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20. Oktober 1967: „Aktenzeichen XY“ ungelöst“ bläst erstmals zur Jagd

Der Wohnzimmerfahnder

Man könnte mit einiger Berechtigung sagen, dass Eduard Zimmermann, der später als „Verbrecherjäger“ und „Ganoven-Ede“ berühmt wird, einen schweren Start ins Erwachsenenleben hat. Zimmermann kommt bei ZDF unter, ab 1964 moderiert er die von ihm initiierte Reihe „Vorsicht Falle! – Nepper, Schlepper, Bauernfänger“. Diese Reihe bringt ihn auf eine Idee: Für die Zuschauer wird mit nachgespielten Szenen vor aktuellen Betrugsmaschen gewarnt – und von den Zuschauern gibt es daraufhin oft Personenbeschreibungen und Informationen über Betrüger. Warum also nicht in Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei unaufgeklärte Verbrechen in einer eigenen Sendung behandeln?

veröffentlicht am 21.10.2017 um 15:26 Uhr

Moderator Eduard Zimmermann in der Kulisse der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“. Foto: dpa
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Als er geboren wird, ist seine Mutter, eine Kellnerin, 17 Jahre jung, seine Kindheit wird geprägt von vielen Umzügen innerhalb Deutschlands. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zieht er zu seinen Großeltern, nach Kriegsbeginn schickt ihn seine Oma zur Mutter zurück. In der Nachkriegszeit schlägt er sich in Hamburg als Zeltarbeiter im Zirkus Hagenbeck, Garderobier von Schauspieler Willy Fritsch, Dieb und Schwarzmarkthändler durch. Er verbüßt er eine Haftstrafe in der JVA Fuhlsbüttel. Mit einem gefälschten Ausweis und gefälschtem Diplom findet er anschließend Arbeit als Straßenbauingenieur in Schweden. Für eine Zeitungs-Reportage reist er 1949 zurück in die sowjetische Besatzungszone. Dort wird er 1950 wegen Spionage angeklagt und zu 25 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, vier Jahre sitzt er in Bautzen ab, dann kommt er im Rahmen einer Amnestie frühzeitig frei.

Man könnte mit einiger Berechtigung sagen, dass Eduard Zimmermann, der später als „Verbrecherjäger“ und „Ganoven-Ede“ berühmt wird, einen schweren Start ins Erwachsenenleben hat.

Zimmermann kommt bei ZDF unter, ab 1964 moderiert er die von ihm initiierte Reihe „Vorsicht Falle! – Nepper, Schlepper, Bauernfänger“.

Diese Reihe bringt ihn auf eine Idee: Für die Zuschauer wird mit nachgespielten Szenen vor aktuellen Betrugsmaschen gewarnt – und von den Zuschauern gibt es daraufhin oft Personenbeschreibungen und Informationen über Betrüger. Warum also nicht in Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei unaufgeklärte Verbrechen in einer eigenen Sendung behandeln?

Am 20. Oktober 1967 moderierte er zum ersten Mal die Serie, die untrennbar mit seinem Namen verbunden blieb und ist: „Aktenzeichen XY … ungelöst“. Zimmermann, der es als Jugendlicher so faustdick hinter den grünen Ohren hatte, präsentiert sich als äußerst biederer Wohnzimmerfahnder und nutzt erstmals das Massenmedium Fernsehen zur Lösung unaufgeklärter Kriminal-Fälle. Bald schließen sich das schweizerische und österreichische Fernsehen an.

Das Erstaunliche: Zimmermann fuhr nicht nur hohe Einschaltquoten ein, sondern löste auch Fälle, der Dienst an der Verbrechensbekämpfung erwies sich als Erfolg: Bis zur 300. und letzten von ihm moderierten Sendung, die im Oktober 1997 ausgestrahlt wurde, führte „XY“ zur Festnahme von 568 Mördern, 579 Räubern, 459 Betrügern und 142 Einbrechern. Eine Lektion lernte Fernseh-Deutschland quasi nebenbei: Die Verbrechensbekämpfung und damit Sicherheit und Ordnung waren nicht nur Aufgabe der Polizei, sondern in einem gewissen Rahmen Aufgabe jedes Bürgers. Denn das Verbrechen, das konnte überall passieren, nicht nur in der noblen Münchener Schicki-Micki-Szene, wo dann Kommissar Derrick den Fall innerhalb von 60 Minuten löste, sondern bei jedem, in der unmittelbaren Nachbarschaft: Das Verbrechen, es war immer und überall.

Einige Erfolge waren spektakulär: Seit 1976 verübt ein Erpresser, der sich in Briefen an die Bundesbahn als „Monsieur X“ bezeichnet, 13 Anschläge auf Anlagen und Züge zwischen Bruchsal und Freiburg. Zweimal lässt er sogar Züge entgleisen, bei der letzten Entgleisung werden 23 Menschen zum Teil schwer verletzt. Monsieur X durchtrennt nachts Oberleitungen oder löst Gleise. Die verursachten Schäden gehen in die Millionen, dazu kommt die Angst von Passagieren. Die Fahndung der Polizei verlacht der Täter. Ende November 1977 holt ein Mann in einem Straßburger Hotel einen Brief ab, der vier Tage zuvor für einen „Herrn Ziegler“, so das Pseudonym eines Bahn-Mannes, abgegeben wurde. Der Portier schöpft Verdacht, notiert das Kennzeichen des Mannes und übergibt den Hinweis an den französischen Geheimdienst. Ein Ermittler sieht den Fall bei „Aktenzeichen XY“ im Januar 1978 und leitet mit dem Kennzeichen den entscheidenden Hinweis weiter. Hermann Kraft erhält lebenslänglich, der Hotelier die ausgeschriebene Belohnung von 110 000 D-Mark.

Natürlich geht in all den Jahren vor und hinter den Kameras einiges schief. In der Sendung vom 16. Mai 1980 gibt es eine technische Störung, plötzlich wird der Ton umgeschaltet auf die Übertragung eines Fußballspiels zwischen dem HSV und Eintracht Braunschweig: Der Kommentator verkündet gerade mit einem lauten „Tor! Tor!“ das Tor zum 1:0 für Hamburg.

Besonders tragisch verläuft der Fall von Donald Stellwag. Er wird 1992 wegen der bei „XY“ ausgestrahlten Aufnahmen einer Überwachungskamera wegen großer Ähnlichkeit zum Täter auf den Überwachungsbildern als Bankräuber identifiziert und später zu acht Jahren Haft verurteilt. Doch er war es nicht, er ist unschuldig, er streitet die Tat ab, und als vermeintlicher „Tatleugner“ muss er dafür die Haft unter verschärften Bedingungen vollständig verbüßen. Erst 2001, nach der Haftentlassung, wird der Justizirrtum erkannt und der wirkliche Täter festgenommen. Stellwag erlitt während der Haftzeit einen Gehirntumor und erkrankte an Diabetes, seit seiner Entlassung ist er erwerbsunfähig. Nach dem Freispruch im Wiederaufnahmeverfahren wird ihm eine Haftentschädigung von etwa 60 000 Mark (20 DM pro Hafttag) gewährt. Ausgezahlt werden ihm 39 000 Mark. Der Rest wird für die Verköstigung in der Justizvollzugsanstalt einbehalten.

Eine besonders überraschende Lösung gibt es für den Fall einer verschwundenen jungen Frau, nach der in der Sendung vom 11. Januar 1985 vergeblich gesucht wird. Die Polizei geht seinerzeit davon aus, dass sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein muss. 31 Jahre später stellt sich eher zufällig heraus, dass die Gesuchte höchst lebendig ist: Sie war seinerzeit freiwillig untergetaucht und lebte bis zur Entdeckung unter falschem Namen in einer deutschen Großstadt. [

Seinen letzten Fernsehauftritt hat Eduard Zimmermann in der 400. Sendung von „XY“ am 10. Mai 2007. Am 19. September 2009 stirbt er in einer Münchener Seniorenresidenz im Altern von 80 Jahren.



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