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Argumente des Denkmalschutzes einfach vom Tisch gewischt? / Teil II

Der voreilige Abriss des Rathauses

Während der Hamelner Stadtbaurat Schäfer dringend den Wiederaufbau des Rathauses befürwortete und bereits Entwürfe samt einer Kostenplanung aufgestellt hatte, sah der von der Besatzungsmacht eingesetzte Oberbürgermeister Dr. Walter Harm eine Chance, durch Entfernung der Rathausruine den „Verkehrsengpass“ zwischen Bäckerstraße und Ritterstraße zu beseitigen. Der überörtliche Autoverkehr in Richtung Rinteln und Minden verlief damals über die Straße Am Markt sowie die Ritterstraße.

veröffentlicht am 16.12.2013 um 06:00 Uhr

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Autor:

Bernhard Gelderblom

Im Februar 1946 forderte der Regierungspräsident, aufmerksam gemacht durch den Landeskonservator, aus Denkmalsgründen den „Wiederaufbau“ des Rathauses. In barschem Ton bestritt der Oberbürgermeister in einem Schreiben vom 2. März 1946 die Kompetenz des Landeskonservators und jeden bauhistorischen Wert des Gebäudes. Er stellte sich auf den Standpunkt, „dass über das Stadtbild in allererster Linie die Stadtvertretung zu befinden hat. Tatsache ist, dass das Rathaus zerstört ist und nur noch der Keller und ein Teil der Außenmauern vorhanden ist. Als Bauwerk selbst für sich war dieses Gebäude nach Auffassung der Stadtvertretung nie von Bedeutung. … Nach Auffassung der Stadtvertretung kann bei zerstörten Gebäuden nicht mehr von Denkmalschutz gesprochen werden.“

Nach einem Mehrheitsbeschluss des ersten Stadtparlaments wurden im Sommer 1946 die Reste des Rathauses abgerissen. Um die über einen Meter dicken Außenwände zu beseitigen, brauchte man britische Bergepanzer. Man machte sich nicht die Mühe, die unversehrten gotischen Kellergewölbe zu erhalten, sondern kippte den Bauschutt hinein.

Das Thema Abbruch oder Erhaltung des Hamelner Rathauses hat damals die Gemüter sehr beschäftigt. Es ist leicht, aus heutiger Sicht über dieser Entscheidung den Stab zu brechen. Aber es drängt sich doch der Eindruck auf, dass man damals die Argumente des Denkmalschutzes einfach vom Tisch gewischt und die Entscheidung übers Knie gebrochen hat, weil man im Interesse des ungehinderten Straßenverkehrs Fakten schaffen wollte.

Nun, als es fehlte, bemerkte man wohl erst den stadtbildprägenden Charakter des Bauwerks. Das Rathaus hatte durch seine Lage drei harmonische und klar abgegrenzte Plätze geschaffen, den rechteckigen Pferdemarkt nördlich der Marktkirche, den trichterförmigen Rathausplatz, der sich im Zusammentreffen von ausgeweiteter Osterstraße und Bäckerstraße bildete, und schließlich den intimen Lüttjen Markt zwischen Marktkirche und Hochzeitshaus.

Die durch den Abriss des Rathauses entstandene Wunde schmerzte. Die Dewezet warb energisch für einen Wiederaufbau des Rathauses (4. Februar 1950). „Im Herzen der Altstadt klafft noch die schwere Wunde, die Krieg und Unvernunft – durch den voreiligen Abriß des ausgebrannten Rathauses – unserer Stadt geschlagen haben. Die wundervolle Harmonie zwischen Hochzeitshaus und Rathaus mit dem verbindenden Bogen des Bäckerscharren und dem himmelweisenden Akzent des Marktkirchenturms ist seitdem zerstört. … Sicher wäre es besser gewesen, nach dem Schock im April 1945 nicht gleich alles wegzuräumen, was die Katastrophe an Mauerresten übrig ließ. Viele deutsche Städte haben sich nach dem Zusammenbruch damit abfinden müssen, ihre Ruinen zunächst zu ‚konservieren‘.“

Im Frühjahr 1950 schrieb die Stadt einen Wettbewerb aus, der die Frage klären sollte, wie der Raum westlich der Marktkirche und des Hochzeitshauses bebaut beziehungsweise gestaltet werden sollte. Das Thema beschäftigte auch die Bevölkerung und bewegte die Leserbriefspalten. Seit März 1951 jedoch verschwand es zunehmend aus der öffentlichen Diskussion. Der Wiederaufbau des Rathauses war stillschweigend beerdigt worden.

Das Fehlen eines Gebäudes an dieser Stelle spüren wir bis heute. Durch seinen Abriss ist ein übermäßig in die Länge gezogener Platz vom Pferdemarkt bis zur Bäckerstraße entstanden. Der Einblick in den Hofraum zwischen Marktkirche und Hochzeitshaus wirkt ebenso unbefriedigend wie die Anlage der „Hochzeitshausterrasse“ an dieser Stelle. Mit dem alten Rathaus ist der Verlust eines wertvollen Baudenkmals zu beklagen, eines der ältesten Gebäude der Stadt, das nicht nur von seinen äußeren Maßen her dem Hochzeitshaus gleichrangig war. Ein maßstäbliches Modell des Rathauses – von jungen Arbeitslosen der Hamelner Beschäftigungsgesellschaft Impuls mit großer Sorgfalt und Materialgerechtigkeit gefertigt – wurde im August 2008 auf dem Pferdemarkt aufgestellt. Inzwischen steht es – vom originalen Standort leider weit entfernt – im Bereich des Chores der Marktkirche.

Bei einer Notgrabung, welche die Archäologen Joachim Schween und Kay-Peter Suchowa im Juli 2010 anlässlich der Neugestaltung der Hochzeitshausterrasse durchführen konnten, fanden sie das Fragment eines Schlusssteines vom Rathauskeller. Es lag zusammen mit Bruchstücken von Gewölberippen im Schutt, der beim Abriss des Bauwerkes im Jahre 1946 angefallen war und mit dem man damals den Rathauskeller aufgefüllt hatte. Heute ist das Fragment in der Vitrine des Rathausmodells zu sehen.

Weitere historische Fotos unter zeitreise.dewezet.de

Der Platz, an dem bis 1946 das Rathaus stand, ist heute leer (Foto oben aus den 1930er Jahren).

Stadtarchiv Hameln, bg)



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