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Was der Volksmund dazu sagt und wie der Zeitgeist widerspricht

Darf ich fragen?

Es gibt keine dummen Fragen, behauptet der Volksmund. Und fügt hinzu: Fragen kostet nichts. Man sieht dabei förmlich den erhobenen Zeigefinger. Lange Zeit erhob niemand den Finger so schön wie der Volksmund. Aber jetzt hat er seinen Meister gefunden: den Zeitgeist. Der hebt gleich eine ganze Faust. Nicht nur, aber auch wenn es ums Fragen geht.

veröffentlicht am 08.12.2018 um 06:00 Uhr

Illustration: cn

Wo der Volksmund noch Wissbe-(oder zumindest unschuldige Neu-)gier unterstellte, wittert der Zeitgeist nämlich das Schlimmste: Diskriminierung. Hinter vermeintlich harmlosen Formulierungen wie „Woher kommen Sie?“ verbirgt sich der Abgrund. Sie können das nicht einfach so einen Fremden fragen, vor allem nicht dann, wenn sein Äußeres den Schluss nahelegt, er käme eventuell nicht von hier. Sie dürfen sich auch nicht bei einer berufstätigen Mutter von vier Kindern danach erkundigen, wie sie „das alles unter einen Hut bekommt“. Und gegenüber dem Nachbarn ohne Beine sollten Sie aufdringliche Fragen ebenfalls vermeiden. Wie er mit dem Einkauf die Treppe hinaufkommt, geht Sie nichts an.

Denn, so sagt der Zeitgeist mit gehobener Faust, in dem Moment, in dem Sie solche und ähnliche Fragen stellen, offenbaren Sie, lieber Fragesteller, Ihren völlig falschen und schädlichen Fokus. Sie reduzieren den Gefragten auf ein einziges Merkmal. Noch dazu eins, das ihm zum Nachteil gereicht und wie ein Stigma anhaftet. Dass dem so ist, dürfen und sollten Sie zwar wissen. Sie dürfen diese Benachteiligung auch gerne öffentlich anprangern und auf gesellschaftlicher Ebene mit aller Macht dagegen kämpfen. Aber einen Betroffenen persönlich danach fragen, ob und wie ihn sein Anderssein konkret betrifft? Nein, das lassen Sie mal lieber.

Mooooment, entrüstet sich an diesem Punkt der Zeitgeist, SO habe ich das nie gesagt! Stimmt, das hat er nicht. Im Gegenteil: Er fordert geradezu auf zu einem Diskurs, in dem sich jeder mit jedem solidarisiert, gleichstellt und empathisch verbindet. Letzteres aber bitte mit der gebotenen Distanz, denn kein weißer alter Mann kann wissen, wie sich eine schwarze junge Frau tatsächlich fühlt. Und keine heterosexuelle Frau mit Ein-Kind-Familie kann ahnen, was es bedeutet, als homosexueller Mann in der Provinz aufzuwachsen, zu heiraten und ein adoptiertes Kind großzuziehen. In beiden Fällen fordert der Zeitgeist vom interessierten Außenstehenden eine selbstreflektierte Annäherung, bei der vor allem die eigene Vorstellung von Normalität in Frage gestellt – und reine Neugier auf das vermeintlich Unnormale somit überflüssig wird.

Kurz gesagt: Mit ein bisschen Nachdenken sollte jeder ganz von selbst darauf kommen, dass ein schwules Elternpaar grundsätzlich keine anderen Sorgen hat als die klassische Vater-Mutter-Kind-Familie – gäbe es nicht diese lästigen Fragen, die ständig darauf hinweisen, dass da immer noch Erklärungsbedarf besteht!

Ich gestehe: Auch ich kenne dieses ärgerliche Zucken, wenn breitflächig darüber berichtet wird, dass irgendwo auf der Welt ein weibliches Staatsoberhaupt ein Kind bekommen hat. „Wie will sie das schaffen?“, fragen dann Journalisten stellvertretend für alle interessierten Außenstehenden und ernten ein reflexartiges „Hätten die das auch einen Mann gefragt?“ als Reaktion. Nein, das hätten sie nicht. Sie würden auch keinen Leistungssportler bundesweit zum Thema machen, der sich von einer schweren Grippe erholt hat. Wohl aber einen, der durch eine Verletzung zum Schwerbehinderten wurde und dennoch weiter Sport treibt. Für Menschen mit Behinderung können die zugehörigen Fragen dumm, unbedarft oder diskriminierend klingen – und der Zeitgeist gibt ihnen recht. Aber es entscheidet eben nicht allein der Zeitgeist darüber, was im Wortsinn fragwürdig ist und was nicht.

Auch wenn er hundertmal die Faust hebt und fordert, dass jede Abweichung von der Norm ebenfalls als Normalität, nur eben die eines anderen, zu akzeptieren ist, wird er nichts daran ändern, dass farbige Haut, fehlende Gliedmaßen, ein gleichgeschlechtlicher Partner oder ein unorthodoxes Rollenverhalten für die Mehrzahl der Menschen ungewöhnlich sind. Noch, möchte man hinzufügen. Denn jede Antwort auf eine „dumme“ Frage, und sei sie noch so genervt herausgepresst, ist ein kleines Fenster, durch das man einen Blick auf das (vermeintlich) Unbekannte wirft. Es gibt keinen einfacheren Weg, um sehr schnell herauszufinden, dass Herkunft, Geschlecht und sexuelle Orientierung nicht die einzigen und bei weitem nicht die interessantesten Merkmale sind, die man an anderen feststellen kann. Und weil Normalität nun mal in erster Linie aus Gemeinsamkeiten und Bekanntem besteht, fällt es dann plötzlich sehr viel leichter, das Gegenüber nicht mehr als Ausländer, Behinderten oder Homosexuellen zu sehen, sondern als ganz „normalen“ Menschen.

Also vertrauen Sie in diesem Punkt einfach auf den Volksmund, riskieren Sie den genervten Blick – und fragen Sie mutig weiter. Mehr als eine schnippische Gegenfrage und natürlich die gehobene Faust des Zeitgeistes drohen Ihnen nicht. Denjenigen, die selbst Träger eines Neugier erweckenden Merkmals sind, wünsche ich noch ein wenig Geduld. Es wird der Tag kommen, an dem alle Fragen beantwortet sind. Je öfter Sie antworten, umso schneller.



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