weather-image
×

Polizeigewerkschaft warnt vor Gaunerzinken / Fälle im Direktionsbereich bislang „sehr selten“

Der Geheimcode der Diebe und Bettler

Hameln. Sie sind meist winzig klein – und ihre Bedeutung ist vielen nicht bekannt: Oftmals werden die sonderbaren Zeichen, die Ganoven an Hauswänden, Zäunen, Masten, Klingelbrettern und Briefkästen oder an Türzargen hinterlassen, für Kritzeleien von Kindern gehalten. Es handelt sich allerdings um eine alte geheime Zeichensprache, die seit Jahrhunderten von Dieben, Trickbetrügern, Bettlern und Hausierern benutzt wird. Ein Kreuz, ein paar Striche, kleine Kreise, Zacken oder eine naiv gezeichnete Katze: Kriminelle hinterlassen Gaunerzinken an Häusern, um sich gegenseitig mitzuteilen, wo etwas zu holen ist oder mit welcher Masche sie erfolgreich waren. Nach Angaben des Landesverbandes Berlin der Deutschen Polizeigewerkschaft im Deutschen Beamtenbund (DPolG) erleben die Gaunerzinken seit einem Jahr in der Hauptstadt eine Renaissance. Aber auch in anderen Städten sind sie bereits aufgetaucht. Weil die Symbole lange Zeit nicht mehr im Stadtbild präsent waren, hat die DPolG für ihre Mitglieder in diesem Jahr extra eine sogenannte Praxiskarte herausgegeben. Sie klärt Ermittler über die geheimnisvollen Zeichen auf. „Insbesondere osteuropäische Banden nutzen diese fast vergessene Zeichensprache der Ganoven noch immer, um nachfolgenden Tätern wichtige Hinweise für ein erfolgreiches Vorgehen zu übermitteln“, heißt es in dem Informationsblatt für Polizisten. Die Gewerkschaft rät: „Im Rahmen der Tatortarbeit bei Einbrüchen, Trickbetrügereien und ähnlichen Delikten sollte ein besonderes Augenmerk auf Gaunerzinken gelegt werden.“ Diese Zeichen könnten „bei ordentlicher Fotodokumentation durchaus Hinweise auf die Tätergruppierung geben“. Schon im 12. Jahrhundert hätten sich Menschen mit solchen Geheimzeichen verständigt, erklärt der Berliner DPolG-Landesvorsitzende Bodo Pfalzgraf im Gespräch mit der Dewezet. Nach der Wende seien die Symbole plötzlich aus dem Stadtbild verschwunden. „Erst seit anderthalb Jahren werden sie wieder benutzt.“ Der Ausdruck Zinken sei erst im 18. Jahrhundert aufgetaucht – und zwar in Zusammensetzungen wie Zinkenplatz (wo sich Diebe treffen), Zinken stechen (Zeichen geben), abzinken (kennzeichnen), Zinkfleppe (Steckbrief) oder abgezinkt sein (erwischt, erkannt worden sein). Laut Wikipedia wird das Wort vom lateinischen Wort „Signum“ (das Zeichen), aber auch vom althochdeutschen Ausdruck „Zinko“ (die Zacke, die Spitze), abgeleitet.

veröffentlicht am 27.09.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 15:00 Uhr

Ulrich Behmann

Autor

Chefreporter zur Autorenseite

Während Gaunerzinken in einigen Bezirken von Berlin an sehr vielen Klingelschildern zu finden sind, gibt es in Deutschland Regionen, in denen sie offenbar noch nicht aufgetaucht sind. Eine aktuelle Abfrage der Polizeidirektion Göttingen – zu ihr gehören die Inspektionen Hameln-Pyrmont/Holzminden, Nienburg/Schaumburg, Hildesheim, Northeim/Osterode und Göttingen – ergab, dass in diesem Jahr lediglich ein Fall bekannt geworden ist, bei dem Gaunerzinken verwendet wurden. Eine Bürgerin aus Sarstedt habe auf ihrem Briefkasten ein solches Zeichen entdeckt, teilt Hilke Vollmer, Sprecherin der Direktion, auf Anfrage mit. „Alle Inspektionen kennen das Phänomen von früher, aber reale Fälle sind sehr sehr selten geworden.“ Gaunerzinken seien in der Vergangenheit insbesondere von Nichtsesshaften benutzt worden. Da ehemals traditionell nicht sesshafte Berufs- und Personengruppen heutzutage zunehmend feste Wohnsitze hätten, fänden Gaunerzinken immer weniger Verwendung. „Nach Einschätzung des Fachdezernats dürfte es derzeit auch nur noch wenige Personen geben, die umfassende Kenntnisse über die Bedeutung der verschiedenen Symbole haben“, sagt die Behördensprecherin. „Wenn sich allerdings größere Gruppen nicht sesshafter Personen in bestimmten Regionen vorübergehend aufhalten, kann es immer wieder einmal zur Verwendung der Gaunerzinken kommen.“ Diese informierten auf diese Weise andere Gruppenangehörige über eigene Feststellungen. An Häusern in Hameln hat Dewezet-Mitarbeiterin Jana Beerberg gestern seltsame Kreuze und Striche gefunden, bei denen es sich um Gaunerzinken handeln könnte.

Christian Wulf ist Vorsitzender des DPolG-Direktionsverbandes Göttingen und arbeitet in Hessisch Oldendorf als Polizeibeamter – er mahnt zur Wachsamkeit. „Auch wenn solche Symbole derzeit in unserer Region keine große Rolle spielen, lohnt es sich immer, auf Gaunerzeichen zu achten.“

Polizeihauptkommissar Jörn Schedlitzki rät: „Wenn Sie solche Zinken entdecken, informieren Sie bitte sofort die Polizeiinspektion in Hameln.“ Telefon: 05151/933-222.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt