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Warum ich manchmal über mich selbst staune

Danke, liebes Tagebuch

Entrümpeln kann ja so befreiend sein. Behaupten jedenfalls manche Menschen. Es kann einem beim Aufräumen aber auch so ergehen wie mir – dass einem plötzlich etwas in die Hände fällt, an dessen Existenz man nun nicht gerade täglich gedacht hat. Schon vor vielen Jahren, beim letzten Umzug, wurde es in die hinterletzte Schrankecke gelegt: mein Tagebuch.

veröffentlicht am 17.08.2019 um 09:00 Uhr

Kerstin Hasewinkel

Autor

Redaktionsleiterin zur Autorenseite

Besser: meine Tagebücher. Also, die ich als Teenager vollgeschrieben habe. „Geheim-Tagebuch“ steht sogar auf einem. Und gleich mein erster Eintrag: „Ich will nicht in dieses Buch schreiben. Ich find es doof.“ Warum? „So nachgemacht.“ Häh? Ach so, ganz oben auf der jeweiligen Seite stand jeweils ein Spruch: „Das Wort Geduld ist ein Schatz im Haus (chinesisches Sprichwort).“ Das war mir im zarten Alter von 14 wohl nicht kreativ genug. Immerhin war ich so weitblickend: „Ich möchte nur die Sprüche einkreisen, die mir gefallen, doofe streiche ich durch.“ Warum? „Es ist, glaub ich, später mal ganz interessant zu hören und zu sehen, wie ich heute (dann ja früher) denke (dachte).“ Aha. Stimmt irgendwie.

Zum Beispiel über folgendes Zitat: „Es schlägt nicht immer ein, wenn es blitzt.“ Mein ernsthafter Kommentar im zarten Teenager-Alter: „Haut mich nicht um.“ Würde ich heute auch unterschreiben.

Obwohl – was sich dann so in den anderen Kladden findet, da schäme ich mich fast. Wie konnte es mich nur so niederschmettern, dass meine Eltern mir die Taucherbrille nicht gekauft haben, die Holger und Benno sehr wohl bekommen haben? Seitenlang habe ich mich darüber ausgelassen und dies als Beweis fehlender Elternliebe gedeutet. Wenn ich mich manchmal in die unbeschwerte Zeit der Kindheit zurücksehne, sollte ich die Tagebücher rausholen: Was mich da alles bewegt hat, worüber ich mir Gedanken gemacht habe… „Nur Gedanken“ habe ich eines der Hefte denn auch betitelt. Und an anderer Stelle festgestellt: „Ich sag ja, Gedanken sind stark. Und komisch.“

Ich hatte übrigens auch einen Block, auf dem ich gezeichnet habe. Wohl eher gekritzelt. Von einem Skizzenbuch weit entfernt. Völlig talentfrei.

Sicherlich geht es beim Tagebuch hauptsächlich um das Schreiben. Es muss gar nicht unbedingt auch gelesen werden. Obwohl ich Jahrzehnte später nach den Eintragungen staune: Es finden sich auch lyrische Zeilen. Und teils recht reife Gedanken für eine 14- oder 15-Jährige. „Ich finde, das ist das wichtigste: für jemanden da sein. Umgekehrt natürlich auch. Das ist doch das, was Menschsein ausmacht.“ Oha.

Mein späterer Beruf war wohl doch nicht so ganz zufällig gewählt. Ich leg sie wieder in den Schrank, meine frühen „Werke“. Hinten, in die Ecke.



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