weather-image
19°

Fanden die Fährmänner von Großenwieden einst Gold in ihren Stiefeln?

„Das ist doch alles Schiet!“

Man ist noch nicht ganz angekommen und fühlt sich schon gut aufgehoben bei Fährmann Wilfried Lammich in Großenwieden, der von weitem ruft: „Na, junge Dame, wollen Sie über?“ „Nein, danke, ich will zu Ihnen.“ Der Fährmann freut sich und wir sind prompt im Gespräch. Während zwei Radfahrer, ein ortsansässiger Landwirt und eine junge Autofahrerin „den Neuen“, so wird Wilfried Lammich von allen genannt, um Überfahrt bitten, nutzt der Fährmann die Gelegenheit, der Presse gegenüber die eine oder andere politische Entscheidung rund um die Fähre zu kommentieren. Nachdem die ersten Passagiere über die Weser gebracht wurden, kommen wir auf die Sage vom Großenwiedener Fährmann und den Zwergen zu sprechen. Es soll im kleinen Großenwieden einst ein Zwerg zum Fährmann gekommen sein, der ihn um Überfahrt bat. Der Fährmann kam der Bitte nach und setzte mit dem Kleinwüchsigen über, der aber, am anderen Ufer angekommen, nicht von Bord gehen, sondern immer wieder von der einen zur anderen Weserseite fahren wollte. Da bemerkte der Fährmann plötzlich, dass er nicht nur diesen einen, sondern noch viele andere Zwerge hinüberfuhr. Nach vielen Stunden des Nachts wurde die Fähre immer zwergenleerer und irgendwann ging auch der Auftraggeber an Land. Als der Fährmann nach seinem Lohn fragte, verwies der Kleine auf die Fähre, sein Lohn sei an Bord. Dort sah der Fährmann allerdings nichts als Mist, den er wütend und fluchend in die Weser schaufelte. Dabei muss ihm etwas in den Schuh gefallen sein, was er zu Hause bei seiner Frau bemerkte. Als er jedoch seinen Schuh auskippte, fiel kein Mist, sondern zwei Stücke pures Gold heraus, das angeblich dafür gesorgt haben soll, dass auch seine Nachkommen noch viel Geld hatten. Dieser Sage zufolge müsste der Fährmann von Großenwieden also reich sein. Auf die Frage danach antwortet „der Neue“ lachend und wie aus der Pistole geschossen „Klar, stinkreich!“

veröffentlicht am 26.09.2014 um 06:00 Uhr

270_008_7458465_rueck_Faehre_Grossenwieden_Dana_101_2609.jpg

Autor:

von danila köhls

Weder Zwerge noch Gold habe er bei der Arbeit je zu Gesicht bekommen, so Lammich. Der nächste Fahrgast, ein Großenwiedener Bauer, hat zwar ordentlich Dreck am Wagen, kennt zum Erstaunen „des Neuen“ die Sage nicht – und muss sie sich erzählen lassen. Die nächsten Gäste warten schon auf der anderen Seite und werden ebenso freundlich, wie alle anderen auch, vom Fährmann begrüßt: „Herzlich willkommen an Bord! Einfache Überfahrt?“ Das Paar nickt. „Ohne Drink? Ohne Snack? Ohne Übernachtung in unserer Luxussuite?“ „Danke, nein, einfach rüber.“ Als wir das Auto abgesetzt haben, fragen wir nach einem ehemaligen Fährmann, der vielleicht mehr zur Zwergengeschichte sagen kann. Wilfried Lammich erzählt, dass die beiden vormaligen Fährmänner noch leben, Karl Steding in Fischbeck, Dieter Dorndorf in Großenwieden – dessen gelbes Haus wir vom Wasser aus gut sehen können. Schnell ist der Entschluss gefasst, Dorndorf spontan einen Besuch abzustatten. Nach Dank und Verabschiedung ist erneut der Ruf des Fährmanns zu vernehmen: „Warten Sie mal, ich rufe mal an und frage, ob er zu Hause ist.“ Dorndorf käme vorbei, lautet die Antwort, er mache sich gleich auf den Weg. Wir werden in das kleine Aufenthaltshäuschen der Fähre gebeten und bekommen einen Kaffee. Es ist urig dort, warm, bunt, familiär. Lammich zeigt Fotos von Steding, der Dorndorf einarbeitete. Dorndorf, der wiederum Lammich einarbeitete, ist auf einigen Bildern, die hier und da herumliegen, -stehen oder an der Wand hängen, zu sehen. Meistens mit der Fähre und Kollegen abgelichtet, immer stolz und stark aussehend. Wie ein waschechter Seemann eben.

Mit diesen Bildern, den vielen Seemannsaufklebern an der Tür und einem selbst geschmiedeten Geschenk eines Großenwiedeners zu Ehren der zwei ehemaligen und zwei aktuellen Fährmänner auf dem Tisch, könnte man glatt meinen, man sei in Hamburg oder auf einer Nordseeinsel. Dieser Eindruck verstärkt sich, als Dorndorf den Raum betritt und uns freundlich und mit wachem und direktem Blick und nordischem Zungenschlag begrüßt. Auf das Märchen von den Zwergen und dem Gold folgt allerdings wieder eine ernüchternde Antwort: „Ach Mädchen, das ist doch alles Schiet!“ „Soll es gewesen sein, ja, aber dann wurde doch Gold daraus, oder etwa nicht?!“ Auch Dorndorf habe nie Gold auf der Fähre oder im Schuh gefunden, obwohl die Fährmänner seit jeher viel Mist, meistens Pferdeäppel, befördern und dabei jedes Mal an die Sage denken. Auch beim gemeinsamen Umtrunk, der hin und wieder zwischen alten und neuen Fährmännern und deren Freunden stattfindet, spielen Märchen eine Rolle, da die Kurzen auf dem Spiegel der bösen Stiefmutter von Schneewittchen herumgereicht werden. Eine sogenannte „Anna von Bismarck“ wird uns als Ansprechpartnerin in unserer Sache empfohlen, sie kenne sich mit Sagen bestens aus und könnte vielleicht weiterhelfen.

Weitergeholfen haben allerdings die beiden gesprächigen Fährmänner. Also nein, weder Lammich noch Dorndorf haben Gold gefunden oder sind reich. Dorndorf habe die Arbeit aber viel Spaß gemacht, obwohl es zu seiner Zeit noch härter war, als Fährmann tätig zu sein, weil er im Gegensatz zu „dem Neuen“ und dem anderen Neuen, Henseleit, auch im Januar fahren musste. Auch Lammich, der seit 1996 auf der Fähre arbeitet, gefällt sein Beruf und man merkt es ihm auch an. Außerdem, sagt er nebenbei, sei man schon sehr reich, wenn man gesund ist, das habe er nach einer Gallensteinerkrankung gemerkt und verinnerlicht. Nachdem Dorndorf berichtet, dass er Marinesoldat in Flensburg und Kiel war, dann Schlachter nahe Bückeburg, eigentlich zur Wasserschutzpolizei wollte und wie er schließlich Fährmann wurde, heißt es „Ah, da kommt Thommy!“ Natürlich wird auch er nach den Zwergen und dem Gold gefragt. „Schön wär‘s! Dann würden wir nicht ab und zu zusammen Lotto spielen.“ Wir wünschen Glück dabei und verabschieden uns herzlich für die uns entgegengebrachte Herzlichkeit.

Die Fähre in Großenwieden ist Gegenstand einer Sage – in ihr geht es um Zwerge, Gold und Mist.Dana



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt