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30. August 1916: Ernest Shackleton rettet im vierten Anlauf seine Antarktis-Crew

Der erste Coach

veröffentlicht am 28.08.2016 um 18:07 Uhr

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Autor:

von Frank westermann
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Man kann der Anzeige nicht vorwerfen, dass sie die anstehende Expedition beschönigt: „Männer für gefährliche Fahrt gesucht. Geringe Heuer. Bittere Kälte. Lange Monate der absoluten Dunkelheit. Ständige Gefahr. Sichere Rückkehr zweifelhaft. Ehre und Anerkennung im Erfolgsfall.“ An Freiwilligen besteht dennoch kein Mangel: Über 5000 Bewerbungen erhält Ernest Shackelton für seine vierte Expedition, die seine berühmteste werden wird. Am Ende werden die Kandidaten auf 56 Mann reduziert, 28 für jeden Zweig der Expedition, Perce Blackborow fährt nach seiner Ablehnung als blinder Passagier mit. Als Kapitän der „Endurance“ will Shackelton John King Davis anheuern, doch der lehnt ab, weil das Unternehmen seines Erachtens „dem Untergang geweiht“ sei. Die in zwei Gruppen auf zwei Schiffen verteilte Endurance-Expedition will als erste den antarktischen Kontinent durchqueren – und sie scheitert. Im Gedächtnis der Menschheit bleibt sie vor allem, weil alle Expeditionsmitglieder der Gruppe unter Shackelton unter äußerst widrigen Umständen überleben.

Für den britischen Polarforscher ist es die vierte Antarktisexpedition. Im Januar 1909 stellte er zusammen mit drei Begleitern einen neuen Rekord in der größten Annäherung an einen der beiden geografischen Erdpole auf, bevor sie 180 Kilometer vom Südpol entfernt umkehren mussten. Shackelton wird dafür zum Ritter geschlagen.

Die Endurance fährt am 5. Dezember 1914 von Südgeorgien wie geplant Richtung Süden in das Weddell-Meer. Das Weddell-Meer – es liegt zwischen der ostantarktischen Küste, der antarktischen Halbinsel und den Süd-Sandwich-Inseln – ist eines der gefährlichsten Meere der Welt. Hier toben Orkane und haushohe Wellen. Treibeis behindert des Vorankommen, am 19. Januar 1915 ist das Schiff von Meereis umschlossen. Einen Monat später entscheidet Shackelton, auf dem Schiff zu überwintern. Am 27. Oktober 1915 gibt er das Schiff auf, die Expeditionsteilnehmer verlassen die Endurance mit Proviant und Ausrüstung und errichten auf dem Eis ein Winterquartier. Am 21. November sinkt das Schiff, vom Eis zerdrückt.

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Etwa zwei Monate lang kampiert die Mannschaft auf einer großen Eisscholle. Schlafsäcke werden verlost. Shackelton dreht es so, dass die Offiziere die dünneren bekommen. Sie schleppen drei offene Boote mit, um sich darin zu retten, sobald sich die Eisfläche öffnet. Ein Mann darf sein Banjo mitnehmen, um die Truppe abends aufzuheitern. Shackelton weiß, wie wichtig die Stimmung fürs Überleben ist. Mehrere Versuche, die rund 400 Kilometer entfernten Paulet-Insel zu erreichen, scheitern. Am 9. April bricht ihre Eisscholle auseinander, Shackelton entscheidet sich, mit den drei mitgeführten Rettungsbooten das nächstgelegene Land anzusteuern. Nach fünf qualvollen Tagen erreichen die 28 völlig erschöpften Männer schließlich Elephant Island. Es ist das erste Mal nach 497 Tagen auf See und Meereis, dass sie wieder festen Boden unter den Füßen haben.

Sie haben Land erreicht, aber mehr gute Nachrichten gibt es nicht: Elephant Island ist wenig einladend und, weit schlimmer, es liegt abseits der Schiffsrouten. Shackelton entscheidet sich für eine Seereise: Über 800 Seemeilen, das sind etwa 1500 Kilometer, soll im offenen Boot die Fahrt zu den Walfangstationen in Südgeorgien gewagt werden.

Shackelton wählt fünf Männer und ein Rettungsboot aus, die Verpflegung reicht für vier Wochen, weil der Brite davon ausgeht, in dieser Zeit entweder das Ziel zu erreichen oder auf See zu verrecken. 15 Tage segeln sie ostwärts durch den aufgepeitschten Südatlantik, ihr Boot ist ein Spielball der Wellen, ständig in Kentergefahr. Das Südpolarmeer kocht, immer wieder überzieht Eis die Taue des Boots. Ihre nasse Kleidung trocknet während der ganzen Fahrt nicht.

Schließlich erreichten sie die King Haakon Bay, doch sie liegt auf der menschenleeren Südseite der Insel. Einige Tage erholen sich die Männer, dann verwirft Shackelton einen weiteren Versuch, im Boot zu den Walfangstationen im Norden zu gelangen. Stattdessen will er Südgeorgien auf einer Route durchqueren, die nie zuvor begangen worden ist. Mit zwei Männern macht er sich auf den Weg, nach 36 Stunden über das zentrale Gebirge erreichen sie im Mai 1916 die Walfangstation in Stromness: Drei Männer des Heldenzeitalters der Polarforschung mit einem 50 Fuß langen Seil zwischen ihnen – und das Beil des Zimmermanns.

Shackelton schickt ein Schiff aus, um das in der King-Haakon-Bay zurückgelassene Trio aufzunehmen, und organisiert die Rettung der auf Elephant Island gestrandeten Männer. Die ersten drei Anläufe scheitern, es ist Krieg, aber am 30. August 1916 kann ein chilenischer Schlepper alle 22 verbliebenen Expeditionsteilnehmer an Bord nehmen. Vier Monate haben sie gewartet, am Ende hat der Forscher keinen einzigen Mann verloren. Das Schicksal der zweiten Gruppe ist weniger glücklich, drei Männer sterben.

Shackelton kehrt nach Vorträgen über die Endurance-Expedition in Australien und den USA im Mai 1917 nach England zurück, er leidet an einer Herzschwäche; Folge der körperlichen Überanstrengung durch die Strapazen seiner Expeditionen. Das Land nimmt seine Rückkehr zur Kenntnis, mehr nicht, England kämpft im Weltkrieg, die Zeit der großen Forscher ist abgelaufen. Im Januar 1922 stirbt er, er wird 46 Jahre alt. Sein Rum verblasst, er wird vergessen. Erst zur Jahrtausendwende wird Shackelton als vorbildhafte Führungspersönlichkeit wiederentdeckt. Seine Fähigkeiten, in einer vermeintlich ausweglosen Situation seine Untergebenen zu Höchstleistungen zu motivieren, wird auch von Management-Ratgebern entdeckt, die sich mit seinen Führungsqualitäten und der Übertragung auf den Berufsalltag auseinandersetzen, heute nennt man es Coaching. Shackelton selbst hat es einmal so formuliert: „Übermenschliche Anstrengungen sind einen Dreck wert, solange sie nicht zu Resultaten führen.“



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