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Der ungewöhnliche Kirchenstuhl – oder: Warum 1735 eine schwangere Frau krank geworden sein soll

Das Gezänk ums Gestühl und eine „Frevelthat“

Hemmendorf. Im alten Hemmendorf steht eine alte ehrwürdige Kirche, von der manche sagen, der Innenraum sei Mitte der 1950er Jahre verschandelt worden. „Sie ist einfach nicht mehr das, was sie mal war“, meinen sie. Es gibt sogar Leute, die bezeichnen das Gotteshaus wegen seines 50er-Jahre-Stils spöttisch als Autobahnkirche, der man nicht ansieht, dass sie 1166 erstmalig aus Holz gebaut wurde und dann später aus Stein, vergrößert und einen Turm bekam, den man „dry meilen in der ferne sehen kunnt“. Altar, Hochkanzel und Bänke wurden entfernt. Damit sollen auch wertvolle Schnitzereien – und damit Geschichtliches – für immer verschwunden sein. Mehr als 200 Jahre alte Kirchenstühle zum Beispiel. Und um einen rankt sich eine amüsante Geschichte, die verbürgt ist durch einen Brief, den der verstorbene Hermann Munzel in seinem Besitz hatte.

veröffentlicht am 08.06.2012 um 06:00 Uhr

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Früher hatten alle Familien, die etwas auf sich hielten, eigene Kirchenstühle. Diese „Stühle“ sind eine Art mehr oder weniger aufwendig gestaltete Bänke in der Kirche mit der jeweiligen Anzahl von Plätzen für eine komplette Familie, die auch ausschließlich von dieser genutzt werden durften. Sie mussten verschiedentlich gekauft werden, blieben damit im Eigentum ihrer jeweiligen Besitzer und wurden mit vererbt.

Die Stühle sind in Reihen angeordnet, damit allen Besuchern ein ungehinderter Blick auf den Chor, den Altar und die Hochkanzel gewährleistet wird. Die Bewohner von Voldagsen hatten ihre Stühle auf der Prieche, der Empore an der Nordwand der Kirche und einen eigenen Eingang, die 1706 neu erbaute sogenannte Voldagser Treppe, damit sie nicht mit dem „gewöhnlichen Volk“ zusammen in die Kirche gehen mussten.

Als nun am Ostersonntag des Jahres 1735 zum Gottesdienst geläutet wird, geht auch die jung vermählte Dorothea Elisabeth Munzel, geb. Düvel, pflichtgemäß zur Kirche und will den ihrer Mutter und durch die Heirat ihr gehörenden Platz Nr. 95 einnehmen. Doch daran wird sie von ihrer Nachbarin, der Frau von Joachim Groven, gehindert.

Bis Mitte der 1950er Jahre sah es in der Kirche so aus.

Nach einigem Hin und Her gelingt es jedoch der jungen Frau, sich auf ihren Platz zu setzen. Grovens Frau jedoch verschmäht die rechts und links neben der werdenden Mutter noch freien Plätze und setzt sich „mit ihrem Podex auf meiner frauen schoß, welche noch jung und dazu zum ersten mahl schwanger ist undt den gantzen währenden Gottesdienst von Anfang biß zum Ende darauf Sitzen geblieben, welches damit alle die in der Kirchen Versamblet gewesen, Bezeugen können, undt auf meiner frauen Schoß so schwer gelegen undt selbe also gehüpfet und gerekelt hat, daß selbe davon Krank geworden undt wie sie zu Hauße kommen, sich zu Bette legen müßen. Auch denen anwehsenden Leuten in der Kirchen zum theil ein Groß Gelächter undt groß Aergerniß zum theil veruhrsachet und die Leute in der Kirchen aller ihrer andacht Verstörte, welche Boshafte undt Gottlose that in einen Gottes Hauße dann nicht zu erdulden stehet“, schreibt Dorothea Elisabeth Munzels Ehemann tags darauf dem Superintendenten mit Bitte, dass er sich um Gerechtigkeit und „Satisfaktion“, Genugtuung, bemühen möge, weil offensichtlich der alte Pastor Rentorf nicht gegen diese „Frevelthat“ eingeschritten war.

Ob nun der Superintendent die geforderte „schwere Strafe“ über Frau Groven ausgesprochen hat, und wie die Geschichte des ungewöhnlichen Kirchenstuhls ausgegangen ist, ist leider nicht überliefert. Bekannt ist nur, dass die „unübliche Sitzposition“ keine bleibenden Nachwirkungen gehabt hat, denn das Kirchenbuch verrät, dass die junge Frau Munzel am 9. August ein gesundes Mädchen zur Welt gebracht hat.

Ob damit auch der nachbarschaftliche Frieden der beiden Familien wiederhergestellt wurde, ist unbekannt. Wahrscheinlich ist, dass sich der „Krieg“ der Frauen auf die Freundschaft der beiden Männer ausgewirkt hat.



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