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Vor 70 Jahren wurde bei Aerzen ein „Arbeiterzug“ von Kampfflugzeugen beschossen

Der Tod kam aus heiterem Himmel

Aerzen. Der Rad- und Fußweg entlang des Naturschutzgebietes Beberbach-Humme-Niederung führt durch eine idyllische Landschaft – kaum etwas deutet darauf hin, dass sich hier, wenige Hundert Meter vom ehemaligen Aerzener Bahnhof entfernt, vor 70 Jahren eine Tragödie abgespielt hat. Sieben Menschen verloren damals ihr Leben und die, die zum Teil schwer verwundet davonkamen, erinnern sich noch heute mit Schrecken an die Ereignisse des 15. April 1944.

veröffentlicht am 25.04.2014 um 06:00 Uhr

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Die Bahngleise, auf denen sich damals der Elektrotriebwagen der Baureihe ETA 180 mit einem Anhänger der Deutschen Reichsbahn von Hameln kommend dem Aerzener Bahnhof näherte, wurden bereits 1985 demontiert. Seither dient der Bahndamm als beliebter Rad- und Fußweg.

Nur mit wenigen Worten wird in einem Text zur Geschichte der ehemaligen Gleisverbindung Hameln–Aerzen– Barntrup–Lemgo, der in einem Schaukasten des Aerzener Heimat- und Verschönerungsvereins hängt, am Wegesrand auf den Angriff amerikanischer Kampfflugzeuge während des Zweiten Weltkrieges eingegangen. Sieben Personen, darunter der Triebwagenführer Heinrich Henne aus Hameln, verloren dort ihr Leben. 25 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.

Zu denen, die mit dem Leben davonkamen, gehören der Groß Berkeler Fritz Lücke sowie der Sonneborner Helmut Leseberg. „Das Dach sah aus wie ein Sieb. Dass ich nicht getroffen wurde, war einfach nur großes Glück. Meine Aktentasche hatte einen Schuss abgefangen“, erinnert sich der heute 86-Jährige, der mittlerweile in Lügde in einem Pflegeheim lebt, an diesen schicksalhaften Samstagnachmittag. Und auch die Erinnerung an die blutige Spur der Verwüstung, die der Luftangriff mit Explosivgeschossen, abgefeuert aus Maschinenkanonen und -gewehren, durch den Triebwagen zog, hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt.

Helmut Leseberg überlebte den Luftangriff auf den Triebwagen im Alter von 16 Jahren.

Während Helmut Leseberg, damals 16 Jahre alt und Auszubildender zum Industriekaufmann beim Elektrizitätswerk Wesertal, beim Jagdbomberangriff unverletzt blieb, hatte Fritz Lücke weniger Glück. Dabei sah anfangs alles nach einem Glückstag auch: Weil seine Mutter, die er zur Vorsorgeuntersuchung nach Hameln begleitet hatte, schwanger war, durften die beiden in der zweiten Klasse des mit weit über 300 Menschen voll besetzten Zuges Platz nehmen – ein echtes Privileg. Doch der Vorzugsplatz wurde dem damals in Grießem wohnenden neunjährigen Jungen zum Verhängnis.

Als die amerikanischen Kampfflugzeuge – vier Doppelrumpf-Lightnings – gegen 13.40 Uhr vom Lüningsberg aus das im Volksmund „Arbeiterzug“ genannte Triebwagengespann zwischen Selxen und Aerzen angriffen, traf ihn ein Geschosssplitter im Rücken. „Als der Zug in Aerzen zum Stehen kam, konnten meine Mutter und ich noch aus dem Zug springen, den Bahndamm hochklettern und auf die Veranda eines Hauses am Gartenweg flüchten. Erst dort bemerkten wir meine schwere Verletzung“, erzählt Fritz Lücke.

Noch heute, 70 Jahre und insgesamt neun Operationen später, spürt er die Folgen dieser Kriegsverletzung.

Auch Helmut Leseberg verließ damals in Aerzen den Zug fluchtartig und machte sich zu Fuß auf den Weg in das zehn Kilometer entfernte Sonneborn. Die Angst vor weiteren Luftangriffen saß ihm dabei immer im Nacken – und ein mulmiges Gefühl wurde zu seinem Begleiter, als er bereits am Montagmorgen wieder den Triebwagen bestieg, um zur Arbeit nach Hameln zu fahren.



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