weather-image
13°
Die Geschichte des Hamelner alten Rathauses – Symbol der städtischen Freiheit

Die Bürger regierten sich selbst

Bei der Welle mittelalterlicher Stadtgründungen im ausgehenden 12. und 13. Jahrhundert spielten zwei sehr unterschiedliche Kräfte zusammen, die adlige Herrschaft auf der einen Seite und Fernkaufleute auf der anderen. Die Kaufleute erhielten auf diese Weise Schutz für ihre Geschäfte, der Landesherr Einnahmen aus Steuern und Zöllen. Die Kaufleute achteten strikt darauf, dass der adelige Herr ihnen Eigenständigkeit zusicherte. Die Bürger der Kaufmannsstadt regierten sich selbst.

veröffentlicht am 09.12.2013 um 06:00 Uhr

270_008_6764987_rueck103_0212.jpg

Autor:

Bernhard gelderblom

Symbol und Zentrum der städtischen Freiheit war das Rathaus. Hier trat der aus den Kaufleuten gebildete Rat zusammen, hier fand vor allem der Markt statt. Es war nicht zufällig, dass die Städte das Rathaus im Zentrum und in unmittelbarer Nähe des Marktes errichteten.

In der ältesten Urkunde, die wir über das Hamelner Rathaus besitzen (1282), wird es als „Theatrum“ (Schauhaus) eingeführt, in einer Akte von 1336 als „Kophus“. Diente es doch den Kaufleuten an Markttagen zur Ausstellung ihrer Waren wie z. B. von Tuchen. Ausdrücklich bezeugt Samuel Erich in seiner Stadtchronik (1654) vom Hamelner Rathause, dass „darunter ein schöner, großer Platz vor das Kauff-Ampt, der gantzen Bürgerschaft zu nutz, täglich offen gehalten wird“. Das Erdgeschoss nahmen also offene Lauben ein. Dieses Aussehen haben beispielsweise die auf dem Krakauer Marktplatz liegenden „Tuchhallen“ bis heute bewahrt.

Im Umfeld des Rathauses standen auf dem Pferdemarkt, dem westlichen Ende der Osterstraße und auf dem Platz, den später das Hochzeitshaus einnahm, die „Buden“ und Stände der Krämer, Handwerker und Bauern.

270_008_6764986_rueck104_0212.jpg
  • Das nach 1934 entstandene Foto zeigt die wahre Größe des Rathauses. Es entspricht von den Maßen her dem Hochzeitshaus. Quelle für beide Fotos: Stadtarchiv Hameln

Wann das erste Hamelner Rathaus gebaut wurde, ist nicht bekannt. Die Bürger errichteten es zusammen mit Marktkirche bald nach der Entwicklung Hamelns zur ausgebildeten Stadt. Samuel Erich nennt es „ein alt, aber wohl verwahrtes und steinernes Gebaw“. Sicher ist, dass der Bau gotische Formen trug und dem hohen Mittelalter entstammte.

Davon zeugen der prächtige Gewölbekeller mit kurzen Pfeilersockeln und fächerartigen Gewölberippen und der getreppte Giebel nach Norden und nach Süden. Auf alten Stadtansichten ist noch ein hoher Stufengiebel zu sehen. Wie sich der Stadthistoriker Spanuth erinnert, konnten beim Abbruch des Rathauses 1946 am Südportal „noch die wohlerhaltenen Ansätze eines gotischen Spitzbogens festgestellt werden“.

Das Gebäude wurde später nach Norden zum Pferdemarkt (und ebenso nach Süden) mit einem Vorbau von Lauben versehen. Mehrere Meter weit vorspringend, boten diese dem Stadtgericht Platz. Die dem Rat zustehende niedere Gerichtsbarkeit war ein wichtiges Merkmal der städtischen Selbstständigkeit.

Das Rathaus war nicht nur „Kophus“, Sitz des Rates und Stätte des Gerichtes. Im Keller befand sich neben der Weinstube das Gefängnis. Die Waffen, welche die Bürger zur Verteidigung der Stadt besaßen, lagerten im Rathaus. Der Dachboden wurde zu Festlichkeiten benutzt. Hier konnten sich über 400 Menschen – ein erklecklicher Teil der damaligen Einwohner – frei bewegen.

Zur Katastrophe für das Rathaus wurde der Siebenjährige Krieg (1756-1763). Durch Abnutzung und Gewalt wurde es so schwer beschädigt, dass die Bürger an einen Neubau dachten. Aus Geldmangel entschied man sich 1766 für eine grundlegende Neugestaltung. Der unzerstörte Gewölbekeller blieb, wie er war. In die massiven Außenwände brach man Reihen großer Fenster. Komplett erneuert wurden Inneres und Dach. Das Dach erhielt im zeitgenössischen Stil des Barock Mansardenform. Sorgfältig gestaltete man die Portale nach Norden und nach Süden. Sie zeigten lateinische Inschriften, das Stadtwappen und Verzierungen. Besonders die Inschrift über dem südlichen Eingang verdient es, mitgeteilt zu werden. „Quam devastavit curiam atrox bellum 1757, pax exornatiorem prisca restituit 1766“ (der schreckliche Krieg verwüstete 1757 das Rathaus, der Friede stellte es 1766 in besserer Gestalt als früher wieder her). Fast 200 Jahre diente dieses so umgestaltete Bauwerk der Stadt. 1824 riss man die Lauben ab, weil sie den Marktbetrieb störten. Gut hundert Jahre später, 1934, erhielt es zum 650-jährigen Jubiläum der Rattenfängersage einen Dachreiter mit Glocken und das zum Lüttgen Markt schauende Figurenspiel. Dort, also in Richtung Osten, befand sich die Schauseite des Gebäudes.

Bei der sinnlosen Verteidigung der Stadt in der „schwarzen Osterwoche“ des Jahres 1945 geriet das Rathaus in Brand, den die Feuerwehr nicht löschen konnte, weil mit der Sprengung der Brücken die Wasserleitungen trocken fielen. Das Bauwerk brannte innen aus; die Außenwände blieben aber stehen.

Weitere historische Fotos unter zeitreise.dewezet.de



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt