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Sagen wir heute einfach mal etwas Nettes zu den Menschen, die uns umgeben oder begegnen

„Danke!“

Neulich war der halb volle, schon ein bisschen klebrige Tresen mal wieder total verraucht. Gläser auf Bierdeckeln, Kippen in Aschenbecher-Rillen, Feuerzeuge neben Zigarettenschachteln. Fast leere Gläser, halb volle Gläser, nicht mehr ganz halb volle Gläser. Gleich links hinter uns die Jukebox, die dudelt und dudelt und dudelt. Nicht immer das, was man sich zu Hause als Musik aufs iPad packen würde, aber doch irgendwie sehr unterhaltsam.

veröffentlicht am 01.09.2018 um 08:55 Uhr

Illustration: cn
Thomas Thimm

Autor

Thomas Thimm Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Romantik und Rock‘n‘Roll, Liebe und Lust, Sehnsucht und Sex – alles inklusive. „Machste bitte noch ma’ zwei“, schickt mein zotteliger Freund Uwe sein Flehen zwischen dem glänzenden Tresenholz und den tief hängenden Lampen hindurch. Es ist spätabends, und während die Wirtin das kalte, schaumige, perlige Etwas in die Gläser laufen lässt, nippt Uwe an seinem gerade noch zu einem knappen Drittel gefüllten Glas und hebt die Stimme an, wie nur er das kann: „Hör ma‘, da war ich letztens in der Bank, hab‘ ma‘ ein bisschen Zaster geholt, weil dat Leben kost‘ ja auch, überall musste immer nur blechen, alle woll‘n se wat von mir. Da steh‘ ich nu‘ da und will mir meine Scheine zieh‘n, da guckt mich das Gerät nur blöde an und will nich‘ so wie ich dat will. Einfach kaputt.

Nix mehr mit Zaster. Kein Geld, keine Knete, gar nüscht.“ Mischt sich die Wirtin, die uns gerade das neue Pils hinstellt, in ihrer unnachahmlichen Direktheit, die ebenso herzlich wie hart sein kann, ein: „Du, Uwe, sage mal, aber jetzt hast Du schon Geld mit, oder? Denn wer hier nicht zahlen kann, der bekommt auch nichts. Auch nicht wenn er Uwe heißt, nur damit Du Bescheid weißt.“ Zack, das sitzt.

Gucken. Staunen. Nicken. Und offenbar ist Geld am Mann und alles in feinster Ordnung – „und außerdem bin ich ja auch noch da“, sage ich. Hätte das für Uwe wohl auch übernommen. Ehrensache unter Freunden. Man lässt sich nicht hängen. „Danke“, sagt Uwe ungewohnt sanft, „Danke.“ „Du musst Dich dafür aber nicht bedanken“, erwidere ich, „das ist selbstverständlich, das würdest Du doch auch für mich tun“. „Ja, würde ich. Aber trotzdem will ich ma‘ Danke sagen. Dat tun die Leutchen da draußen sowieso zu selten, um nich‘ zu sagen, dass die meisten eigentlich kaum noch Danke sagen, obwohl sie das eigentlich sollten.“ „Da hat unser Uwe in der Tat mal total Recht“, mischt sich die Frau rechts neben uns ein. „Ich arbeite im Einzelhandel hier in der Fußgängerzone und da wollen immer alle alles sofort und ihre Ware gleich und ihre Dinge flott, flott, flott erledigt haben. Aber Danke sagt dann kaum noch jemand.“

„Nö“, protestiert Uwe lautstark, „dat stimmt doch gar nich‘. Ich habe doch gerade Danke gesagt. Und neulich habe ich mich auch artig bedankt, als inner Bank der Geldautomat gesponnen hat. Wie schon gesagt, Automat hinne, ich keene Kohle, da kam so ‘ne Banktante angewackelt und hat alles wieder hingekriegt, sodass ich auch an meine Scheinchen gekommen bin. Da hab‘ ich auch akkurat den Diener gemacht. War aber auch ‘ne Nette …“ Ja, nee, schon klar …

„Machste noch ma’ zwei“, nicke ich über den verrauchten Tresen, der mittlerweile saubergewischt, ja, man könnte fast sagen, poliert worden ist, die Aschenbecher leergefegt, alles picobello. Uwes Blick schweift umher, bleibt an der Uhr hängen. „Is‘ nich‘ wahr, ne? Schon zwei Uhr.“ „Kommt immer auf die Sichtweise an. Komm‘ doch einfach mal zu einer anderen Uhrzeit nach Hause. Geh mal einen anderen Weg, verändere die Sichtweise. So etwas hilft ungemein, kann ich Dir sagen.“ Sehen wir es mal so: Es ist nicht schon, sondern erst zwei Uhr. Wir haben also noch ganz viel Zeit an diesem jungen Tag, mal allen zu danken, die es verdient haben …

„Erst ma‘ Prost“, sagt Uwe, „dann kann ich besser denken“. „Prost!“ Und nun? Feuer frei. „Danke an unsere Wirtin, dass sie immer so schön Bier zapft.“ Stimmt. „Danke an unsere Mütter, dass sie uns zur Welt gebracht haben.“ Ist klar, muss aber auch mal gesagt werden. „Danke an den Wettergott für den schönen Sommer.“ „Danke an die nette Kellnerin im Eiscafé.“ „Danke an meine Kollegen, die immer so hilfsbereit sind.“ „Danke an die Nachbarin, die mich ‚Lieblingsnachbar’ nennt.“ „Danke an den unbekannten jungen Mann, der neulich eine älteren Dame beim Einkaufen geholfen hat.“ „Danke fürs Lesen.“ …



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