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Wie Corona Verschwörungstheoretiker auf Touren bringt

Das große Geschwurbel

Es sind üble Zeiten. Die Welt starrt hypnotisiert auf dieses – jetzt mal echt – Arschloch von Virus, die Wirtschaft geht in die Knie und wer weiß: Vielleicht wird Bayern München diesmal sogar Meister, ohne die Saison überhaupt zu Ende gespielt zu haben. Üble Zeiten.

veröffentlicht am 04.04.2020 um 09:00 Uhr

Frank Henke

Autor

Reporter zur Autorenseite

Hinzu kommen all die verstandesmäßigen Kollateralschäden. Im Supermarkt war dieser Tage die Abgabe von Frischmilch auf zwei Tüten pro Einkauf begrenzt. Die Hamsterkäufer, Sie wissen schon. Aber: Wie um alles in der Welt hamstert man Milch mit fünf Tagen Haltbarkeit? Keine rhetorische Frage, ich wüsste das wirklich gerne. Sicherheitshalber, für die nächste Apokalypse.

Noch viel größere Verstandesschäden aber sind aktuell – wo begegnet man sonst noch Fremden? – im Internet diagnostizierbar. Völlig klar: So einiges kann und muss nun diskutiert werden. Macht die Regierung alles richtig? Machen wir alles richtig? Machen wir uns zu wenig Sorgen um unsere Grundrechte? Wer sollte Masken tragen? Und wer richtet nun Oma und Opa daheim mal fix Skype ein? Alles gute Themen. Doch erstaunlich viele nehmen in vielleicht sinnvollen Debatten Ausfahrten in sumpfiges Gebiet. „Haha!“, triumphieren sie dann (in Wirklichkeit meistens ohne „Haha!“), „uns wird doch etwas vorgemacht!“ Denn: „Da stecken ganz andere dahinter!“

Die „ganz anderen“ sind dann aber – folgt man dem sumpfigen Pfad bis zu seinem Ende im Morast – doch immer wieder die Gleichen: mal Chinesen, mal Russen, mal die US-Regierung, mal die „internationale Finanzelite“. Diese üblichen Verdächtigen hätten dann das Virus als Kampfstoff ausgesetzt oder ausbrechen lassen, einen harmlosen Schnupfen zur Epidemie aufgeblasen oder die ganze Epidemie schlicht erfunden. Warum? Gut, das ist dann auch für beinharte Verschwörungsfans offenbar schwieriger zu beantworten. Es geht um irgendwas mit Geld, meinen sie. Vielleicht auch die Weltherrschaft. Manchmal sind sogar Außerirdische am Werk.

Häufiger aber ist aktuell der vorsichtig oder empört vorgetragene bloße Verschwörungsverdacht. Da lohnt es sich dann schon, kurz drüber nachzudenken, gemeinsam im Internet oder vielleicht auch im Quarantäne-Selbstgespräch. Hier als Vorschlag drei Punkte, die es sich lohnt, dabei einzubeziehen:

Erstens: Haben Sie schon mal versucht, gemeinsam mit anderen – zum Beispiel der Familie – einen Plan umzusetzen? Nehmen wir mal einen simplen: Wir putzen jeden Mittwoch um 18 Uhr zusammen die Bude. Wie lange dauert es, bis der Termin zum ersten Mal ausfällt? Zwei Wochen? Drei? Weil Mama oder Papa zu spät von der Arbeit kommt, das eine Kind keine Lust hat, das andere eine Mathearbeit oder Fieber (nein, nichts Ernstes). So ist das Leben, so ist der Mensch. Aber einem großen internationalen Komplott, dem trauen wir alles zu. Die ganz große Steuerung. Hochkomplex, aber voll funktionsfähig über Monate, sogar Jahre, ach was: Jahrzehnte. Tausende und Abertausende Verschwörer, unbeirrbar vereint hinter dem gemeinsamen Ziel. Niemand plaudert, niemand schert aus. Das müssen Übermenschen sein – die können gerne mittwochs bei mir putzen. Damit kommen wir zum Zweiten: Irren ist menschlich. Zu flach? Mal sehen. Ich unterstelle, dass sogar die meisten Verschwörungstheoretiker sich und allen ihnen Nahestehenden eine gute Portion menschlicher Schwächen zugestehen: ein bisschen oder sogar mal gründlich falsch liegen, keine Ahnung haben, einfach mitschwimmen. Total menschlich, oder? Wenn es um die „Mächtigen“ – egal, ob in Politik, Firmen oder Robert-Koch-Institut – geht, hat solches Gönnen ein Ende: Nichts als Kalkül und gnadenlose Effizienz regieren demnach Land und Welt. Die hätten alles wissen müssen. Immer. Ach, was: Sie wussten es! Und wenn nicht: nur Marionetten, kontrolliert von den „wahren“ Mächtigen – und die wiederum gezeichnet von tiefer moralischer Verderbtheit. Puh. Nur so als Arbeitshypothese für Krisenzeiten: Könnte es sein, dass in Wirklichkeit wichtige Entscheidungen von – nun ja – Menschen getroffen werden? Nicht immer von sympathischen oder kompetenten, aber doch von: Menschen.

Drittens: Sie suchen also auf Youtube den großen Sinn, den geheimen Plan? Den Schlüssel zur Pandemie oder gleich: zu allem? Vergessen Sie’s. Wir – im Sinne von: wir knapp 7,8 Milliarden Menschen – wurschteln uns so durch. Auch durch so eine kleine Pandemie. Ein halbwegs geordnetes Chaos. Vermutlich läuft’s dafür gar nicht so übel.



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