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Wie eine australische Komikerin durch Netflix zum Star wurde – und wie es jetzt weiter geht

Die große Gadsby

Vor ein paar Wochen kannte Hannah Gadsby außerhalb von Australien kaum jemand. Durch einen Live-Mitschnitt ihrer Abschieds-Vorstellung bei Netflix hat sich das geändert. Und jetzt: Aufhören? Oder weitermachen?

veröffentlicht am 25.08.2018 um 12:00 Uhr

In Hannah Gadsbys Stand-Up-Comedy Programm liegen Komik und Tragik nah beieinander. Foto: dpa

Autor:

Christoph Sator

Den letzten Auftritt mit „Nanette“ hat Hannah Gadsby gerade hinter sich. Im „Olympia“, einer Konzerthalle im kanadischen Montreal, war die Australierin Ende Juli noch einmal mit ihrem Comedy-Programm zu sehen, das sie nach einer Kneipenbekanntschaft benannt hat. Es war wie die 200 Male zuvor - die erste halbe Stunde Gelächter und dann: Schluss mit lustig. Nur, dass die meisten Leute im Publikum das jetzt schon wussten.

Aus der 40-Jährigen, die außerhalb von Australien kaum jemand kannte, ist eine der großen Nummern der internationalen Comedy geworden. Das hat seinen Grund darin, dass ein Live-Mitschnitt von „Nanette“ – der Name einer Frau, die sie gut fand – nun beim Bezahl-Streamingdienst Netflix zu sehen ist. Und vom Frauenmagazin Cosmopolitan“ bis zur „New York Times“ jubeln sie alle. Das „Zeit-Magazin“ stellte fest, dass es sich um nicht weniger als das „beste Stand-Up-Programm aller Zeiten“ handele.

Dabei beginnt der Abend – mitgeschnitten 2017 in der Sydney-Oper – ziemlich gewöhnlich. Auftritt Frau in blauem Anzug, kurze Haare, Nerd-Brille. Ansonsten stehen auf der Bühne nur noch ein Hocker, ein Mikrofonständer, ein Glas Wasser. Dann beginnt Gadsby von ihrer Heimat Tasmanien zu erzählen, der Insel rechts unten vom australischen Kontinent, wo die Leute in der Regel noch etwas konservativer sind als auf dem Festland.

Wie das war, in Tasmanien aufzuwachsen und zu merken, dass man „etwas lesbisch“ sei, was dort bis 1997 noch von Gesetz wegen verboten war. Wie die Mutter bei Hannahs Coming-Out meinte, dass sie das doch auch hätte für sich behalten können. Aber immer noch besser als Mörderin.

Jetzt habe ich nur noch die Wahl, ob ich eine Idiotin bin oder eine Heuchlerin. Dann bin ich lieber eine Heuchlerin.

Hannah Gadsby, Australische Komikerin

Oder die Geschichte nachts an der Tankstelle. Gadsby war 17, sah damals schon nicht besonders weiblich aus, und redete mit einer Frau, bis deren Freund dazukam. „Er dachte, wir flirten. Stimmte auch.“ Der Kerl stieß sie weg. „Hau ab von meiner Freundin!“ Diese: „Hör auf, sie ist ein Mädchen!“ Er: „Oh, tut mir leid. Ich schlage keine Frauen. Dachte, du bist eine Schwuchtel, die meine Freundin anmacht.“ Großes Gelächter im Saal. Doch in der Mitte des Programms kippt die Stimmung. Gadsby hört auf damit, Witze auf eigene Kosten zu machen. Die Stimmung wird dunkler. Sie fängt an zu erklären, welche Schwierigkeiten sie inzwischen mit dieser Art von Humor hat, mit dem Dauerzustand als Lachnummer in der Opferrolle. An einer Stelle sagt sie: „Lachen ist keine Medizin. Lachen ist nur der Honig, der die die bittere Medizin etwas süßer macht.“

Recht bald mündet das in der Feststellung: „Ich denke, ich muss meine Comedy-Karriere beenden.“ Den Satz sagt sie dann so oft wie keinen anderen. Und erzählt auch, wie spaßfrei die eine oder andere Geschichte weiterging. Der Kerl an der Bushaltestelle zum Beispiel schlug sie dann doch. „Ich hab’s kapiert, du bist eine weibliche Schwuchtel! Ich werd‘ die Scheiße aus Dir rausprügeln.“ Was er dann auch tat.

Gadsby berichtet etwas später im Programm auch, wie sie missbraucht wurde. Spätestens an dieser Stelle lacht im Publikum niemand mehr. Es gibt Leute, die weinen. Die meisten sitzen nur noch still. Und die Frau auf der Bühne lässt ihren Zorn immer mehr heraus. „Donald Trump, Pablo Picasso, Harvey Weinstein, Bill Cosby, Woody Allen, Roman Polanski – diese Männer sind nicht die Ausnahme, sie sind die Regel.“

Irgendwann erinnert man sich an den Satz, der über Komiker häufiger gesagt wird: Dass die meisten Leute, die überdurchschnittlich witzig sind, irgendwann in ihrem Leben eine ganze Zeitlang unterdurchschnittlich glücklich waren. Dazu passen auch Vor- und Abspann des Netflix-Films, wenn Gadsby in ihrer Wohnung in Melbourne zu sehen ist, beim Tee kochen und auf der Couch mit ihren Hunden. Aber glücklich ist anders.

Und jetzt? Aufhören, wie gesagt, trotz des enormen Erfolgs? Oder weitermachen? Lange Zeit ließ Gadsby die Leute im Ungewissen. „Ich habe das Programm geschrieben, weil ich echt genug hatte“, erzählte sie kürzlich in einer der amerikanischen Talkshows. „Ich habe gedacht, dass das zwölf Auftritte werden und ich dann gehen muss. Und nicht, dass das bei Netflix landet und jeder es sehen will. Wenn ich jetzt aufhöre, bin ich eine Idiotin.“ Und dann gab sie bekannt, dass sie weitermachen wird, allen Ankündigungen zum Trotz. Die Art, wie sie das tat, war typisch Gadsby. „Jetzt habe ich nur noch die Wahl, ob ich eine Idiotin bin oder eine Heuchlerin. Dann bin ich lieber eine Heuchlerin.“ Im Publikum: Applaus und großes Gelächter.



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