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Von Rechtfertigungen und dem Mut zur Schwäche

Dafür kokse ich nicht…

Wenn Sie das nächste Zitat gelesen haben, raten Sie mal, was die Zitierte gekauft hat: „Treten muss man ja trotzdem…!“ Na?

veröffentlicht am 15.06.2019 um 08:00 Uhr

Birte Hansen

Autor

Reporterin zur Autorenseite

Richtig! Ein E-Bike. Der Satz ist im Lieferumfang enthalten, sobald ein Akku im Spiel ist. Statt sich wie ein Kind überschwänglich über das neue Fahrzeug zu freuen und darüber, dass sie jetzt endlich mit dem rasenden Ehemann und sogar berghoch (fast) und bei Gegenwind auf dem Deich und die Eiger Nordwand hoch mithalten kann, folgt eine Verteidigung, obwohl niemand Anklage erhoben hat – nicht einmal ansatzweise gedacht und innerlich kommentiert mit „faule Socke“, „richtig Fahrradfahren täte dir aber gut!“ oder „damit kann’s ja jeder…“. Statt also laut „Oah, voll cool, guck mal, was ich mir gekauft habe, ich freu‘ mich so!“ herauszujubeln – eine aus freien Stücken herausposaunte Entschuldigung dafür, dass man … ja, was denn eigentlich? Schon immer träge war? Unnötige körperliche Anstrengungen gerne vermeidet? Geld für ein Fahrrad mit Elektroantrieb übrig hatte?

Wo kein Kläger, da kein Richter? Nee, nee, wo kein externer Kläger, da übernimmt dessen Aufgabe bereitwillig der Selbstkritiker. Und setzt den Richter gleich mit an den Tisch. Anklage: „Du bist faul!“ Richter, vielleicht schmerzhaft ehrlich, dennoch milde, weil sonst ein einigermaßen unbeschwertes Leben unmöglich wäre: „Ja, stimmt schon, aber: Ich spreche dich frei. Auflage: Wenn du’s schaffst, den Umstand nach außen besser zu verkaufen. Zum Beispiel so: Treten muss man ja trotzdem!“ Anklage: „Ich bin zu dick.“ Richter so: „Jo, is richtig. Macht aber nichts: Sag einfach, die drei Stückchen Torte, die du da eben bestellst, kaufst du nicht für dich allein, sondern je eines auch für Karla und Irmi, die heute zu Besuch kommen.“ Und eines wird man doch wohl noch selbst essen dürfen, bauchstreichel, lippenleck. Vor wem müssen sich die Menschen so selbstgeißelnd rechtfertigen? Erstens: vor den anderen.

„Das macht man nicht“ und „was sollen denn die Leute denken“ sind beliebte Keulen, die ein externer Kläger schwingt. Sag das mal den Italienern, deren Unterwäsche in luftiger Höhe den Himmel über den Gassen an Leinen ziert, die von Haus zu Haus reichen, so, wie andernorts Wimpelketten von traditionsreichen Veranstaltungen künden, weil irgendein geruchsunempfindlicher Ritter aus der Nachbarschaft, der nur auf diesem Quadratkilometer Erde bekannt ist, vor 125,3 Jahren einem stinkenden Ungeheuer (rein zufällig) den Kopf mit einem Taschenmesser abgeschlagen hat. Wie die Wimpel können auch XXXXL-Unterhosen und unter den Achseln vergilbte Hemden Geschichten über ihre Träger erzählen: der kann sich viel Essen leisten und fünf dieser weiter geschnittenen Sonderanfertigungen; er schwitzt, benutzt das falsche Deo oder hat auf billige Stoffqualität gesetzt und so weiter. Und, stört’s ihn? No! No! No! Ihm doch egal, was „die anderen“ denken.

Wer ein Glas Rotwein oder zwei oder drei am Abend trinkt, sagt nicht etwa „Ich trinke gerne ein, zwei, drei Gläser Wein, sondern verweist auf die Franzosen, die schon zum Mittagsgläschen nicht „non“ sagen können –  und trotzdem nicht alle an einer Leberzirrhose leiden. Raucher können nach eigenen Angaben „jederzeit aufhören“ oder berichten von jenen, die trotz (oder doch sehr wahrscheinlich wegen) desselben Lasters 104 Jahre alt geworden sind und bis zum späten Tod kerngesund waren. Oder von jenen, die nie geraucht und trotzdem früh geendet haben. Gut geht auch: „Ich habe ja sonst keine Laster.“ Ja, wie? Im Sinne von „ich kokse und deale nicht, schlage keine Omas, und auch sonst tue ich viel für mein Wohl“? Dann ist‘s ja gut. Was ebenfalls immer funktioniert: „Dafür mache/nutze/sage/esse ich nicht (bitte einfügen)“ – völlig wurscht, ob Laster und Konter-Laster miteinander zusammenhängen oder nicht. Die Aggressiveren der Selbstverteidigung-ohne-Anklage holen zum Gegenschlag aus mit einem „Ja, aber du!“, oder mit „Dann darfst du aber auch nicht…“, was im Englischen als Whataboutism verschrien ist. Ganz im Stile von: Wer das Verbot von Plastiktrinkhalmen will, darf zum Schutz der Umwelt auch keine Kinder kriegen. Wer sie doch in die Welt setzt, lernt, welche Abwehrstrategien diese gegen (eingebildete oder echte) Kritik entwickeln: „Selber!“

„Man gönnt sich ja sonst nichts“ ist von jenen zu hören, die nach dem zehnten Bier erst so richtig in Schwung kommen oder fürs achte Hot Dog noch ein Plätzchen finden. „Maßhalten? Nicht so deins, was?!“, schilt der Kläger, aber die mitgelieferte Erläuterung relativiert die Schwäche und soll sympathisch und makellos(er) machen. Viele dieser Erklärversuche firmieren unter sozial erwünschter Antwort, doch wie kann in einer derart individualisierten Gesellschaft erkennbar sein, welche Antwort erwünscht ist? Es könnte sein, dass der Empfänger der Botschaft füllig schön findet, Bewegung hasst, Bier liebt, viel raucht, auch noch immer SPD wählt oder selbst nie gerne und übermäßig aufräumt („Hier wird gelebt“). Die plattdeutsche Regel für antizipierte Anklagen von außen lautet: Mook, wat du wullt, de Lüüd schnackt doch. Welch‘ herrlich erleichternde Haltung!

Zweitens rechtfertigen Menschen sich: vor sich selbst. Der Kampf gegen den „Kritiker inside“ erfolgt im inneren Zwiegespräch und ist schwer zu gewinnen. Einige haben’s aber raus und halten damit auch nicht hinterm Berg – vorausgesetzt, sie meinen, was sie sagen, wenn sie selbstbewusst proklamieren: „YOLO! – You only live once“ alias „Man lebt nur einmal“! Und da dieses eine Leben doch ausreichend kompliziert ist, darf man’s sich doch wirklich ruhig mal schön und auch bequem machen, ohne sich dafür zu erklären: Also – Rasenmäherroboter an, Rotwein auf, nach dem vierten Glas mutig zu den echten oder eingebildeten Schwächen stehen und laut rufen: „Ich. Habe. Ein. E-Bike. Gekauft. Yay.“

Und, hej, im Zweifel gilt doch immer noch: Ist der Ruf erst… Sie wissen schon.



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