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Gegen den Autorisierungswahn – für die Pressefreiheit

Danke und Tschüss!

„Sehr geehrter Herr Killmann, bitte denken Sie daran, vor der Veröffentlichung das Interview zur Freigabe vorzulegen – danke!“ Wie jetzt? Das hatte ich nämlich eigentlich nicht vor. Davon, das zuvor geführte Gespräch vorzulegen, bevor es veröffentlicht wird, war bis zu dieser E-Mail nie die Rede.

veröffentlicht am 02.03.2019 um 08:00 Uhr

Illustration: cn
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Daher kam diese Aufforderung nicht nur überraschend, sie erweckte auch den Anschein („Denken Sie daran!“), als handele es sich dabei um eine Selbstverständlichkeit. Ist es aber nicht. Auch wenn hierzulande inzwischen ein anderes Bild vorzuherrschen scheint.

Die Dewezet ist eine unabhängige Tageszeitung, die ihre Artikel, Berichte oder Interviews in aller Regel nicht „zur Freigabe“ vorlegt. Man möchte annehmen, dass die allermeisten anderen Medien das ebenso handhaben. Doch in Anbetracht der Häufigkeit, in der man als Journalist dazu aufgefordert wird – nicht gefragt wohlgemerkt –, seine Texte noch mal „gegenlesen“ zu lassen, können da schon mal Zweifel aufkommen. Ich glaube, diese Autorisierungspraxis tut dem Journalismus nicht gut. Stichwort Pressefreiheit: Wie frei ist die Presse, wenn sie in selbstauferlegter Geiselhaft am laufenden Band Texte „absegnen“ lässt. Auch und gerade von Politikern. Man könnte ja glatt auf die Idee kommen, Kanzlerin Merkel, rufe tatsächlich in den Redaktionen an und diktiere, was zu berichten ist und was nicht. Spaß.

Apropos Spaß: Den machte sich mal die „taz“, als sie ein weitgehend geschwärztes Interview mit Olaf Scholz veröffentlichte, nachdem das zur „Autorisierung“ vorgelegte Interview mit dem SPD-Politiker hinterher nicht mehr viel mit dem ursprünglichen Gespräch zu tun hatte.

Aber es sind nicht nur Politiker, die Journalisten ins Handwerk pfuschen wollen. Es gibt auch Pressesprecher oder Manager von Personen des öffentlichen Lebens, die fordern oder gar davon ausgehen, Artikel oder Interviews vorab lesen und verändern zu dürfen. Bei diesem Prozedere werden die Texte dann häufig geglättet: Knackige Zitate werden verändert oder gestrichen. Mitunter werden sich auch stilistische Änderungen angemaßt oder Eindrücke, die der Journalist gewonnen und textlich verarbeitet hat, verfälscht oder entfernt. Aber dann kann man den journalistischen Ansatz auch gleich zur Hölle fahren lassen, auf Interview und Recherche verzichten und stattdessen einen Werbetext ins Blatt hieven. Da wäre der Informationsgehalt dann allerdings gleich null beziehungsweise geschönt und der Text so spannend wie eine Packungsbeilage. Ganz davon abgesehen, dass niemand mehr die Zeitung ernst nähme, wenn sie solche Texte veröffentlichen würde – ohne sie als Anzeige, also Werbung zu kennzeichnen.

„Den Text bekommen wir noch mal zu Freigabe?“, hieß es vor einiger Zeit in einer anderen E-Mail, die ich wenige Minuten vor Beginn des geplanten Telefoninterviews erhielt. – Äh, nein. Doch um möglichen Missverständnissen vorzubeugen, rief ich die Absenderin, eine Pressebearbeiterin eines namhaften deutschen Musikers, an, um klarzustellen, dass es keine „Freigabe“ geben werde, weil: nicht üblich. Die unverblümte Antwort: „Das habe ich ja noch nie gehört!“, platzte es recht ungehalten aus dem Hörer. „Die Welt, die Süddeutsche, alle schicken ihre Texte immer zur Freigabe.“ Das wiederum wunderte nun mich.

Nach einigem Hin und Her erklärte ich mich dazu bereit, zumindest die O-Töne gegenlesen zu lassen. Doch da war es schon zu spät. „Ich habe das Interview gerade abgesagt“, so die lapidare Antwort. Ein Nachholtermin wurde zwar noch in Aussicht gestellt – daran anknüpfende Nachfragen blieben aber bis heute unbeantwortet.

Keine Freigabe, kein Interview – kann man so machen. So läuft der Interviewte nicht Gefahr, schlimmstenfalls das Gesicht zu verlieren, und der Journalist wahrt sein Gesicht. Die Kehrseite: Es gibt auch keine Geschichte.

Im Hinblick darauf, dass aufgezeichnete Interviews im Nachhinein wesentlich verändert werden oder deren Veröffentlichung untersagt wird, sprach der Deutsche Journalistenverband auch schon von „Autorisierungswahn“. In den US- und angelsächsischen Medien hingegen seien Autorisierungen verpönt. Kann ich bestätigen. In den Jahren, in denen ich mich hauptsächlich als Musikjournalist übte, waren die meisten meiner Gesprächspartner US-Amerikaner, häufig mit politischem Hintergrund, um den sich auch die Interviews oft kreisten. Nicht ein einziges Mal wurde ich dazu aufgefordert, das Interview vor der Veröffentlichung autorisieren zu lassen.

In einer Szene der Dokumentation „Mission Wahrheit“, in der ein Kamerateam ein Jahr lang der New York Times bei ihrer Berichterstattung über Donald Trump auf die Finger schaut, telefoniert ein Redakteur mit dem Präsidenten und fängt ein paar Zitate ein – danke und tschüss! Von Autorisierung keine Rede. Da lob ich mir doch die Pressefreiheit in den USA.

Derweil werde ich mich darum bemühen, dieses von den US-amerikanischen und angelsächsischen vorgelebte Ideal in der Praxis noch konsequenter zu beherzigen als bislang. Auch auf die Gefahr hin, dass die eine oder andere Geschichte dann genau daran scheitern wird. Falls Sie künftig also weniger von mir lesen werden als vielleicht gewohnt, dann ist es eben diesem Umstand geschuldet.

Nix für ungut.



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