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17. Dezember 1967: Die Nationalmannschaft scheitert in der EM-Qualifikation an Albanien

Die Schande von Tirana

Die schwärzeste Stunde in seiner 14-jährigen Amtszeit ist nicht die Niederlage gegen die DDR bei der Heimweltmeisterschaft 1974, und auch nicht die 2:3-Klatsche gegen die Nationalmannschaft von Österreich bei der WM vier Jahre später, mit der das deutsche Team das Spiel um Platz drei verpasst, die schwärzeste Stunde des Nationaltrainers Helmut Schön ist nicht einmal eine Niederlage, sondern ein profanes torloses Unentschieden, aber das Spiel geht als Schande von Tirana in die Annalen des deutschen Fußballs ein.

veröffentlicht am 17.12.2017 um 09:47 Uhr
aktualisiert am 17.12.2017 um 15:50 Uhr

Der deutsche Stürmer Peter Meyer kommt in Tirana im EM-Qualifikationspiel gegen Albanien zum Schuss. Foto: dpa
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Am 17. Dezember 1967 ist die DFB-Auswahl nur noch einen Sieg entfernt vom Viertelfinale. Im letzten Gruppenspiel der Qualifikation trifft Deutschland in Tirana auf Gastgeber Albanien, gegen den Fußballzwerg reicht den Deutschen ein 1:0, um sich vor Jugoslawien den Sieg in der Dreiergruppe zu sichern. Reine Formsache, ist sich Deutschland sicher.

Es kommt anders, 0:0.

Und zum ersten und einzigen Mal verpasst eine deutsche Nationalmannschaft die Qualifikation für eine Europameisterschaft. In Deutschland herrscht Fassungslosigkeit.

Die Rahmenbedingungen sind am 17. Dezember in Tirana katastrophal: Der Boden ist betonhart und zu schmal, was der technisch versierten deutschen Mannschaft das Spiel erschwert. Günther Netzer erinnert sich Jahre später: „Das Wort Fußballplatz möchte ich gar nicht benutzen. Das trifft es einfach nicht. In Tirana gab es nur ein einziges Hotel, wir hatten kaum etwas zu essen.“

Für die deutschen Zeitungen ist der Schuldige schnell ausgemacht: Helmut Schön, der drei Jahre zuvor das Erbe von Trainer-Legende Sepp Herberger übernommen hat. Bei der Weltmeisterschaft in England ist er 1966 Zweiter geworden, doch die Vizeweltmeisterschaft wird noch zu einem guten Teil Herberger zugeschrieben, schließlich ist es zum Teil noch seine Mannschaft, und so kann die Zeitung mit den großen Buchstaben auch nach dem Albanien-Spiel noch ätzend nachtreten: „Verspielt der passive Schön Sepps Erbe?“

Schnell bildet sich eine Legende: Schön hat das Scheitern zu verantworten, weil er nur eine B-Mannschaft nach Tirana schickt.

Das ist falsch, wie man heute weiß. Zum einen entspricht es nicht dem Naturell von Schön, die Gegner – auch kleine – auf die leichte Schulter zu nehmen, zum anderen muss er umbauen und Absagen verkraften: Routinier Franz Brungs vom Tabellenführer 1. FC Nürnberg steht für die Nationalmannschaft nicht zur Debatte, Uwe Seeler und Franz Beckenbauer sind beide angeschlagen und fühlen sich nicht fit. Auch Gerd Müller winkt dankend ab. Die Bayern haben gerade ihren bislang größten Erfolg gefeiert, sie haben den Europapokal der Pokalsieger gewonnen, aber in der Hinrunde der Bundesliga schleppen sich die Münchener Stars entkräftet über den Platz: In Dortmund wird 6:3 verloren, bei Bremen gibt es eine 1:4-Klatsche, in Nürnberg lautet das Ergebnis 7:3 für den Club, und zu Hause gegen den MSV Duisburg verlieren die Bayern mit 0:4.

Gegen Duisburg!

So muss Schön auf zwei Pärchen setzen: die Kölner Wolfgang Overath und Hannes Löhr sowie die Gladbacher Günther Netzer und Peter Meyer.

Auch wenn Müller und Seeler vorn fehlen, so hätte sich niemand ernstlich Sorgen gemacht. Denn im Sturm, da steht ja Peter Meyer.

Und hier kommt jetzt, aus der Tiefe des Raumes, die steile These des Tages: Jeder der Deutschen hätte damals Peter Meyer ins Sturmzentrum gestellt.

Jeder hätte für „Pitter“ gestimmt.

Denn Peter Meyer ist bei Borussia Mönchengladbach in der Saison 1967/68 der Star der Bundesliga, er trifft und trifft und trifft, nach dem 15. Spieltag hat er sagenhafte 19 Tore auf seinem Konto stehen, „Pitter“ ist unangefochten Spitzenreiter der Torjägerliste und natürlich ein Kandidat für die Nationalmannschaft.

Der Plan für das Albanien-Spiel ist einfach: Sigi Held und Hannes Löhr sollen über die Flügel die Bälle aus dem Mittelfeld von Günter Netzer, Hans Küppers und Wolfgang Overath in die Sturmmitte zum aktuellen Bundesligatorjäger transportieren. Dort sollten sie dann verwertet von Meyer werden.

Nur: Meyer trifft nicht.

Niemand trifft.

Und Deutschland qualifiziert sich nicht für die Europameisterschaft. Aus der deutschen Qualifikations-Dreiergruppe schafft Jugoslawien den Sprung zur Endrunde 1968 nach Italien, an der vier Nationen teilnehmen. Zwei Momente bleiben von diesem Turnier in Erinnerung: Im Halbfinale zwischen Italien und der Sowjetunion steht es nach der Verlängerung unentschieden, daher soll eine Münze geworfen werden, so sehen es die Regeln vor. Der sowjetische Verbandspräsident und sein italienischer Kollege verlangen, dass der Münzwurf in einem geschlossenen Raum stattfindet; in der Kabine der Schiedsrichter. Die Mannschaftskapitäne warten vor der Kabinentür, die Mannschaften im Stadion auf dem Platz. Der sowjetische Verbandspräsident verlangt einen Probewurf, die Sowjetunion siegt. Der zweite Wurf soll aber der entscheidende sein. Für die Italiener wählt Giacinto Faccetti: Kopf. Und genau der erscheint. nach dem Wurf auf dem Handrücken des Schiedsrichters. Italien steht im Finale, der Gegner dort heißt Jugoslawien. Im ersten Endspiel gleichen die Italiener einen Rückstand noch zum 1:1 aus, das Wiederholungsspiel gewinnen sie mit 2:0.

Zurück nach Deutschland: Trotz immenser Kritik an seiner Person behält Schön seinen Job. Das ist auch gut so, denn seine Bilanz, als er 1978 zurücktritt, sieht so aus: Weltmeister 1974 und Europameister 1972, Vizeweltmeister 1966 sowie Vizeeuropameister 1976 und Dritter bei der Weltmeisterschaft 1970.

Und „Pitter“ Meyer? Steht heute für den Glanz und das Elend des Fußballs, denn für Deutschland spielt er nie mehr, sogar mit dem Fußball muss er aufhören. Am 9. Januar 1968 erleidet er während des Trainings einen Schien- und Wadenbeinbruch. Sein Comeback fast 20 Monate später dauert genau 45 Minuten: Am 2. Spieltag der Saison 1969/70, am 23. August 1969, bestreitet er beim 2:1-Heimsieg gegen den FC Bayern München die erste Halbzeit, dann geht es nicht mehr, Schmerzen an der Bruchstelle.

Meyer nimmt seinen sein Abschied aus der Fußballbundesliga. „Diese Verletzung war eine Katastrophe“, sagt Meyer später: „Das hat mich die WM gekostet, wenigstens drei, vier, fünf Millionen Mark, meine Torjäger-Kanone, dazu die Auszeichnung als Sportler des Jahres.“ So bleibt sein einziges Länderspiel die sogenannte Schande von Tirana.

Immerhin: Durch den Halbzeiteinsatz gehört Meyer der Gladbacher Meistermannschaft des Jahres 1970 an. Gefühlt hat er sich so aber nie.



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