weather-image
Von Glückstagen und spontanem Schizophrenwerden

Danke, Sie A#?!*geige!

Manchmal passieren Dinge ja viel schneller, als man denkt. Gut, Trump im Amt hält sich länger, als einem lieb sein kann. Aber andere Sachen – Geld ausgeben, oder auch schizophren werden. Gerade mal 25 Minuten dauerte es, bis ich nicht mehr nur ich war, sondern eine sauber gespaltene Persönlichkeit hatte.

veröffentlicht am 29.09.2018 um 10:30 Uhr

Illustration: cn
Birte Hansen

Autor

Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite

O.k., 25 Minuten und noch einen Tag, zack, schon war ich völlig zerrissen. Zuerst noch eindeutig verzweifelt, wütend, fassungslos, verärgert, irritiert. Was dann am nächsten Tag wechselte in erleichtert, glücklich, dankbar. Und von da an: Wütend. Dankbar. Wütend. Dankbar.

„‘n Portemonnaie braucht man ja auch im Fitnessstudio“, sagte der Polizist ironisch, als ich die Anzeige aufgeben wollte, und findet sich total witzig. Sein Kollege auch. Ja, hahahaHAA. Die Erklärung, dass ich dort eine Rezeptgebühr bezahlen wollte, habe ich ihm nicht mehr geliefert, schon ein bisschen beleidigt, weil er die Anzeige sowieso nicht aufnehmen wollte.

Wer ein Portemonnaie mit ins Fitnessstudio zur Physiotherapie nimmt, es dann auch noch im Raum mit der Toilette ablegt, weil es mit Portemonnaie in der Hand, Hose auf, Jacke aus und so alles ein bisschen kompliziert wurde und es erst 20 Minuten später nach der Behandlung vermisst, ist selber Schuld. Etwas in mir reagiert zynisch, aber auch erst 20 Minuten später. Sagt so’n Polizist eigentlich auch: „‘n Rock zieht man ja auch an, wenn man durch den Park geht…“? „Selber Schuld“ war aber nicht der Grund, aus dem er mich anzeigenlos weggeschickt hat. Sondern der Hinweis darauf, dass ja auch erstmal jemand die Chance haben muss, das Portemonnaie zu finden und sich zu melden. „Gehen Sie mal zum Fundbüro.“

Da bin dann ich diejenige, die etwas witzig findet, denn die nehmen sofort auf, dass mein Personalausweis weg ist, was sie wiederum auch der Polizei melden müssen. Nicht der Dienststelle in Hameln, sondern allen anderen Behörden, die mit Ausreisewilligen und Ausweisen zu tun haben. Ich: Immer noch wütend. Auf den, der skrupellos mein Portemonnaie eingesackt hat und jetzt auch auf einen Polizisten. Und natürlich auf mich, weil ich das Portemonnaie hatte liegenlassen und zum ersten Mal überhaupt mit 100 Euro Bargeld unterwegs war, um eine Reparatur zu bezahlen.

Bis vor wenigen Tagen hatte ich noch nicht einmal j e m a l s so einen grünen Hunderter passend zur Farbe meines Portemonnaies besessen, aber den hatte mir gerade vorher jemand zurückgezahlt. Wütend also. Auch wegen der ganzen Rennerei. Zur Polizei, sich zum Gespött machen lassen, zur Bank Karten sperren – die wollten übrigens auch eine Anzeigennummer von der Polizei. HahahaHA.

Und weil in so einem Frauenportemonnaie – Sie ahnen es – weit mehr steckt als ein Ausweis und ein Hunni. Wer darüber staunt, was Frauen in den Handtaschen mitschleppen, sollte mal in deren Portemonnaies gucken. Das halbe Leben! Fotos vom Kind –  kurz nach der Geburt, mit drei, mit fünf, mit sechs, vom Mann mit Brille, vom Mann ohne Brille, vom Hund, Patenkind, von der Schwester vom Patenkind, Bonusheft, Impfpass, … Klar geworden, oder?

Und dann? Fingere ich am nächsten Tag aus dem Briefkasten einen dicken braunen Umschlag. Denke an anonyme Anthrax-Anschläge, entscheide, dass ich als Lokaljournalistin dafür nicht in Frage komme, weil zu unwichtig und ungefährlich. Wenn doch, dann hätte ich wahrscheinlich auch daran selbst Schuld, warum wird man auch Journalistin?! Nehme wahr, dass meine Adresse richtig geschrieben und der Brief ausreichend frankiert ist. Fühle.

Drehe den Umschlag um. Pause. Pause. Immer noch Pause. „Heute ist Ihr Glückstag!“ steht da in dicken, roten Edding-Lettern. Mein Herz klopft. Könnte es sein, … Jup! Alles. Jede Karte, jedes Foto, jeder Ausweis. Alles ergießt sich aus dem Umschlag auf unseren Tisch. Fast alles. Das Geld ist nicht dabei, das farblich zum Hunderter passende Portemonnaie auch nicht. Trotzdem, ich: glücklich, froh, erleichtert darüber, dass mein halbes Leben in Papier- und Plastikformaten wieder zurück ist. Sauer auf den Polizisten, der recht behalten hat. Und stinksauer, dass dieser k*dreiste Mensch doch allen Ernstes auf die Rückseite noch etwas geschrieben hat: „Danke“

So wurde ich schizophren und die andere auch. Die eine denkt noch immer „so eine A*geige“, die andere hält dagegen: „Der hat wenigstens noch so viel Anstand und schickt das Wichtige zurück.“ „Wütend“ vs „dankbar“. Bis Mittwoch. Da haute uns diese Schlagzeile um: „Junge Frau findet Portemonnaie mit 1300 Euro…“ Und, Achtung, es geht noch weiter… „und gibt es ab“. GIBT ES AB! Was sollen wir dazu noch sagen? „Das Leben ist unfair.“ „Fair!“ „Un-fair.“ „Faihair...“ 



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt