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Ein Blick in den deutschen Alltag – und warum es besser wäre, in Frankreich zu leben

Der Klopapier-Index

Es gibt ja viele, die halten Donald Trump für lost, cringe und wyld – also für ahnungslos, peinlich und ungezügelt. Dass genau deshalb diese englischen Wörter die ersten drei Plätze beim deutschen Jugendwort 2020 belegen, wäre wohl an blonden Haartollen herbeigezogen.

veröffentlicht am 07.11.2020 um 07:00 Uhr

Thomas Thimm

Autor

Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Aber immerhin passt das Bild in die Zeit und die Ereignisse dieser Tage – und andersherum betrachtet sind etwaige Zusammenhänge ja auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Ein Ergebnis haben wir also schon mal: Lost ist das Jugendwort des Jahres 2020.

Erst im Dezember werden wir erfahren, wie das Wort des Jahres lauten wird – also jenes aus der Erwachsenenwelt. Zudem wird auch noch der Titel Unwort des Jahres vergeben. Wir ahnen schon: Vielleicht haben ja sogar beide Titel-Wörter etwas zu tun mit … – ach, Sie wissen doch längst, worum es geht … Was, Sie können es nicht mehr hören, Sie wollen es nicht mehr hören? Dieses Wort hat uns doch nun schon so lange begleitet in diesem Jahr, da können wir doch nicht so tun, als hätte es dieses so schön begonnene Jahr 2020 nicht in seine Fänge bekommen, die Menschen nicht drangsaliert, nicht jeden Tag aufs Neue beherrscht und sich nicht mal so richtig dicke gemacht in unserer Sprache … Da können wir uns drehen und wenden, wie wir wollen, dieses Wort ist nicht mehr wegzudenken – und dann kann es doch schließlich auch zum Wort des Jahres gekürt werden.

Stellen wir uns doch nicht so an, wir haben ja schließlich schon ganz andere Wörter überstanden. So ließe sich aus den Jahreswörtern der letzten 20 Jahre folgender Satz zaubern: „Die Schwarzgeldaffäre vom 11. September des Millenniums hat das alte Europa in eine Finanzkrise gestürzt, die erst Stresstest, dann Rettungsroutine auslöste – und später in einer Abwrackprämie für Wutbürger endete.“ Ganz ehrlich: War auch alles nicht unbedingt sehr viel besser …

Aber immerhin: Wir haben ja ein wunderbares Gespür für das, was uns beschäftigt, was uns berührt und manchmal für auch, was so auf uns zukommen mag. Das spürt man doch gerade in aktuellen Zeiten wieder mal ganz eindrucksvoll. Auf der einen Seite leugnet zwar eine zugegebenermaßen recht krude Menschengemeinde der eigentlich in sich gescheiterten Selbstgerechten, dass es das Böse mit C überhaupt gibt – andererseits aber kauft eine andere Menschengemeinde (oder sind es doch dieselben?) ganze Supermarkt-Regalwände leer. Ja, ich weiß, die besorgen das alles nur für die kranke Oma oder den alten Nachbarn. Und es ist auch egal, wo das Zeugs jetzt immer lagern mag – ich gönne es jedem jederzeit und überall. Aber ich staune über dieses, ja nennen wir es ruhig beim Namen: dieses Glaskugel-Gespür. Wer hamstert, weiß mehr. Wer aus der Speisekammer ein Warenlager macht, ist schlauer als andere. Wer Toilettenpapier hortet, der hat offenbar in die Zukunft geschaut.

Ich nenne es den Klopapier-Index: Wenn man in den Supermarkt kommt und das Klopapier ist ausverkauft, dann ist etwas Schlimmes im Anmarsch. Okay, man kann sich dann wünschen, lieber in Frankreich zu leben, weil dort Rotwein und Kondome ausverkauft sind. Aber wir leben ja nun mal in Deutschland. Und hier liebt man in der Krise offenbar Toi-pap.

Und plötzlich, das muss man sich mal reintun, gelten fürs Klopapier-Regal sogar alte Börsenweisheiten. Womit wir beim Großmeister des Parketts wären: André Kostolany. Er sagte einst: „Die ganze Börse hängt nur davon ab, ob es mehr Aktien gibt als Idioten – oder umgekehrt.“ Das kann man nun aufs Toilettenpapier anwenden wie man will. Wenden ist in diesem Zusammenhang übrigens echt gut …

Kostolany sagte übrigens auch: „Wenn alle Spieler auf eine angeblich todsichere Sache spekulieren, geht es fast immer schief.“ Wie gesagt: Nennen wir es den Klopapier-Index. Der wird uns leiten. In der Krise. Im Supermarkt. Eigentlich immer. Dann kann uns nichts mehr passieren. Denn merke: Wer auf den Klopapier-Index achtet, der ist nicht lost …



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