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Wie kam der Hungerstein zu seiner Bedeutung für die Bewohner? / Naturdenkmal im Wasser

Ein Fels als Notstandsanzeiger für Hajen

Hajen. Wenn er sich blicken ließ, war Hajen in großer Not. Dann waren Dürre und Hunger nicht weit. Der tonnenschwere, vom Geschiebe der Weser geschliffene Rotsandsteinblock ist sicher viele Tausend Jahre alt. Er liegt am linken Weserufer oberhalb der Fährstelle Hajen-Ruhberg am Fußpunkt einer Buhne. Wann er der Bevölkerung erstmals als Dürreanzeiger gedient hat, ist schwer zu sagen. Der inzwischen verstorbene Hajener August Bode, der sich als Heimatkundler einen Namen gemacht hat, schrieb im Juli 1996, der Hungerstein sei bereits in alten Dokumenten und Chroniken erwähnt worden. Quellenangaben macht Bode allerdings nicht. Die Dewezet forschte nach, fragte Kreisarchivarin Karin Schaper, den ehrenamtlichen Archivar der Gemeinde Emmerthal, Cord Hölscher, Dewezet-Archivar Wolfgang Barnett, Heimatkundler August Brandau, Gästeführerin Doris Müller, Ortsbürgermeister Rolf Keller und den ehemaligen Gemeindedirektor Martin Delker – teils stundenlang haben sie Bücher gewälzt und historische Papiere studiert, darin aber keine urkundliche Erwähnung des Findlings entdeckt.

veröffentlicht am 09.12.2011 um 06:00 Uhr

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Autor:

Ulrich Behmann

Fakt ist: Der Hungerstein war in früheren Zeiten ein Dürreanzeiger. Fiel der Pegel der Weser, war kaum oder gar kein Wasser in den Brunnen. Und für viele alteingesessene Hajener wie den 72-jährigen Fritz Bode ist er ein Wahrzeichen des Dorfes. „Früher kannte jedes Kind den Fels“, schreibt Heimatkundler August Bode (†). 1920 oder 1921 habe der Lehrer sogar Schulklassen zu dem historischen Brocken geführt.

„Hajen ohne Hungerstein – das ist wie Paris ohne Eiffelturm, das ist wie London ohne Big Ben, das ist wie Hamburg ohne Michel“, schrieb Dewezet-Redakteur Jens Meyer im August 1996. Zu dieser Zeit wurde der Hungerstein vermisst. Er war wie vom Erdboden verschluckt. Zwar hatte das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) dort, wo er bei Stromkilometer 119,7 gelegen hatte, gebaggert, doch beteuerte seinerzeit Ralph Schwekendiek vom WSA-Außenbezirk Hameln, der Stein sei nicht angerührt worden. Die Gerüchteküche brodelte. Der Koloss sei gestohlen worden, befürchteten die Dorfbewohner. Als Fritz Eckert kurz darauf beim Schwimmen in der Weser einen Felsbrocken ertastete, bat die Dewezet die Hamelner Feuerwehrtaucher um Hilfe. Am 14. August wurde der auf mysteriöse Weise verschwundene Sandstein mit einem großen Schwimmbagger geborgen. 500 Menschen schauten zu. Am Ufer des Flusses herrschte vor 15 Jahren Volksfeststimmung. Sogar Tränen der Freude flossen. „Der Findling liegt uns am Herzen. Er ist ein Stück Heimatgeschichte“, sagte der damalige Ortsbürgermeister Karl Meyer und verkündete, er wolle sich dafür einsetzen, dass der Hungerstein zum Naturdenkmal erklärt wird.

Vermessungsexperten des Katasteramtes sorgten im selben Jahr dafür, dass der Stein wieder an seinen ursprünglichen Platz gelegt werden konnte. Erreicht der Weserpegel die Marke 1,18 Meter, ist der Fels gerade von Wasser bedeckt. So soll es auch in alten Zeiten gewesen sein.

Im Mai 1997 beantragten August Bode, Fritz Bode, Fritz Eckert und Karl Meyer bei der Naturschutzbehörde, den Hungerstein als Naturdenkmal anerkennen zu lassen. Kreisausschuss und Kreistag stimmten zu. Seit dem 13. Februar 1998 ist es amtlich: Der Hungerstein von Hajen ist Naturdenkmal. Als Grund wird seine heimatkundliche Bedeutung angeführt. Seine interne Bezeichnung: ND-HM 155.

Der Hajener Klaus Ahlswede, der die Rezesse (Protokolle über Teilung und Verkopplung der Felder) übersetzt hat, hält das für übertrieben. Für ihn ist der Hungerstein „weder Wahrzeichen noch Denkmal“. Der Diplom-Ingenieur glaubt, dass der Stein erst seit 150 Jahren ein Dürreanzeiger sein kann. „Zu dieser Zeit ist die Weser ausgebaggert worden. Und durch die Vertiefung ist der Wasserstand abgesackt“, meint Ahlswede.

Bernhard Nitsche, Leiter des Außenbezirks Hameln des WSA in Hannoversch Münden, sagt dazu: „Meines Wissens ist die Weser niemals ausgebaggert worden. Eimerkettenbagger wurden erst Anfang des 20. Jahrhunderts eingesetzt, aber nur zur Beseitigung von Untiefen.“ Vielmehr sei ein 1916 gefasster Plan zur Regulierung des Mittelwassers umgesetzt worden. Soll heißen: Zwischen Minden und Hann. Münden wurden mehr als 3000 Buhnen gebaut. „Durch diese Bauwerke wird der Pegel in wasserarmen Zeiten um 20 bis 30 Zentimeter erhöht“.

Sei es, wie es wolle: War in alter Zeit der Hungerstein zu sehen, wurde in Hajen das Trinkwasser knapp. „In den Brunnen hat das Grundwasser dieselbe Höhe wie der Wasserstand der Weser“, schrieb der vor einigen Jahren verstorbene Heimatkundler August Bode. „In Jahren großer Dürre versiegte das Wasser oft vollständig. Das bedeutete Wassermangel und Hungersnot.“ In diesen Notzeiten war der Sandsteinblock gut zu sehen. Heute dient der Fels als Wasserstandsanzeiger.



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