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Alte Karrenanstalt von Grund auf umgewandelt: Der Neubau des Stockhofes 1827

„Eine einträgliche Fabrikanlage“

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der Phase der beginnenden Industrialisierung, fanden in Deutschland einschneidende Strafanstaltsreformen statt. Die Gefängnisse und Zuchthäuser rückten ins Zentrum bürgerlichen Interesses. Die Zeit setzte großes Vertrauen darein, dass die Menschen durch die Gewöhnung an regelmäßige körperliche Arbeit gebessert werden könnten.

veröffentlicht am 27.05.2013 um 06:00 Uhr

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Autor:

Bernhard Gelderblom

Heinrich Balthasar Wagnitz, Pastor am Zucht- und Arbeitshaus in Halle, beschrieb Häftlinge nicht als „verruchte Bösewichter“, sondern sah in ihnen „Menschen, die durch eine unglückliche Leidenschaft irregeleitet, im Taumel derselben straffällig gehandelt, oft aus Unwissenheit von andern verführt, gesündiget haben“. Die bisherigen Anstalten, die nur der Verwahrung gedient hätten, sollten deshalb in „Verbesserungs-Anstalten“ umgewandelt werden.

Auch im Königreich Hannover kam es zu Reformen. Die Motive der Regierung waren aber weniger humanitärer Art. Vielmehr sollten die hohen Kosten, welche die Strafanstalten verursachten, durch systematische Häftlingsarbeit aufgefangen werden. Im Juli 1819 beauftragte das Kabinetts-Ministerium den Geheimen Justizrat Carl Wilhelm Hoppenstedt mit der Ausarbeitung der Reform. Den Schwerpunkt der Reform legte dieser auf die Karrenanstalten, deren Zustand er als besonders katastrophal empfand. Seine Vorschläge lassen sich in den folgenden Punkten zusammenfassen: Die Karrenanstalten sollten aus der Militärverwaltung herausgelöst werden und eine eigenständige zivile Verwaltung und Beamtenschaft erhalten.

Alle Gefangenen sollten eine sinnvolle körperliche Arbeit bekommen, die möglichst in der Anstalt abzuleisten war. Ein Anteil am Arbeitsverdienst war bei der Entlassung auszuzahlen, um die Eingliederung zu erleichtern. Neben der Arbeit sollten die „Segnungen der Religion“ die Gefangenen auf den Weg der Besserung führen. Deswegen sollte der Stockhof einen Anstaltsgeistlichen bekommen. Die hohen Kosten der Reform wollte Hoppenstedt durch Einkünfte aus der Häftlingsarbeit aufbringen. Er gab der Hoffnung Ausdruck, „daß die Mittel, durch welche eine bedeutende Ersparung der großen Kosten befördert werden kann, zugleich die besten Mittel sind, die Strafanstalten als Verbesserungs-Anstalten für die Verbrecher vollkommener zu machen“.

Der heutige Gebäudebestand des Hotels Stadt Hameln entspricht der ersten 1834 abgeschlossenen Bauphase des neuen Stockhofes. Damals entstanden das Hauptgebäude (re.), die Verwaltung (Mi.) sowie das Eingangsgebäude mit Lehrerwohnung (im Hintergrund li.). bg

Einen entscheidenden Schritt tat Hoppenstedt, als er den Hamelner Oberkommissär und Bürgermeister Johann Georg Domeier als Direktor des Stockhauses vorschlug. Domeier erwies sich als großer Glücksgriff. Er stand der Anstalt von 1820 bis 1840 vor, also fast zwei Jahrzehnte lang. Nachdem 1823 der Hamelner Festungskommandant von der Oberaufsicht über die Strafanstalt entbunden worden war, hatte Domeier freie Hand.

Domeier wandelte die alte Karrenanstalt von Grund auf um. Er schuf eine geordnete Verwaltung und stellte Aufsichtsbeamte ein, verbesserte Unterbringung, Kleidung und Verpflegung der Gefangenen, richtete eine eigene Hauswirtschaft ein und machte aus dem unproduktiven Karrenbetrieb „eine einträgliche Fabrikanlage“.

In manchen Dingen blieb Domeier ein Kind seiner Zeit. Er glaubte, auf die Prügelstrafe nicht verzichten zu können, wenngleich er den Arrest in einer Einzelzelle für wirkungsvoller hielt. Und er sah die beiden einzigen wertvollen Erziehungsfaktoren in der Arbeit und der Religion. Unterricht in den Elementarfächern Lesen, Schreiben und Rechnen hielt er hingegen für überflüssig.

Domeiers wichtigste Leistung war der Neubau des Stockhauses. Mit dem Bau einer neuen Anstalt machte er überhaupt erst den Weg zu einer Erziehung durch Arbeit frei. Die Verlegung hinaus aus der Enge der Stadt in das ungenutzte ehemalige Festungsgelände war seine Idee. Dort konnte sich die Anstalt genügend entfalten.

Architekt des Neubaus war der Schleusen-Commissair und Deich-Conducteur Richard Adolph Dammert, Bauleiter war Theodor Peters. 1827 entstand das Hauptgebäude, ein dreigeschossiger, fast 50 Meter langer Baukörper mit zwei mächtigen Eingangstüren. Es diente als Haft- und Arbeitshaus für 250 Sträflinge. Große Arbeitssäle und Werkstätten sowie Schlafräume für jeweils 25 bis 30 Sträflinge bildeten das Raumprogramm.

Der Architekt hatte neben den Schlafräumen folgende Raumnutzung vorgesehen: Die Weberei nahm mit 26 Webstühlen, der Spul- und Scherstube den mit Abstand größten Raum ein. Daneben gab es je eine Böttcher-, Tischler- und Drechslerwerkstatt und schließlich den Betsaal und das Unterrichtszimmer. Die „Hamelnschen Anzeigen“ schrieben am 17. Februar 1828 über den Neubau: „Das Gebäude besteht aus drei Etagen. Sowohl die inneren als äußeren Mauren sind von großen Bruchsteinen aufgeführet und das Dach mit Sollinger Schieferplatten bedeckt. Durch zwei an der nördlichen Seite des Gebäudes befindliche Türen gelangt man in die erste Etage, von welcher letzteren ab die Türen zu vier Gefängnissen angebracht sind, in deren jedem, dem Vernehmen nach, 24 bis 30 Sträflinge ihre nächtliche Lagerstätte finden sollen.

Im westlichen Teile dieser Etage liegen Geschäftszimmer für die Offizianten, unter denselben der nötige Kellerraum, und im östlichen Teil eine Tischlerwerkstätte und ein Zimmer für einen nächtlichen Wächter. Die Einrichtung der zweiten Etage ist der ersten mit dem Unterschiede gleich, daß in derselben anstatt der Zimmer für Offizianten, der Tischlerwerkstätte und der Wachstube, ein geräumiger Betsaal und Magazine für verfertigte Fabrikate sich befinden. Die dritte Etage besteht ganz aus Arbeitssälen.“ 1830 entstanden als kleinere Flügelbauten die Verwaltung (westlich) und das Lazarett (östlich). 1834 wurde das Tor- und Wachgebäude errichtet. Es war zunächst eingeschossig und bildete mit seiner schlichten Biedermeierfront und den in der Einfahrt stehenden Säulen einen ernsten Eingang zum Stockhof. Später wurde es aufgestockt und in seinem Obergeschoss die Lehrerwohnung eingerichtet.

Nächste Woche lesen Sie: Die Erweiterung um 1850.

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