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Die Bundesregierung dankt – das lässt sich ausbauen

Danke, Birte!

Erinnern Sie sich daran, als Menschen einander noch wohlwollend „Gesundheit“ wünschen durften nach einem herzhaften Nieser? Das sagte man früher so, aus Höflichkeit, aus Gewohnheit, aus Angst vor der Pest. Und was war die Antwort? „Danke!“ Beide Worte samt Bedeutung stehen heute wieder verdammt hoch im Kurs. Find ich gut. Was mich amüsiert: dass mir jetzt auch von ganz oben, na ja, fast ganz oben, gedankt wird.

veröffentlicht am 10.04.2020 um 12:00 Uhr

Birte Hansen

Autor

Reporterin zur Autorenseite

„Danke an alle, die jetzt die Regeln einhalten.“ Absender: die Bundesregierung. Per großer Anzeige in der Tageszeitung ernte ich am Samstagmorgen im Schlafanzug mit Kaffee in der Hand Schulterklopfen auf Distanz für etwas, das ich in den weitesten Strecken meines Lebens eher selbstverständlich finde. Tut aber gut. Überhaupt: Mehr Dankbarkeit, mehr Demut, mehr Respekt gegenüber allen, die ihre Arbeit erledigen und ihr Leben leben, ganz ohne andere zu beschimpfen, zu diskreditieren, zu erniedrigen, macht das Miteinander sehr viel angenehmer. Dafür Danke an die Dankbaren!

Mir fiele allerdings so vieles ein, wofür man mir eher danken könnte und was mit erheblich mehr Aufwand verbunden ist, als sich an die Corona-Regeln zu halten. Nun gut, der Motivationsschub durch ein Danke ist nicht zu unterschätzen. Vielleicht danke ich vor diesem Hintergrund morgen mal meinem Sohn dafür, dass er sein Zimmer nicht in Brand gesetzt hat (macht er sonst auch nicht) oder dem Nachbarn dafür, dass er nicht in mein Auto gefahren ist (macht er sonst auch selten). Dann könnte mein Mann sich dafür bedanken, dass ich keinen Rosenkohl koche (wage ich sonst auch nicht) und dafür, dass ich nichts an den technischen Einrichtungen in unserem Haus verstellt habe (als ob…).

Ich will sagen: „Ist doch klar!“ Und ist doch einfach, sich an Regeln zu halten – es sei denn: Man ist zwei Jahre alt (im Englischen auch als „terrible two“ bekannt), fünf Jahre alt, 12 bis 17 Jahre alt, Reichsbürger, drogenabhängig, Welpe … schon gut, ich merk‘s selbst – für einige Gruppierungen stellen Regeln Gemeinheiten oder Unterdrückungsinstrumente dar und nicht den notwendigen Rahmen. Nun, ich – meistens zur zweiten Gruppe zählend – fühle mich durch das, wenn auch etwas unpersönliche, Regierungs-Danke bestärkt. Abstand halten, Hände waschen, nicht Mehl, Klopapier und Hefe horten, zu Hause bleiben, nicht durch die Gegend sabbern – ehrlich jetzt, wann gibt es denn schon mal so klare Strukturen im Leben?

Während sonst größtmögliche Verwirrung herrscht angesichts unendlicher Optionen in so ziemlich allen Lebensbereichen, ist es zurzeit im Alltag derer, die arbeiten dürfen, nicht von Kurzarbeit und Krankheit bedroht sind, keine Existenzängste leiden oder Leben retten müssen, für ein paar Wochen schön überschaubar. Damit will ich die Bedrohungen durch das Virus nicht herunterspielen, mir geht‘s hier nur ums Danke. Das Danke, das sich zurzeit allerorten an alle Helden richtet, zu Recht, und plötzlich aber auch an einfache Regelbefolger wie mich. Und während ich so darüber nachdenke: Das ist durchaus ausbaufähig.

Vielleicht kann der Oberstaatsanwalt jenen Bänkern danken, die keine Cum-Ex-Dinger drehen, der Generalbundesanwalt allen, die keine Bomben im Koffer transportieren, die Queen den nicht abtrünnigen Enkeln fürs Bleiben, die Polizei allen, die an roten Ampeln anhalten. Und ich, ich möchte, dass Olaf Scholz als Bundesfinanzminister demnächst bei mir an der Tür klingelt – hinter ihm spielt das Musikkorps der Bundeswehr auf –, mir einen Blumenstrauß überreicht, in dem der Scheck über unsere Steuerrückzahlung steckt und er einfach mal für den zinslosen Kredit, den wir Deutschland zur Verfügung gestellt haben, deutlich „Danke“ sagt. Doch, das könnte mir gefallen, ich wäre angemessen angezogen, nicht im Schlafanzug, würde mich feiern lassen und äußerlich bescheiden tun: „Ach, Herr Scholz, das wär‘ doch nicht nötig gewesen.“ Und dann würde ich natürlich Danke sagen.

PS.: In der nächsten Krise gehen wir einen Schritt weiter und kultivieren den Begriff „Bitte“.



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