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7. November 1957: Produktionsbeginn in Zwickau

Der Sound des Ostens: Vor 60 Jahren rollte der erste Trabant vom Band

Frage: Warum wird der Trabant auch „Luther“ genannt? Weil er wie Luther sagen könnte: Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Oder: Wie viele Arbeiter braucht man, um einen Trabi zu bauen? Antwort: Zwei – einer faltet, einer klebt. Kannten Sie schon? Na gut. Außer Witzen haben wir hier noch viele Informationen rund um das DDR-Kultauto parat.

veröffentlicht am 07.11.2017 um 07:00 Uhr
aktualisiert am 07.11.2017 um 08:47 Uhr

Besucher des August-Horch-Museums in Zwickau betrachten einen Trabant P50 aus der Nullserie, die im November 1957 im damaligen VEB-Automobilwerk Zwickau startete. Foto: dpa/lsn
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite

Der erste Trabant ist alles andere als ein knatterndes und stinkendes Symbol der Freiheit, sondern eine echte Innovation: Auf einem metallenen Chassis und einem Skelett aus Stahlblech sitzt eine Kunststoffhülle. Denn Stahlblech ist rar und teuer in der DDR, seit der Westen ein Embargo verhängt hatte. Zudem hat die Politik ihre Finger im Spiel: Der DDR-Ministerrat verfügt 1954 per Beschluss, dass der Kleinwagen mit zwei Haupt- und zwei Fondsitzen nicht mehr als 600 Kilo wiegen, maximal 5,5 Liter Benzin auf 100 Kilometer verbrauchen und allerhöchstens 4000 Mark kosten darf.

Dass der Trabant später abfällig als Rennpappe verspottet wird, hat der Wagen allerdings nicht verdient: Zwar gibt es durchaus Versuche mit Pappe, aber sie scheiterten, weil sich, welch ein Wunder, die Karosserie im Regen wellte.

Aber da das sowjetische Brudervolk Baumwollabfälle günstig abzugeben hat, wird sie mit einem Phenolharz zu Duroplast gepresst, das passt dann. Damit kann der Wagen mit geringem Aufwand und ohne teure Importe aus dem kapitalistischen Westen produziert werden, vor allem auf die bei einer Stahlblechkarosserie notwendigen Tiefziehbleche kann verzichtet werden.

Von 1957 bis zum Fertigungsende 1991 sind in Sachsen insgesamt 3 051 385 Trabant in verschiedenen Baureihen produziert worden. Foto: dpa
  • Von 1957 bis zum Fertigungsende 1991 sind in Sachsen insgesamt 3 051 385 Trabant in verschiedenen Baureihen produziert worden. Foto: dpa
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Aber so ganz eingehalten werden können die Vorgaben des Ministerialrates nicht: Zwar liegt man beim ersten Modell im Bereich der Kilo- und Verbrauchsvorgaben, aber der Preis hat sich fast verdoppelt: Der neue Trabant kostet 7450 Mark.

Begonnen hatte die Produktion an einem wahrhaft historischen Datum: am 7. Oktober 1957, dem 40. Jahrestag der glorreichen Oktoberrevolution. Benannt wird der Wagen nach dem Wunder der sowjetischen Raumfahrt: Trabant bedeutet Begleiter, ebenso wie Sputnik. Ein geschwungenes „S“ für den VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau ziert die stolze Front, am 7. November 1957 rollt mit Beginn der Nullserie der erste Trabant P50 in Zwickau vom Band

Aus dem P50 wird 1959 der Trabant 500; das Getriebe wird synchronisiert, der Motor braucht weniger Schmiermittel im Treibstoffgemisch. 1962 folgt der Trabant 600 mit mehr Hubraum und 23 PS. Die anfangs rundliche Karosserie wird 1964 beim Trabant 601 durch klarere Linien und vor allem jene Heckflossenstummel ersetzt, die dem Trabi bis ans Ende seiner 34-jährigen Geschichte bleiben.

Und nein, es ist kein Auto von der Stange, denn den Trabant gibt es auch mit Chromzierleisten und in Mehrfarblackierung, Modell „Sonderwunsch“ heißt das dann.

In der Mangelwirtschaft der DDR wird der Trabant in zu kleinen Stückzahlen gebaut; Wartezeiten von zwölf Jahren zwischen Bestellung und Lieferung werden normal. (Händler zum Kunden: „In 15 Jahren können Sie ihren Trabant abholen.“ Kunde: „Vormittags oder nachmittags?“ Händler: „Ist das wichtig?“ Kunde: „Ja, vormittags kommen die Handwerker.“) Die lange Wartezeit steht in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zum Ergebnis, um es mal wohlwollend zu umschreiben: Die Beschleunigung des Trabants hat deutlich Luft nach oben, die Krückstock-Lenkradschaltung hakt meistens, ein Gespräch mit dem Beifahrer ist bei Landstraßentempo unmöglich, denn es geht im Motorenlärm unter, und das Benzin-Öl-Gemisch legt seinen Geruch bald über das gesamte Land. Ganz wichtig: Wenn der „Trabi“ auf der Fahrt zu husten und zu prusten anfängt, ist es hohe Zeit, sich tief in den Innenraum zu beugen und den Hahn nach links auf Reserve zu drehen, innerhalb der nächsten 50 Kilometer sollte nun eine Tankstelle aufgesucht werden. Denn eine Tankanzeige hat der Trabant ja nicht.

Aber der Trabant wird geliebt, viele Bürger geben ihm einen eigenen Namen („Schorsch“), als wäre er ein Teil der Familie, der halt nachts draußen bleiben muss. Der Trabant ist fahrbar und liefert so ein gewisses Maß an Freiheit. Er trägt die DDR-Bürger in der Urlaubszeit mit blauen Dunstwolken im Schlepptau an die Ostsee, nach Polen, an den Balaton, gar bis ans Schwarze Meer nach Varna. Und als der Eiserne Vorhang fällt, trägt er die DDR-Bürger sogar in den Westen. Dort wird der kleine Plastikstinker erst kurz bestaunt und dann lang verlacht.

Der Trabant ist nicht nur ein Statussymbol, sondern wegen der Knappheit und Wartezeit auch eine gute Geldanlage: Für gebrauchte Trabis können seine Besitzer auch nach Jahren beim Weiteverkauf noch den Neupreis verlangen – und erhalten ihn.

Die Pläne zum Ende der 1960er-Jahre entworfenen P 603 mit Schrägheck und Viertaktmotor lässt die Staatsführung ins Archiv verbannen; eine Modernisierung des Trabbi ist nicht geplant. Das hat Folgen, denn weil sich am Plastikbomber weder technisch noch optisch etwas tut, ist Mitte der Achtzigerjahre plötzlich Schluss mit der Liebe der Bürger. Die SED-Führung reagiert und lässt 1989 den Trabant 1.1 entwickeln, mit einem 40-PS-Viertaktmotor, von Klassenfeind VW lizenziert. Der Preis hat sich allerdings gewaschen: Horrende 18 900 Ost-Mark sollen die Bürger für das neue Modell, das aussieht wie alle anderen Modelle zuvor, auf den Tisch des Hauses legen. Das sind 6000 Mark mehr, als für den 601 aufgerufen wurden. Ein Umstand, der für Unmut im Volk sorgt.

Ein Jahr später hat sich mit der Einführung der D-Mark der Trabant ohnehin erledigt. Wer das Geld hat, kauft sich endlich ein West-Auto: keine Wartezeiten, zeitgenössisches Design und flotte Motoren. Wer wollte noch seinen bestellten Trabi haben, wenn überall die Wimpel und Fähnchen der westdeutschen Gebrauchtwagenhändler flatterten?

Der letzte Trabi trägt die Produktionsnummer 3069099 und ist pinkfarben. Heute steht er im August-Horch-Museum in Zwickau. 25 Jahre nach dem Aus in Zwickau gibt es hierzulande noch mehr als 100 Fanclubs, die das Erbe der „Rennpappe“ hochhalten.



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