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18. Oktober 1951: „Die Sünderin“ erscheint im Kino – und löst einen Skandal aus

Die Freiheit der Kunst

Der katholische Film-Dienst rief sofort zum Boykott auf und ließ Flugblätter verteilen: „Die Sünderin – ein Faustschlag ins Gesicht jeder anständigen deutschen Frau! Hurerei und Selbstmord! Sollen das die Ideale eines Volkes sein?“

veröffentlicht am 18.01.2016 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:53 Uhr

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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Als am 18. Januar 1951 der Film „Die Sünderin“ mit Hildegard Knef in der Hauptrolle zum ersten Mal aufgeführt wird, löst er sofort einen Skandal aus. Nicht etwa, weil die Knef dort für ein paar Sekunden nackt zu sehen ist, wie heute noch mancher glaubt, sondern weil wilde Ehe, Prostitution, Sterbehilfe und Suizid angeblich glorifiziert werden.

„Die Sünderin“ erzählt eine simple Genre-Geschichte von Willi Forst. Vom moralischen Sumpf im Elternhaus der innerlich unschuldigen Heldin und dem von ihr beobachteten Mord an der Schwester führt der Weg erst in die Prostitution, dann zur errettenden Liebeserfahrung. Als der erblindete Maler trotz der von der Freundin so hart erkauften Operation dem Ende entgegen siecht, leistet die Heldin auch noch Sterbehilfe und begeht anschließend Selbstmord – das war’s. Nichts, was in der Sünderin geschieht, wäre heute ungeeignet für das populäre Fernsehfilmformat der Degeto, der ARD-Einkaufsorganisation, die jeden Tag Geschichten von Frauen erzählt, die fallen und wieder aufstehen, um ein neues Leben zu beginne, gerne auch auf einer Farm im fernen Afrika.

Willi Forst, der österreichische Schauspieler, Sänger, Produzent, Drehbuchautor und Sünderin-Regisseur fiel aus allen Wolken, als so geschmacklos fand ihn die FSK, die freiwillige Kontrolle der Filmwirtschaft, drei Tage vor der Premiere in einem Bescheid mitteilte, dass man nicht angetan sei, um es vorsichtig zu formulieren: „Prostitutionierung als selbstverständlicher Ausweg aus einer Notlage“ sei so wenig hinnehmbar wie der Selbstmord und die Tötung auf Verlangen. Forst reiste persönlich zur FSK-Krisensitzung nach Wiesbaden, die bereits am Folgetag anberaumt wurde. Sein Film sei ein Kunstwerk und die Entscheidung, an der die FSK festhielt, eine persönliche Beleidigung, erklärte er und verließ die Sitzung.

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Der Film wurde herausgebracht, und die Kirchen protestierten: Erst trat der evangelische Filmbeauftragte zurück, dann zogen die Katholiken ihren FSK-Vertreter ab. Anfang April forderte der Katholische Filmdienst alle Katholiken zum Boykott der „Sünderin“ auf und fanden reichlich Zulauf: Die katholische Filmliga zählte binnen eines Jahres eineinhalb Millionen neue Mitglieder.

Die Rheinische Post beklagte, dass alle Versuche, ein Aufführungsverbot zu bewirken, vergeblich gewesen seien, und daher könne nur eine „machtvolle Demonstration des Willens der gesund empfindenden Bevölkerung“ helfen.

Die machtvolle Demonstration fand mit den Füßen statt, denn wie es bei angeblichen Skandalen oft ist: Was verboten oder verrucht ist, reizt die Leute umso stärker. Die „Sünderin“ mobilisierte die Masse, vier Millionen Zuschauer fand der Film, der sich bis Mitte 1951 in den Kinos hielt, angeregt durch immer neue lokale Verbotsanzeigen und Gegendemonstrationen. In Regensburg etwa drängte ein Polizeiaufgebot mit Stahlhelm und Gewehren die Zuschauer aus dem Kino, nachdem der CSU-Oberbürgermeister ein Verbot erlassen hatte. Andernorts verteidigte die Polizei den Film gegen Priester, die sich mit Stinkbomben bewaffnet hatten. In Köln erließ Kardinal Frings einen Hirtenbrief gegen den Forst-Film.

Die nackte Knef und der Skandal: Erst Ende der 1960er Jahre wurde diese Verbindung übrigens hergestellt. So berichtete Bild am 26. Juni 1969, wegen der nur eine Sekunde nackt zu sehenden Hildegard Knef sei von Kirchenkanzeln gegen den Sittenverfall gewettert worden.

Der Film schrieb Rechtsgeschichte: Das Bundesverwaltungsgericht entschied 1954 in einem wegweisenden Spruch, dass auch die Freiheit des Films durch das Grundgesetz geschützt ist und die Polizei ihn – anders als mancherorts geschehen – keinesfalls zensieren dürfe.

Generell macht das Dramolette deutlich, welche Zutaten es für einen handfesten Skandal so braucht: einen Übeltäter, der bei einer Übertretung erwischt wird – im Fall der „Sünderin“ die Filmindustrie. Dazu einen erzürnten Rufer, der eine Übertretung anprangert; egal ob Kirchen, Medien oder eine grummelnde Bürgerschaft. Und dann das Skandalon, den Stein des Anstoßes selbst. Und wenn die Beteiligten dann noch über genügend Einfluss verfügen, um die Erregungskurve der Öffentlichkeit so richtig in die Höhe zu treiben, nimmt ein Skandal fast unweigerlich seinen Lauf.

Und zumindest der letzte Punkt ist in den Zeiten der neuen sozialen Medien deutlich einfacher geworden.



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