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Was sich von einem alten Hund lernen lässt

Die Weisheit des Pluto

Pluto ist ein wirklich alter Hund. Wer es in Zahlen möchte: 12 bis 15 sei die Lebenserwartung eines Cockerspaniels, heißt es. Pluto wird in wenigen Wochen 16. Aber er redet nicht über das Altern. Nicht über arthritische Hüften, nicht über taube Ohren und etwas trübere Augen.

veröffentlicht am 16.02.2019 um 07:34 Uhr

Illustration: cn
Frank Henke

Autor

Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite

Klar, nun lässt sich einwenden, dass Hunde ohnehin eher wenig reden. Ich halte das sogar für einen ihrer ganz großen Vorzüge gegenüber – nun ja – vielen anderen. Aber wir Hundeleute wissen, Hunde reden eben doch – auf ihre Art. Maul lecken, Blicke (dass die dann immer „treu“ sind, ist natürlich Quatsch), Schwanzwedeln, Bellen – diese ganze Klaviatur der Hundekommunikation halt. Um das Altwerden macht Pluto jedenfalls auf jede Art wenig Trara. Ich finde das vorbildlich. Warum sich mit Unvermeidlichem beschäftigen? Und ich glaube sogar, dass ich von ihm noch einiges mehr lernen kann – für später, wenn ich dann alt bin. Hoffentlich habe ich das bis dahin nicht vergessen. Ich schreibe es besser schnell mal auf:


Lehre Nummer 1: Mach weiter! Pluto hat noch nie erwogen, alte Leidenschaften einfach ruhen zu lassen. Er hat sie lediglich auf ein vorsichtiges, seniorenverträgliches Maß heruntergekühlt. Man muss sich ja nicht gleich überschlagen (das ist nämlich unter Umständen sehr schmerzhaft). Trotzdem gilt nach wie vor: Fleischwurst? Bin da! Bälle? Och, gelegentlich … Das Meer? Aber sicher! Freundliche Hundesenoritas? Hal-lo! Um nur ein paar seiner Leidenschaften anzusprechen. Ausschlafen ist übrigens eine Leidenschaft, die bis ins hohe Alter Freude bereiten kann, beweist Pluto. Was lehrt uns das? Vergessen wir bloß nicht zu früh, was uns Spaß macht. Bei manchen von uns beginnt dieses Vergessen schließlich schon in den 40ern …


Lehre Nummer 2: Bewahre deine Würde! Es kann nicht immer alles klappen. In der Kurve ausgerutscht? Eine Stufe nicht geschafft? Schwierigkeiten aus dem Körbchen zu kommen? Egal! Im Zweifelsfall lass es aussehen, als wäre es Absicht. Wer auf dem Boden liegt, kann sich besser den Bauch kraulen lassen. Wer wirklich nicht wieder hochkommt, dem wird bestimmt gleich geholfen. Also nur kein unwürdiges Gewinsel deswegen. Und damit sind wir schon bei:


Lehre Nummer 3: Kenne deine Rechte! Die Zeit des unterwürfigen Eifers (soweit Pluto dazu je in der Lage war) ist vorbei. Heute reichen eher kurze sachliche Hinweise auf unveräußerliche Hunderechte: Futter am Morgen, Futter am Abend, viermal raus. Vor zehn Jahren lautete Plutos Bettelbotschaft am Sofatisch übersetzt in etwa: „Darf ich was abhabeeen? Bittebittebittebitteeee!“ Heute lautet sie: „Herrchen, gib ma ne Nuss. Nee, keine Haselnuss. Cashew! Haste nicht? Dann ne Mandel. Nein, nicht die dunklen, ne blanchierte! Danke.“ Gut, das „Danke“ war jetzt erfunden. Die korrekte Übersetzung lautet wohl eher: „Na also.“ Aber ich glaube, es ist in Ordnung, im Alter zu wissen, was einem zusteht. Danke sagen können wir ja ruhig weiterhin.


Lehre Nummer 4: Nutze deine Schwächen! So gut wie nichts hören, weniger sehen, langsam sein. Schön ist das alles nicht. Doch immerhin rettet es heute elegant manche Situation, die früher heikel geworden wäre. Sozialauffällige Rüden? Aggressive Großköter? Heute alles nicht mehr so problematisch. Ich bin mir zumindest sicher, dass Pluto den tobenden Kläffer hinter dem Maschendrahtzaun bemerkt. Und noch vor einigen Jahren schob er sich – ich hab’s inzwischen zumindest genau so in Erinnerung – mit zwei energischen Pfotenbewegungen links und rechts die Ärmel seines Fellhemdes nach oben, bereit, sich in den Kampf zu stürzen. Heute aber, geht er stoisch seiner Wege. Vielleicht pinkelt er dem Provokateur vorher noch kurz eine altersweise Botschaft an den Zaunpfosten. Denn:


Lehre Nummer 5: Die anderen sind auch nur Hunde. Da muss ich weiter ausholen: Pluto ist kein ganz einfacher Hund. Er geriet in seiner Kindheit auf Gran Canaria in schwierige Verhältnisse, kam nach Anstaltsaufenthalten schließlich zu uns, hat später sogar mal jemanden gebissen. Migrationshintergrund, Vorstrafe – er sollte sich im Internet wohl besser nicht blicken lassen. Aber: Gegenüber anderen Hunden ist er grundsätzlich ein feiner Kerl: Er hat Rüden nie zuerst angeknurrt, geschweige denn gebissen. Hündinnen und Junghunde dürfen bei ihm sowieso alles. Heute kommt noch die Demut des Alttieres hinzu. Das hat sicherlich viel mit körperlicher Unterlegenheit zu tun. Aber was wäre ich für ein Herrchen, wenn ich auch das nicht menschlich überinterpretierte? Ich denke also, es handelt sich um ein Zeichen charakterlicher Reife: Leben und leben lassen. Oder eben: Die anderen sind auch nur Hunde. Das denke ich schließlich auch manchmal.



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