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Warum die digitale Welt unbedingt körperliche Regungen braucht

Distanz, bitte – noch mehr davon!

Nun gibt es weiteren Aufschub für körperliche Begegnungen unter uns Menschen. Ich gestehe: Mir reicht es so langsam! Wie schön war es doch vor Corona: als kurze Blickkontakte ausreichten, um verstanden zu werden, oder kleine Gesten anderen Menschen gegenüber schnell für klare Verhältnisse im zwischenmenschlichen Umgang sorgten. Nun ist alles anders.

veröffentlicht am 18.04.2020 um 09:00 Uhr

Lars Lindhorst

Autor

Redaktionsleiter zur Autorenseite

Wir halten weiterhin Abstand, vermeiden Kontakt – und verzichten damit auch auf körperliche (manchmal unbewusste) Regungen, die – zugegebenermaßen – nicht immer bei allen Beteiligten für größte Zufriedenheit gesorgt haben mögen.

Nach mehreren Wochen in Homeoffice und Selbstisolation bin ich schlauer. Früher war alles besser – diesen Satz würde ich zwar immer noch nicht aussprechen – doch in einem bestimmten Punkt bin auch ich ganz Reaktionär geworden: Ich will wieder weniger Sozialkontakt haben! So viel oder wenig Sozialkontakt wie früher, vor Corona!

Die Krise hat – sehen wir von den medizinischen und wirtschaftlichen Katastrophen einmal ab – mit für mich verheißungsvollen Worten begonnen: „Social Distancing“. Au ja, dachte ich, damit solltest du doch nun wirklich kein Problem haben. Als bemühter „Socializer“ galt ich schließlich noch nie. Also: Mit der eingeforderten Distanz gut leben, das kann ich wohl, dachte ich.

Aber wo ist in diesen Zeiten die Distanz denn geblieben? Telefonkonferenz hier, Videochat da, vernetzte Belegschaft, gesteigertes Kommunikationsverhalten im Netz. Von „Distancing“ kann ich da nichts bemerken.

Das trifft übrigens nicht nur auf das Homeoffice zu. Ich habe Freunde, verstreut über die Republik, von Nordsee bis Alpenrand. Die sehe ich genau einmal im Jahr – meistens an Silvester. Ich meine: Das reicht völlig aus, um Freundschaften zu feiern!

Was meinen Sie, was jetzt in Corona-Zeiten passiert? Richtig: Freundetreffen per Videochat. Mindestabstand 200 Kilometer, absolut regelkonform. Ok, es muss ja nicht immer nur an Silvester sein. In dieser Hinsicht gebe ich auch gern dem stets existenten Vorwurf meiner lieben Gattin nach: „Du könntest dich ja auch mal wieder etwas mehr um deine Freunde kümmern!“ Ja, könnte ich, denke ich dann, aber was habe ich denen denn immer mitzuteilen?

Inzwischen gibt es dieses Video-Freundetreffen jeden Dienstag und jeden Samstag, seit vier Wochen. Ganz regelmäßig. Immer um 21 Uhr. Wenn es sonst schon keine Termine gibt… Wie soll ich mich da noch auf Silvester freuen?

In der Arbeitswelt wiederum nimmt dieses Distancing eigene Formen an. Ich erinnere mich noch gut an die Zeiten, vor Corona, da kamen Kollegen mit Schwung und großem Elan förmlich durch die Bürotür geschossen. Bumm, auf, krach, zu. Und ganz egal, was du selbst gerade getan hast, egal, welch geschäftigen Eindruck du gemacht hast – du konntest dir sicher sein: Es wird solange auf dich eingeredet, bis du eine körperliche Regung von dir gibst. Nun ja: Augenbrauenzucken oder Bartbrummeln sind schließlich auch körperliche Regungen. Ganz eindeutige sogar – in meinem Verständnis. Oft hat sie ja geholfen, so eine zwischenmenschliche Regung – dem Kollegen war klar: Jetzt mal besser Abstand halten! Distancing, wie es früher war.

Und heute? Heute brummt mein Smartphone Hunderte Male am Tag. (Berechtigtes) Mitteilungsbedürfnis in einer Arbeitswelt voller Homeofficer. Sprachnachrichten prasseln weiterhin auf mich ein. Das Schlimmste daran ist: Mein Handy interessiert sich einen feuchten Dreck für meine körperlichen Regungen. Ich kann mit den Brauen zucken, wie ich will – das Scheißteil hört einfach nicht auf zu brummen. Distancing eindeutig fehlgeschlagen.

„Die Schnelligkeit des Handelns in der Krise“ hat unser Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier kürzlich gelobt. Er meinte damit das unternehmerische Handeln unter krisenbedingtem Veränderungsdruck. Was auf Deutschlands Großindustrien zutrifft, hat auch in meinem Kleinhirn so einiges bewirkt – und ich merke, wie widersprüchlich ich mich in dieser Krise selbst verhalte. Plötzlich tue ich Dinge, die ich vor zwei Monaten noch unbeirrt auf die lange Bank geschoben habe. Mit Eintritt ins Homeoffice haben Haus und Hof und sogar Garten Anschluss an das Internet. Ging ganz schnell: WLAN von der Gosse bis zum Komposthaufen – Netzverbindungen überall und so stabil, dass sich inzwischen auch der Maulwurf unterm Birnenbaum einen Strahlenschutzanzug zugelegt haben dürfte.

Einiges ist paradox dieser Tage. Wirre Corona-Zeit.

Ich muss jetzt Schluss machen, heute Abend ist Freundetreffen. Und ich muss noch Besorgungen machen, mindestens Bier und Chips. Es wird ein langer Abend. Wir haben uns ja immer viel zu erzählen. Ich freu’ mich drauf!



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