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25. Februar 1922: Serienmörder Henri Landru legt seinen Kopf unter das Fallbeil

Der Blaubart von Paris

Vor dem Gerichtsgebäude von Versailles herrschen tumultartige Zustände. Ganz Paris scheint an jenem 21. November 1921 angereist zu sein, um die Eröffnung eines der spektakulärsten Mordprozesse der französischen Justizgeschichte mitzuerleben. Einfache Bürger und feine Leute, Schriftsteller und berühmte Schauspieler feilschen zu Schwarzmarktpreisen um eine Eintrittskarte. Angeklagt ist Henri-Desiré Landru. Er sitzt reglos auf der Anklagebank, bewacht von drei Gendarmen. Und alle im Publikum sind leicht enttäuscht: Das soll der berühmte Serienmörder sein? Dieser glatzköpfige Mann mit dem langen Bart und den stechenden Augen soll zehn Frauen und einen Mann über ein Zeitraum von fünf Jahren ermordet haben? Das ist der Blaubart von Paris?

veröffentlicht am 20.02.2017 um 09:58 Uhr

Henri-Desiré Landru auf einem Polizeifoto aus dem Jahre 1909. Foto: Wikipedia (gemeinfrei)
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Wohl wahr, schön ist Landru nicht. Aber sein Charme, seine Beredsamkeit und seine diskreten Hinweise auf ein (nicht existierendes) Vermögen wirken Wunder. Und so folgen ihm viele Frauen willig in sein Liebesnest. Sie werden nie wieder gesehen.

„Seriöser Herr wünscht sich mit Witwe oder unverstandener Frau, 35 bis 45 Jahre alt, zu verheiraten“: So lautet seine erste Annonce im Februar 1914. Landru entscheidet sich unter den Zuschriften für diejenige der 34-jährigen Witwe Georgette Cuchet, eine Witwe und Mutter eines Sohnes. Sie verfügt über Ersparnisse, sie und ihr Sohn werden die ersten Opfer.

Landru ist ein Gewohnheitsverbrecher. Sechsmal hat er seit 1900 wegen Betrugs und Heiratsschwindels im Gefängnis gesessen. Als dem Familienvater 1914 die lebenslange Deportation droht, beginnt er unter wechselnden Namen seine Karriere als „Blaubart“, als serienmäßiger Frauenmörder. Er nutzt den Männermangel während des Kriegs gegen Deutschland und nimmt in fünf Jahren per Heiratsannonce Kontakt zu 283 Frauen meist reiferen Alters auf. Landru ist penibel, kryptisch verschlüsselt notiert er Details seiner Affären. Und er ist geizig: Lädt er sein Opfer in sein Landhaus ein, kauft er sich stets eine Hin- und Rückfahrkarte, für sein Opfer jedoch nur eine einfache Fahrt. Es ist ein Indiz, dem im Prozess große Bedeutung zukommen wird, denn Beweise in Form von Leichen, die gibt es nicht.

Am 25. Februar 1922 fällt Landrus Kopf unter der Guillotine. Foto: Wikipedia (gemeinfrei)
  • Am 25. Februar 1922 fällt Landrus Kopf unter der Guillotine. Foto: Wikipedia (gemeinfrei)
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Sicher, es werden Knochenreste gefunden und ein von Landru angemieteter Lagerraum ist randvoll mit dem Hab und Gut der Opfer. Doch zu beweisen ist ihm kein einziger Mord, vor Gericht spielt er das Unschuldslamm: Die Frauen? Sie haben im Ausland ein neues Leben begonnen, erklärt er.

Es sind die Wirren des Weltkrieges und seine Folgen, die Landru helfen. Die Polizei erkennt keinen Zusammenhang zwischen den Fällen der vermissten Frauen, zudem sind viele Männer auf den Kriegsfeldern gefallen, ihre Witwen wollen wieder heiraten; da kommt ein vermeintlich gut betuchter Mann gerade recht. Und schöne Liebesbriefe schreiben kann er auch. Nach den Morden geht Landru immer gleich vor: Er löst die Wohnungen der Opfer auf, verkauft die Möbel, löst Bankkonten auf und verkauft Versicherungspolicen seiner Opfer, er fälscht Vollmachten und legt sich Tarnidentitäten und -adressen zu. Um seine Taten zu vertuschen, verschickt er Postkarten, die vorgeblich von seinen Opfern stammen.

Doch die Polizei kommt ihm auf die Spur. Drei Wochen dauert der Prozess, Landru gibt den höflichen Gentleman, der genießt und schweigt. Dass er die Wohnungen aufgelöst und die Möbel verkauft habe, bestreitet er nicht, er sei ja Möbelhändler. Die gefundenen verkohlten Knochen? Das sind Tierknochen, sagt er.

Trotzdem wird Henri Landru am 30. November 1921 zum Tode verurteilt. Am 25. Februar 1922 fällt sein Kopf unter der Guillotine.

Vergessen wird er nicht, schon bald wird der Blaubart literarisch verarbeitet. Und 1947 erscheint „Monsieur Verdoux“, der auf dem Landru-Fall basiert, es ist Charles Chaplins erster konventioneller Film, in dem er eine dialogreiche Hauptrolle spielt. Große Teile des Publikums sind enttäuscht, weil Chaplin nach einer langen Filmpause nicht mehr die gewohnte Figur des Tramps mit Melone und Stöckchen verkörpert.

Und Claude Chabrol stellt in seiner 1963 gedrehten Komödie „Der Frauenmörder von Paris“ Landru als Möbelhändler dar, der vermögende Frauen tötet und beerbt, um seine Familie ernähren zu können. Sowohl Chaplins Film als auch der Film von Chabrol kritisieren die gesellschaftliche Doppelmoral: Der Verurteilung der Morde Landrus steht das von der Gesellschaft akzeptierte Morden an den Fronten des Ersten Weltkrieges gegenüber.



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