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Warum Kritik schmerzt, aber wirkt

Einfach mal aushalten

Ich hör mir ja alles an – außer Kritik.“ Guter Spruch, ne? Habe ich deshalb wohl schon öfter benutzt, zugegeben. Mache ich also jetzt nicht mehr. Es gibt ja nichts Schlimmeres als Leute, die ihre (irgendwann vielleicht mal) guten Sprüche und Geschichten ständig wiederholen. Ach, doch: Schlimmer ist es, darauf hingewiesen zu werden, dass man’s tut.

veröffentlicht am 01.06.2019 um 12:00 Uhr

Illustration: cn
Frank Henke

Autor

Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite

Berechtigte Kritik also – quasi die Zahnwurzelbehandlung der zwischenmenschlichen Kommunikation. Zumindest, was ihre Beliebtheit betrifft. Und: In beiden Fällen dauert es eine Weile, bis der Schmerz nachlässt. Aber danach wird’s im Optimalfall besser.

Die Kritik des anderen auszuhalten – vermutlich eins der Geheimnisse jeder glücklichen Ehe. Obwohl Ehefrauen – oder auch Kolleginnen – ja eher selten kritisieren. Sie korrigieren lieber. Ich kann damit gut umgehen. Dass mich eine sehr geschätzte Redakteurin vor gut einem Monat auf einen wiederholten grammatikalischen Lapsus aufmerksam gemacht hat, habe ich ihr inzwischen verziehen. Na, ja: beinahe.

Es ist doch geradezu tröstlich: Auch Politikprofis haben uns in dieser Hinsicht nichts voraus. Ein aufgeregter junger Mann mit blauen Haaren hat kurz vor der Europawahl vor allem der Union, aber auch der SPD gründlich die Leviten gelesen. Gründlich auch insofern, als er mit Grafiken und Quellenangaben nicht geizte. An einigen Stellen traf er ins Schwarze (oder: die Schwarzen), an einigen überdrehte er oder haute schlicht daneben. Die CDU fand das – zumal nach einem lausigen Wahlergebnis – doof. Die neue Parteichefin kam deshalb offenbar auf ein reichlich überholtes Regierungskonzept: Verbieten! Nein, so deutlich sagte sie es nicht, wir sind ja nicht in Aserbaidschan. Aber von „Regeln für den digitalen Bereich“ bei „Meinungsmache“ fabulierte sie doch. Und das ist die wohl schlechteste Möglichkeit, auf Kritik zu reagieren: mundtot machen. Funktioniert in der Öffentlichkeit eigentlich nie. Und privat? Nicht mal bei Kleinkindern.

Wir als Zeitungsleute – quasi Berufskritiker – bekommen natürlich auch selbst unsere regelmäßige Portion Kritik ab. Das gehört dazu. Die Kanäle dafür waren schon immer offen und werden genutzt: Telefon, Leserbriefseite, Netz. Manchmal widersprechen wir sogar. Dieser Tage im Netz zum Beispiel, als ein traditionell besonders kritischer Leser in einem Post suggerierte, unsere Heimatserie „Daheim“ sei doch quasi Wahlkampfhilfe für den rechten Rand: „Heimat“ in der Zeitung, „Heimat“ auf Wahlplakaten – zack, Verknüpfung fertig. Wenig überraschend: Wir sahen das anders und hielten dann auch dagegen. Am Ende fragte der nun kritisierte Kritiker sinngemäß, wie man uns, die Zeitung, denn bitteschön kritisieren dürfe (zu viel „kriti-“ in einem Satz, die Kritik nehme ich an). Die Antwort ist simpel: genau so. Einfach sagen, schreiben, posten – wie auch immer. Aber dann dürfen wir auch widersprechen – spätestens, wenn’s mal wirklich nicht passt. Wie alle anderen auch.

Denn so schmerzhaft berechtigte und so ärgerlich unberechtigte Kritik auch ist: Sie muss möglich sein. Und genauso die Kritik an der Kritik. Oder die Kritik an der Kritik an der Kritik – setzen Sie die Reihe fort, solange sie möchten. Wenn heute jeder Todesstrafenforderer und Fremdenfeind im Netz meint, er müsse von seiner beschnittenen „Meinungsfreiheit!“ klagen, sobald jemand auf seinen Unsinn mit Argumenten antwortet, ist das bitter. Noch bitterer ist es aber, wenn die Vorsitzende der noch immer meistgewählten Partei, dazu bereit scheint, notfalls an der – dann mal wirklich – „Meinungsfreiheit!“ zu sägen, wenn es lästige Kritiker ruhigstellt. Streitkultur heißt das Zauberwort. Davon brauchen wir eine Menge – auf allen Kanälen. Mit Argumenten statt Geschrei, mit Respekt statt Beschimpfungen. So funktioniert Diskurs, Debatte, Demokratie. Auch, wenn’s manchmal wehtut – wie die Sache mit dem Grammatikfehler.



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