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Soziale Kontakte über Netzwerke nehmen immer mehr zu

Digitale Einsamkeit

Die Digitalisierung und insbesondere die sozialen Netzwerke verändern unsere Beziehungslandschaft auf dramatische Weise. Innere Leere und eine neue Form der Einsamkeit sind oft der Preis. Gibt es einen heilsamen Umgang mit der neuen Technik?

veröffentlicht am 13.04.2018 um 16:51 Uhr

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In unserer Rubrik „Lebensweise“ schreibt Familientherapeutin Pea krämer
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Irgendwo in Amerika – ich sitze bei McDonalds und beobachte ein Szenario am Nachbartisch, das mich verstört. Was ich da sehe, lässt eher vermuten, dass ich in einem Science-Fiction-Thriller gelandet bin. Da sitzt eine Mutter mit drei Kindern im Alter von geschätzten fünf bis zwölf Jahren, um gemeinsam Mittag zu essen. Gemeinsam? Fehlanzeige! Wo normalerweise das Essen steht, stehen hier vier XXL-Tablets der Marke Apple. Mutter wie Kinder tragen einen Kopfhörer, der sie mit der digitalen Welt verkabelt.

Burger, Fritten, Cola gesellen sich wie zufällig daneben und werden geistesabwesend nebenbei vertilgt. Jeder scheint mit seiner vollen Aufmerksamkeit in der digitalen Welt verschwunden. Sie alle sind im Kontakt – nur nicht miteinander. „Was machen die da?“, frage ich mich. Da niemand der vier von mir Notiz nimmt, kann ich in Ruhe schauen, womit sich jeder beschäftigt: Mama hört Musik und checkt nebenbei ihre E-Mails, einer der Sprösslinge ist bei Facebook unterwegs und schaut sich Videos an, die zwei anderen schießen sich wild durch digitale Landschaften, die von gruseligen Monstern bevölkert sind.

„Ah ja“, denke ich mir, „die Kids arbeiten wahrscheinlich an ihrem Heldenstatus.“ Kommunikation untereinander? Null! Dass ich sie aus allen Richtungen ganz ungeniert fotografiere („das muss ich zu Hause der Familie zeigen, sonst glaubt’s keiner!“), bleibt unbemerkt, so sehr sind sie in der Parallelwelt gefangen.

In unserer Rubrik „Lebensweise“ schreibt Familientherapeutin Pea Krämer
  • In unserer Rubrik „Lebensweise“ schreibt Familientherapeutin Pea Krämer

Szenenwechsel. Zurück in einer deutschen Unistadt: Vier junge Studentinnen sitzen hier in einem Café und feiern ihren Bachelor. Jede hat ihr Smartphone in der Hand und kommuniziert gleichzeitig auf zwei Ebenen. Flink gleiten die Finger über das Smartphone, während sie immer mal wieder aufschauen, um ein Gespräch in Gang zu halten. Da werden Selfies gemacht, ausgetauscht und weiterverschickt. Fasziniert beobachte ich die Szenerie und fantasiere, wie viele Menschen wohl jetzt per WhatsApp mitfeiern?

Als die vier sich voneinander verabschieden, ziehe ich Bilanz: die Mädels waren mehr mit ihren Smartphones beschäftigt, als im Kontakt miteinander. Gern hätte ich sie gefragt, ob ihre Zusammenkunft für sie lebensbereichernd war? Gern hätte ich gewusst, ob sie etwas Persönliches voneinander interessiert? Ich werde es wohl nie erfahren.

In einer Dokumentation erfahre ich, dass Kinder und Jugendliche im Durchschnitt fünf Stunden ihres Tages in sozialen Netzwerken verbringen.

Pea Krämer

Neulich auf meinem Spaziergang freue ich mich über das kleine Kind, das im Kinderwagen sitzt und vor Begeisterung quietscht. Es hat einen Vogel entdeckt. Händeringend möchte es die Neuentdeckung der Mama mitteilen. Diese schiebt teilnahmslos mit der einen Hand den Kinderwagen, während ihre andere das Handy bedient. Quietschen und Händeringen? Vergebens! Mama ist vollkommen absorbiert.

Da kommt der nächste Vogel geflogen. Zufrieden registriere ich, dass die Freude des Kindes ungetrübt bleibt. Jede Krähe wird freudig lachend begrüßt. Grenzenloses Staunen über das Wunder des Lebens, dass sich hier draußen leise und unaufdringlich in seiner ganzen Vielfalt demjenigen zeigt, der es wahrnimmt. Das Kind ahnt noch nichts von der anderen, der digitalen Welt und ist mit offenem Herzen und strahlenden Augen im Hier und Jetzt unterwegs. Die Mutter hingegen scheint nur noch körperlich anwesend zu sein. Verschluckt von den unendlichen Weiten des digitalen Wunderlandes.

Haben Smartphones und Co. sich, wie ein schleichendes Gift, in jeden Bereich unseres menschlichen Miteinanders gestohlen? In einer Dokumentation erfahre ich, dass Kinder und Jugendliche im Durchschnitt fünf Stunden ihres Tages in sozialen Netzwerken verbringen. Diese Nachricht hat mich so hellhörig gemacht, dass ich bei meinen Mitmenschen nachfrage. Von Jung und Alt will ich wissen, wie viele Freunde sie haben und wie oft sie ihnen persönlich begegnen und wie oft über soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter, WhatsApp und Co.

Das Ergebnis ist niederschmetternd! Gerade junge Menschen berichten mir, dass sie im Verhältnis mehr „Kontakt“ über soziale Netzwerke haben als direkt. Und ich höre, dass durch den kurzen Kommunikationsweg die Verbindlichkeiten von Verabredungen immer beliebiger werden. Leicht werden Termine, auf die sie sich gefreut haben, kurzfristig abgesagt.

Digitale Sucht ist die Krankheit unseres Jahrhunderts, Stress und innere Leere ihr Symptom

Ob Mark Zuckerberg das im Sinn hatte, als er Facebook ins Leben rief? Wahrscheinlich nicht! Ich glaube, mit den sozialen Netzwerken ist das so ähnlich wie mit dem Fernsehen, wir können es uns zunutze machen, indem wir uns mit Fernsehen bilden. Tausend Dokumentationen verschiedener Couleur flimmern Tag für Tag über den Bildschirm und sind damit eine effektive Quelle für unsere Allgemeinbildung. Doch daneben laufen unzählige Seifenopern, Serien, Beautyshows und Co., die eher Teilhabe an der „Volksverdummung“ sind, als eine Quelle der Bildung und Bereicherung.

Ein indischer Weiser sagte einmal: „Warum Schauspielern beim Leben zuschauen, wenn du selber leben kannst?“ Planschen wir lieber im See unserer Trägheit, als ins hellbunte Leben zu springen? Surfen wir lieber in den unendlichen Weiten des Internets, von einer hirnlosen Ablenkung zur anderen, als mit Freunden das Abenteuer Leben zu entdecken? Ich glaube nicht! Ich denke vielmehr, dass die digitale Entwicklung in einem so rasanten Tempo Einzug in unsere Zeit gehalten hat, dass wir kaum noch hinterherkommen. Und wie alles sensationell Neue, hat es eine ungeheure Faszination.

Munter probieren wir aus, was uns neueste Technologie an die Hand gibt, ohne nach dem Sinn und den Folgen zu fragen. Hätten wir, ähnlich einem Medikament, einen Beipackzettel, auf dem die gesunde Dosierung steht und gleichzeitig die Nebenwirkungen und Gefahren, wir würden sicher kritischer schauen und bedachter handeln. Wie könnte so eine Gebrauchsanweisung aussehen? Vielleicht so: „Liebe Menschen, mit der Digitalisierung und den Smartphones habt ihr mächtige Werkzeuge an der Hand, die euer Leben auf großartige Weise bereichern können. Gleichzeitig besteht ein nicht zu unterschätzendes Suchtpotential und kann bei unsachgemäßer Anwendung zu Schlafstörungen, Burnout, innerer Leere und Einsamkeit führen. Daher empfiehlt der Hersteller, die Zeit von ein bis zwei Stunden täglich nicht zu überschreiten.

Hier einige hilfreiche Tipps im Umgang mit der digitalen Welt: Legen Sie eine Zeit X fest, in der Sie im Netz unterwegs sind. Wenn die Zeit abgelaufen ist, schalten Sie aus! Wenn Sie mit Freunden beisammen sind, schalten Sie ihr Handy ab und widmen Sie Ihren Liebsten Ihre volle Aufmerksamkeit. Lassen Sie Ihr Smartphone hin und wieder zu Hause liegen. So können Sie die Erfahrung machen, dass die Welt sich auch ohne Smartphone weiterdreht und vielleicht stellt sich eine neue Form der Ruhe und Entspannung ein. Schalten Sie Ihr Handy in der Nacht aus. Machen Sie es sich zur Gewohnheit, nicht jede Nachricht sofort zu beantworten.

Meine ganz persönliche Empfehlung: Klären Sie Beziehungsthemen nie per SMS oder E-Mail, sondern immer im persönlichen Kontakt. Geschriebenes führt häufig zu Fehlinterpretationen und ist nicht selten der Nährboden für Missverständnisse und in Folge Streit.

Wir können die digitale Revolution nicht aufhalten. Ganz im Gegenteil, die Wissenschaftler des Silicon Valley, der bedeutendsten Ideenschmiede der Welt, basteln munter und mit Hochdruck an neuen Visionen und schaffen Möglichkeiten der Superlative. Allen voran die Biotechnologen, KI-Forscher und Neurowissenschaftler. Sie werden es sein, die unsere Welt in den kommenden Jahrzehnten in atemberaubender Weise verändern werden. Viele Menschen sind von den neuen Werkzeugen fasziniert, anderen machen sie Angst. Sie wünschen sich eine Abkehr hin zu Altem, Vertrauten. Doch wenn wir in der Geschichte zurückschauen, wissen wir, dass Entwicklung und Fortschritt sich nicht aufhalten lassen.

Wissenschaft hat immer getan, was sie kann. Oft war es nur eine Frage der Zeit. So ist der einzelne Mensch aufgefordert, sich zu fragen: „Wie will ich leben und will ich, was ich könnte?“ Die Fragen: „Was ist für mich ein gut gelebtes Leben?“ „Was macht mich wirklich glücklich?“ stellen sich angesichts digitaler Möglichkeiten noch einmal ganz neu. Digitale Sucht ist die Krankheit unseres Jahrhunderts. Stress und innere Leere ihr Symptom. Detox und Achtsamkeit ihre Medizin.

In diesem Sinne liebe Leserinnen und Leser, seien Sie achtsam.

Im Internet: www.peakraemer.de



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