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Der Dr.-Witte-Platz in Bückeburg erinnert an eine zu Lebzeiten lebende Legende

Ein „ungemein volkstümlicher“ Arzt

Bückeburg (gp). Jeden Tag steuern Hunderte von Autofahrern den Bückeburger „Dr.-Witte-Platz“ an. Ein kleines Schild im Zufahrtsbereich weist auf Lebensdaten (1861-1940) und Berufsbezeichnung („Sanitätsrat“) des Namensgebers Hermann Witte hin. Ansonsten ist der vor 150 Jahren geborene Arzt und Menschenfreund – selbst in seiner Heimatstadt – in Vergessenheit geraten.

veröffentlicht am 28.05.2011 um 00:00 Uhr

Dabei war „Witten Hermann“ schon zu Lebzeiten eine Legende. Er lebte und praktizierte 50 Jahre lang in einem stattlichen Ex-Freihaus (Nr. 4) an der Trompeterstraße. Der dazugehörige Garten reichte bis nahe an das heutige Kaufhaus Magro (früher Schild) heran. Als auf dem Grundstück Ende der sechziger Jahre der heutige Großparkplatz entstand, wurde die neue Betonfläche nach dem prominenten Ex-Anwohner benannt. Auch das in diesem Stadtquartier beheimatete Bürger-Rott übernahm dessen Namen („Dr. Witte-Rott“).

Hermann Witte stammte aus Bad Eilsen. Sein Großvater war jener berühmt gewordene Schuhmachermeister Friedrich-Wilhelm Witte, der 1817 mit der „Eilser Sparlade“ das erste heimische Geldinstitut gründete. Enkel Hermann fiel durch ganz anders gelagerte Aktivitäten auf. Schon als junger Bursche war er als verwegener Draufgänger mit einem ausgeprägten Hang zu derben Streichen bekannt. Das wurde ihm unter anderem als Pennäler des Adolfinums zum Verhängnis. „Unduldsame Kräfte und Mächte haben mich seinerzeit aus Bückeburg vertrieben“, beschrieb er später den unfreiwilligen Abgang aus der örtlichen Lehranstalt. Dank einflussreicher Fürsprecher durfte er sein Abitur in Rinteln machen.

Nach der Schule studierte Witte in Leipzig und Würzburg Medizin. Am liebsten hielt er sich, eigenen Berichten zufolge, außerhalb der Hörsäle auf. Zu mitternächtlicher Stunde wurde „eine Säbelpartie nach der anderen gefochten“. Zwischendurch entdeckte er seine Liebe zu der schönen Justizratstochter Marie Hofmann, die er nach dem Examen als Ehefrau mit in die Heimat brachte.

1890 eröffnete der junge Doktor in Kirchhorsten seine erste Praxis. Ein Jahr später zog er in die Residenzhauptstadt um. Es dauerte nicht lange, da war er bekannt wie ein bunter Hund. Besonders die kleinen Leute und Landbewohner aus den umliegenden Dörfern mochten und vertrauten ihm. Witte sprach ihre Sprache – kurz, direkt und am liebsten platt. Wer Schmerzen hatte, konnte jederzeit zu ihm kommen.

Berühmt-berüchtigt waren des Doktors eigenwillige Heilmethoden. Witte fackelte nicht lange. Schon bald machten zahlreiche Histörchen und Anekdoten die Runde. Eine ganze Reihe davon haben später die heimischen Autoren Wilhelm Bornemann und Karl Meier in ihren plattdeutschen Büchern verewigt – so die Geschichte von der Heilung eines armen, etwas einfältigen Schluckers, der dem Suff verfallen war. Als dessen geplagte Ehefrau wieder einmal ihr Leid klagte, verpasste Witte dem komplett berauscht und „besinnungslos“ im Bett liegenden Mann kurzerhand eine schwere „Ganzbein“-Gipsschiene. Das machte den Mann sechs Wochen lang bewegungsunfähig. Seine Fragen nach der Art und Umfang der Verletzung wurden mit einem drohenden Hinweis auf „lebensgefährliche Knochenbrüche“ beantwortet. Das soll eine nachhaltige Wirkung gehabt haben. Das Verlangen nach Alkohol kehrte nie wieder zurück.

Allgemeingefährlich wurde es allerdings, wenn Witte mit seiner Kutsche unterwegs war – und zwar sowohl für die Leute auf der Straße als auch für die Pferde. Über 40 Vierbeiner soll der rasende Mediziner in den ersten 15 Jahren seiner Praxistätigkeit verschlissen haben. Dann stieg er aufs Auto um. Das 16 PS starke Gefährt Marke Adler kannte in Schaumburg jedes Kind.

Bei aller Volkstümlichkeit galt Witte auch als feinsinniger und hochgebildeter Zuhörer und Zeitgenosse. Abends saß er oft mit seinen Freunden Bürgermeister Wilhelm Külz und Richard Sahla, Dirigent des Bückeburger Hoforchesters, zusammen. Eine Zeit lang gehörte er auch dem Magistrat der Residenzstadt an. Ein wenig stiller wurde es um den allseits beliebten alten Herrn, als er sich ab Ende der zwanziger Jahre wegen eines Herzleidens aufs Altenteil zurückzog.

Als Witte am 3. Dezember 1940 starb, mischte sich bei vielen seiner Freunde, Patienten und Weggefährten auch ein kleines, liebevolles Augenzwinkern zwischen die Tränen. Eine „ungemein volkstümliche Persönlichkeit und wahrhaft großer Menschenfreund“ habe die Stadt verlassen, war in einem Nachruf in der Landes-Zeitung zu lesen.

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