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26. Juli 1986: 100 000 Besucher beim fünften Anti-WAAhnsinns-Festival

Das deutsche Woodstock

Es ist der zweite Festival-Abend, 100 000 Menschen sitzen friedlich zusammen, als Sänger Rio Reiser „Somewehre Over the Rainbow“ anstimmt, die Hymne von irgendwo jenseits des Regenbogens, wo die Hüttensänger fliegen, die Himmel immer blau sind und die Träume wahr werden. 100 000 Zuhörer lassen ihre Feuerzeuge leuchten, die deutsche Anti-Atom-Bewegung hat ihr ganz eigenes Woodstock; es ist bis dahin das größte Konzert, dass auf deutschem Boden jemals organisiert wurde.

veröffentlicht am 24.07.2016 um 17:55 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:26 Uhr

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Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite

Protestiert wird gegen die WAA, gegen eines der umkämpftesten, teuersten und schließlich gescheiterten Industrieprojekte in der deutschen Geschichte: die atomare Wiederaufarbeitungsanlage im bayerischen Wackersdorf.

Am 18. Februar 1982 beantragt die Deutsche Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) beim Regierungspräsidium der Oberpfalz ein Raumordnungsverfahren. Zwar sind am Anfang drei Standorte im Gespräch, aber intern steht fest, dass nur die 3800 Einwohner zählende Gemeinde bei Schwandorf in Frage kommt. Die Wahl fällt auf Wackersdorf, weil die Region strukturschwach und ihre Bevölkerung „industriegewohnt“ sei. 350 Tonnen hoch strahlender Atommüll aus Atomkraftwerken sollen dort zerkleinert, gereinigt und zu neuem Brennmaterial verarbeitet werden.

Plutonium, Atomkraft, Becquerel und Halbwertszeit: Die Republik diskutiert Mitte der Achtziger seit Jahren über die Atomenergie. In Wyhl, in Grohnde, in Brockdorf und in Gorleben demonstrieren hunderttausende AKW-Gegner, hier entsteht die Umweltbewegung.

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Und der Staat? Er weiß nicht, wie er regagieren soll, er ist hilflos angesichts der protestierenden Bürger – und rüstet seine Polizei auf. Denn auf der anderen Seite stehen nicht nur Bürger, sondern auch Gegner: Militante Demonstranten, die gleich die ganze die kapitalistische Gesellschaft abschaffen wollen.

Doch nirgendwo eskalieren die Auseinandersetzungen so heftig wie in der bayerischen Provinz, Wackersdorf wird zu einem Symbol.

Schritt für Schritt eskaliert die Auseinandersetzung. Schon 1981 gründen sich die ersten Bürgerinitiativen. 1985 besetzen WAA-Gegner das Baugelände im Wald, doch es wird in einem der größten Polizeieinsätze der deutschen Geschichte geräumt. Es folgen Massendemonstrationen und gewalttätige Auseinandersetzungen. Dann explodiert das sowjetische Atomkraftwerk Tschernobyl, und Pfingsten 1986 findet am Bauzaun in Wackersdorf eine Schlacht statt, wie sie das Land noch nicht erlebt hat; mit Bildern, wie sie das Land noch nie gesehen hat. Vermummte Demonstranten greifen die Polizei an, sägen Löcher in den Bauzaun, die Polizei wirft aus Hubschraubern CS-Reizgas ab und treibt Demonstranten mit Schlagstöcken zusammen. Über 400 Personen werden verletzt.

Die Stimmung in der Oberpfalz kippt. Pastoren, Polizisten und CSU-Kommunalpolitiker wenden sich ab. Sie distanzieren sich nicht von den „angereisten Chaoten“, sondern von der Staatsmacht. Und langsam, aber sicher schiebt sich eine moralische Frage in das Zentrum der Debatte: Darf eine Landesregierung ein Großprojekt gegen massiven Widerstand durchsetzen? Ist dabei jedes polizeiliche Mittel erlaubt?

Im Juli 1986 kommt es in der Oberpfalz zu einem gigantischen Rockfestival, kein Star fehlt. BAP, Die Toten Hosen, Udo Lindenberg, Rodgau Monotones, Rio Reiser, Herbert Grönemeyer – und mit Kevin Coyne tritt sogar ein richtig guter Musiker auf, der es einst abgelehnt hatte, nach dem Tod von Jim Morrison neuer Sänger der Doors zu werden, weil ihn eine Karriere als Star nicht sonderlich interessiert.

Durch das zweitägige Konzert erfährt die Anti-Atom-Bewegung eine bis dahin ungeahnte Medienresonanz. Insgesamt 600 Journalisten aus zehn Ländern berichten vom WAAhnsinn; 1300 freiwillige Helfer sorgen für einen fast reibungslosen Verlauf. Rund 6000 Polizisten sind rund um Burglengenfeld im Einsatz; die Veranstaltung verläuft absolut friedlich. Bei Durchsuchungen anreisender Gäste wird von der Polizei von Taschenlampen über Wagenheber bis zur Taucherbrille alles beschlagnahmt, was als Waffe einsetzbar wäre – in der Summe mehr als 60000 (!) Gegenstände.

Dabei hatte die Bayerische Staatsregierung zuvor eine Bannmeile rund um das Gelände in Wackersdorf gelegt. 120 Quadratkilometer um das Gelände war ein Festival damit nicht mehr möglich. Um jedoch so nahe wie möglich am Gelände der geplanten WAA zu sein, entschließen sich die Organisatoren, das Festival auf dem Lanzenanger in Burglengenfeld abzuhalten. Das Jugendzentrum übernimmt die gesamte Organisation, alle Bands und Musiker spielen ohne Gage bei dem Festival. Insgesamt fließen aus dem Festival und den Platten- wie auch Filmeinnahmen Erlöse von rund 400000 Euro in den Widerstand gegen die WAA.

Das Aus für die WAA selbst kommt im April 1989 völlig überraschend. Die Kosten sind nicht mehr kalkulierbar, technische Probleme des schlecht gewählten Standortes ungelöst, und die Dauer von Genehmigungs- und Gerichtsverfahren zieht sich immer mehr in die Länge. Die Energiewirtschaft zieht die Notbremse.

Was dann ab 1989 auf dem Baugelände passiert, nennen die Oberpfälzer noch heute das „Wunder von Wackersdorf“. Ersatzarbeitsplätze sollen entstehen, und das Land Bayern zahlt 1,5 Milliarden DM und zwingt die DWK, 500 Millionen DM zu geben. In das bereits fertige Brennelemente-Eingangslager zieht BMW ein. Autozulieferer, Kunststoffverarbeiter und ein Baggerhersteller werden mit üppigen Subventionen gelockt. Aus der Krisen- wird eine Boomregion.

Heute gehört Wackersdorf zu den reichen Kommunen in Bayern.



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