Courage sängen. Wohlgemerkt nur in der Hymne, denn das ursprüngliche „Lied der Deutschen“ muss als literarisches Werk selbstverständlich mit allen Wörtern und Strophen erhalten bleiben. Man sagt, der Dichter sei ein kluger, fortschrittlich denkender Mann gewesen. So einer tut eines nicht: Auf Altem beharren, nur weil es alt ist. Er tut so etwas selbst dann nicht, wenn der Innovator eine Frau mit Doppelnamen ist.

An dieser Stelle sei der Hinweis gestattet, dass sowohl Kanada als auch das traditionsbewusste Österreich ihre Hymnen gegendert haben. Die gute Nachricht: Die Alpenrepublik steht noch. Ob Paula Preradovic weiterhin in Frieden ruht, beleidigt rotiert oder 2011 vielleicht sogar ein unterirdisches Freudentänzchen aufgeführt hat, ist nicht überliefert.



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