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Willkommen in der Welt der Heranwachsenden

Drei Affen und der Teenitus

Sie werden von hartnäckigen Ohrgeräuschen geplagt, die sich wie unerträgliches Genörgel, wütende Musik oder wahlweise auch bockiges Schweigen anhören? Dann leiden Sie vermutlich unter Teenitus. Eine Krankheit, die schubweise auftritt und vor allem die Eltern Heranwachsender, aber auch Lehrer an weiterführenden Schulen, befällt. Ein grausames, nicht enden wollendes Stakkato aus Vorwürfen, Besserwisserei und überlebensgroßen Wahrheiten.

veröffentlicht am 18.08.2018 um 09:00 Uhr

Illustration: cn
Juni

Autor

Julia Niemeyer Verlegerin / Chefredakteurin zur Autorenseite

Mich hat es gleich dreifach schwer getroffen. Früh-, Hoch- und Spätpubertät versammeln sich regelmäßig um meinen Esstisch. Sie sitzen dann da wie die berühmten drei Äffchen, nur umgekehrt: Sie sehen alles, sie hören alles. Und sie kommentieren auch alles. Vorzugsweise die Verhaltensauffälligkeiten von Klassenkameraden, Verwandten und Lehrkräften, aber auch ganz allgemein die schlimmen Übel dieser Welt: Massentierhaltung, Gender-Mainstreaming, Online-Mobbing. Optimalerweise fällt beides zusammen, und eine konkrete Person des näheren Umfeldes hat sich eines schweren Vergehens gegen die Allgemeinheit schuldig gemacht. Beispielsweise durch gedankenlosen Fleischkonsum oder eine sexistische Bemerkung. Dann wird in einem Tempo abgeurteilt, das jedes Schnellgericht vor Neid erblassen ließe.

Ich sitze still daneben und bete. Bitte, lieber Gott, lass es nicht mich treffen. Nur dieses eine Mal… Denn was da auf den Tisch kommt, sind Überzeugungen aus Stahlbeton. Schnurgrade rote Linien und klare Kanten, soweit das Auge reicht. Wer dazwischengerät, holt sich eine blutige Nase. Und wer gerade nicht in der Pubertät ist und deshalb auch nicht zu Hause in dieser Welt aus Schwarz und Weiß, gerät auf jeden Fall dazwischen.

So darf man nicht denken, dieses niemals sagen und jenes nicht tun. Unter gar keinen Umständen. Punkt. Ausrufezeichen! Für Entschuldigungen und Relativierungen ist kein Platz in dieser Welt. Auf alles gibt es eine klare Antwort: „Voll daneben“ oder „sweet“. Gefangene werden nicht gemacht.

Ich ducke mich tief über meinen Teller, bedecke mein kleines Fleischklößchen mit ökologisch angebauten Salatblättern. Lausche dem Teenitus und versuche, nicht „ja aber“ zu sagen. Ja, ich hätte auch im Bioladen einkaufen können. Aber der Weg war so weit und die Zeit so knapp. Naserümpfen auf der anderen Seite des Esstischs. Noch mehr Teenitus.

Die meisten Erwachsenen sind Bambus-Menschen, biegsam und deshalb fast immer ein bisschen gebeugt. Zwischen den aufrechten, unverrückbaren Betonwänden der Pubertät, der Echokammer des Teenitus, sieht das ausgesprochen dürftig aus. Und genauso fühlt man sich dort auch. Dürftig. Denn im Ohrgeräusch ist mehr Wahrheit, als man wahrhaben möchte und mehr Anspruch, als man erfüllen kann. Ich höre: Mein eigenes Scheitern. Mein Einknicken vor den gefühlten Sachzwängen der Realität. Kurz: Meine faulen Erwachsenen-Kompromisse. Ich fürchte, dass der Teenitus vor allem deshalb so nervtötend ist, weil die drei kleinen Äffchen, jenseits aller Relativierungen, im Grunde recht haben – und ich unrecht. Wie unangenehm.

Einen schwachen Trost gibt es dennoch: In der Welt der Pubertierenden ist alles klar. Alles bis auf eins: Das eigene Ich ist – noch - ein einziges Wischiwaschi. Mit fortschreitendem Alter stellt sich das zunehmend andersherum dar. Beton und Bambus wechseln die Seiten, verlagern sich von außen nach innen.

Erleichtert schiebe ich mein Klößchen in den Mund und kaue selbstbewusst. Wenigstens weiß ich, was mir schmeckt.



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