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17. August 1896: Die 44-jährige Bridget Driscoll erleidet tödliche Kopfverletzungen

Das erste Opfer eines Autounfalls

Sie ist auf dem Weg zu einer Tanzveranstaltung, sie hat sich schick gemacht und ihre besten Kleider angezogen. Dass sie Geschichte schreiben wird, ahnt Bridget Driscoll an diesem 17. August 1896 nicht, und es ist eine unglückselige Geschichte, die sie nicht überleben wird.

veröffentlicht am 14.08.2016 um 18:40 Uhr

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Autor:

von Frank westermann

Denn beim Versuch, in London an diesem Tag eine stark belebte Straße zu überqueren, schlingert eines dieser noch äußerst seltenen Automobile auf Bridget Driscoll zu und erwischt sie mit dem rechten Kotflügel. Die 44-jährige Mutter dreier Kinder kann gerade noch „Help“ („Hilfe“) schreien, dann wird sie zu Boden gerissen. Sie erleidet eine Kopfverletzung – und die ist tödlich; Bridget Driscoll geht in die Geschichte ein, am 17. August 1896, als erstes Opfer eines Unfalls, in den ein Auto verwickelt war.

Auch wenn Autos noch selten sind, so waren die Straßen schon vor 120 Jahren ein lebensfeindlicher Aufenthaltsort. Unfalltote, Krach, Stau, Gestank überall. Als Bridget Driscoll unter die Räder gerät, war es mit Sicherheit noch um einiges schlimmer: Das London der Jahrhundertwende war lärmdurchtobt – erfüllt von nervenzerrüttendem Rasseln und Rumpeln, vom Krach eisenbeschlagener Hufe und Rädern auf holprigem Pflaster. Die Straßen: verstopft von Pferdekadavern und ineinander verkeilten Fuhrwerken, Tonnen von Mist und Urin. Der Gestank: atemberaubend. Bei Zusammenstößen mit Kutschen sterben im Gewimmel der Londoner Gassen in guten Wochen bis zu zwölf Menschen – an die hundert verletzten sich schwer. Straßen waren schon immer gefährlich und außerdem unpopulär – sogar in der Antike. Selbst die Via Appia, Parade-Exemplar römischer Straßenbaukunst, wurde von ihren Anwohnern nicht gerade hoch geschätzt. Und Caesar brütete nicht nur über globalen Schlachtplänen, sondern tüftelte auch daran, das überbordende Verkehrsaufkommen innerhalb der römischen Mauern mit Einbahnstraßen und Fahrverboten in den Griff zu bekommen.

Als das Auto dann endlich anrollt, wird es keineswegs von allen Zeitgenossen freudig begrüßt. Englands Königin Viktoria spricht von einem „sehr unruhigen und ganz und gar unangenehmen Beförderungsmittel“. „Benzinpinkelnde Monster“, entrüstet sich Rudyard Kipling, der Dichter des Empire, über die Automobile. Die „Times“ beklagt überdurchschnittlich viele Autofahrer, die „alles andere als Gentlemen“ seien. Und der Duke of Beaufort gibt seiner Verachtung freien Lauf: „Erschießen, alle Autofahrer erschießen!“ Noch vor weniger als 100 Jahren gleichen die Straßen jeder größeren Stadt in Europa und Amerika lärmdurchtobten Senkgruben – der Krach der Kutschgefährte konkurriert aufs infernalischste mit dem Gestank der Emissionen: 8000 Tonnen Pferdeäpfel und knapp zwei Millionen Liter Urin lassen allein die Gäule New Yorks jede Woche unter sich.

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  • Bridget Driscoll
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Und noch früher war es auch nicht besser. Im Jahr 100 nach Christus klagte der römische Dichter Juvenal über das Verkehrsgetöse, „das dem Empfindlichen Kopfschmerzen bringt und dem Unvorsichtigen den Tod“.

Und vor 150 Jahren war die Kutsche in ähnlichen Verruf geraten wie heute das Automobil. „Diese Pest auf Rädern“, wetterte die Times, nachdem in London ein Abgeordneter von einer Kutsche zu Hackfleisch gefahren worden war. Der Politiker starb immerhin nicht umsonst: Seinem Tod verdankt die Welt die erste Verkehrsampel. In der Gerichtsverhandlung um das erste Verkehrsopfer Bridget Driscoll rechtfertigte sich der unaufmerksame Fahrer damit, kaum über sechs Stundenkilometer gefahren zu sein – viel mehr gab der Roger-Benz ohnehin nicht her – und außerdem seine Glocke geläutet und laut „Stand Back!“ – „Aus dem Weg!“ – geschrieen zu haben.

Das Gericht zeigte sich milde und sprach den Todesfahrer frei. Er hoffe aber inständig, fügte der Richter dem Urteilsspruch noch hinzu, dass ein solch tragisches Ereignis sich niemals wiederholen möge.

Heute sterben geschätzt etwa 4000 Menschen auf den Straßen – an jedem einzelnen Tag.



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