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Immer diese ... !

Ein Appell für mehr sozialen Frieden

Eigentlich geht es um wenig: Um einen Radweg an einer Stelle, an die ein Radweg nicht so recht passt. Darum werden Lösungen diskutiert. Nein, nicht diskutiert: umkämpft. Kein Kampf ohne Gegner, kein Krieg ohne Fronten. Wie das funktioniert, höre ich am Telefon, lese ich in Briefen: Die anderen sind’s. Die sind maßlos, unverschämt, letztlich an allem Schuld.

veröffentlicht am 31.08.2019 um 08:00 Uhr

„Die Radfahrer bekommen alles in den Hintern geblasen“, steht dort. „Die Radfahrer stellen ständig Ansprüche und zahlen nicht mal Steuern“, heißt es da. Die Radfahrer, lerne ich also, sind Sozialschmarotzer. Leben auf unsere (jetzt reden mal wir Autofahrer) Kosten. Und halten sich ohnehin nicht an unsere Spielregeln! Die Fahrradfahrer nehmen uns den Verkehrsraum weg! Und die Arbeitsplätze! Ach nein, das nun nicht. Das waren bestimmt diese anderen Anderen. Die sogar anders aussehen. Was die sich erlauben ...

Aber für solche Rage braucht’s ja gar keine Busse mit Kriegsflüchtlingen und auch keinen Radweg am Stadtpark. Es gibt so schrecklich viele Gelegenheiten, diese anderen so richtig unerträglich zu finden: Diese Alten! Diese Jungen! Diese Chefs! Diese Angestellten! Diese Kinder! Diese Eltern! Diese Lipper - des Autofahrens so unkundig. Und da wir schon beim Autofahren sind: Diese Audifahrer! Diese BMW-Fahrer! Diese Mercedes-Fahrer! Nur Idioten unterwegs.

Fußball hat den leidenschaftlich hassenden Blick auf den Anderen über Jahrzehnte kultiviert. Jedes Derby ein Bürgerkrieg – zumindest gemessen an den Kosten des Polizeieinsatzes, der einen solchen rechtzeitig eindämmen soll. Stundenlang rollen Pkw auf Großparkplätze. Die gleichen Autos, die gleichen Frisuren, die gleichen Bierbäuche, die gleichen Fanartikel – nur natürlich in unterschiedlichen Farben. Und das reicht völlig. Für lange Ausführungen darüber, was für ein unerträgliches „Pack“ diese anderen doch seien. Charakterlich verdorben, dumm und übelriechend. Nur ein Spiel, klar. Im Grunde wissen wir doch alle, dass es nur um Schal- und Trikotfarben geht. Aber wer sich mit einem solide selbstradikalisierten 20-jährigen Kurven-Taliban unterhält, muss einräumen: Nicht alle wissen das.

Dummerweise führt diese Sache mit den üblen anderen irgendwann zum echten Bürgerkrieg, nicht nur zur Prügelei vor dem Stadion. Ein bisschen Balkan lauert wohl überall oder eigentlich sogar: in uns allen.

Allein heute Morgen war ich schon Mitglied folgender potenziell mindestens enervierender Bevölkerungsgruppen (setzen Sie einfach jeweils ein „Immer diese …“ davor, dann verstehen Sie, was ich meine): Männer, Ehemänner, Väter, Hundehalter, Autofahrer, Journalisten und eben, als der Sport-Kollege kurz übers Wochenende sprechen wollte, BVB-Fans. Am Montag bin ich dann vielleicht Radfahrer und widme mich im Teeküchen-Smalltalk mal meinem zweitliebsten Klub: VfL Osnabrück. Davon möchte ich heute als Autofahrer und BVB-Fan aber lieber nichts wissen, Selbsthass droht.

So viele Identitäten so viel „diese“ in nur einer Person – und das schon vor dem dritten Kaffee. „Ach, diese Koffeinjunkies“, seufzt nun vielleicht eine Mitkolumnistin. Ach, vertragt euch endlich, seufze ich zurück.



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