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Kennen Sie das? Wenn der Kopf total voll und gleichzeitig ganz leer ist …

Da fällt mir nix mehr ein

Haben Sie vielleicht auch schon mal versucht, mit einer gewissen Anstrengung durch bloßes Hinschauen etwa in einem einfachen Stück Holz – zum Beispiel in einer Schreibtischplatte – etwas wirklich Inspirierendes zu erkennen? Also, sagen wir mal, einfach irgendetwas? Ich kann sagen, es funktioniert nicht. Jedenfalls nicht wirklich.

veröffentlicht am 09.06.2018 um 11:11 Uhr

Zeichnung: CN
Thomas Thimm

Autor

Thomas Thimm Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Das Einzige, was in einem solchen Fall geschieht, ist nämlich etwas ganz anderes. Denn bevor einem auch nur ein einziger klarer Gedanke kommt, bevor man eine wirklich blendende Idee hat, bevor man einen genialen Geistesblitz erhaschen kann, ja, bevor all das passieren würde, versinkt man eher selbst mental in diesem nebulös verschwimmenden Etwas, lässt sich reinziehen in dieses im Grunde reine Nichts. Wo nichts ist, sollte man meinen, kann man schließlich auch nichts projizieren. Es sei denn, tja, es sei denn, man hat jemanden wie Uwe in seiner Nähe.

„Wat‘ haste denn“, fragt Uwe über den halb vollen, hier und dort verklebten und vor allem ziemlich verrauchten Tresen. Und während die Wirtin für irgendwelche Gäste Bier in die Gläser fließen lässt und die Musik aus der Jukebox dröhnt, findet Uwe mal wieder die richtigen Worte: „Machste ma‘ zwei von diesen lütten, wunderbar kalten Getränken?“ „Klein oder groß?“ kommt es zurück. Um mit einem abwertenden Stirnrunzeln zurechtgewiesen zu werden: „Ich sachte doch lütt, oder? Das man alles zweimal erklär‘n muss hier, da sach ich mal gleich ‘Donnerlüttchen‘ dazu.“

So. Wäre das jetzt auch mal geklärt.

Unklar ist Uwe noch, warum meine Wenigkeit so angestrengt guckt und so gar nicht viel sagt. Also holt er nochmals aus, ganz behutsam: „Wat‘ haste denn?“ „Ja, wenn ich das mal wüsste. Immer muss man tolle Ideen haben, und immer müssen die Ideen noch besser sein als die von gestern. Und die von morgen sollen dann noch besser sein als die von heute. Und immer so weiter. Das ist ganz schön anstrengend im Büro.“ „Haha, anstrengend. Du bist ja ‘n lustiger Vogel. Kannst ja gerne ma‘ bei mir zur Arbeit kommen. Bei so ‘nem Wetter wie jetzt, da hab‘n wa auch schon ma‘ 50 Grad im Schatten, die Maloche schlaucht … Hörste, diese Maloche, nich‘ Deine.“

Irgendwie kommt es wie gerufen, dass auch solche wichtigen Gespräche gewissen Ritualen und technischen Regeln unterliegen. Ein herzliches „Prost“ durchbricht alle Gedanken über Büros, Werkshallen, Arbeit und Maloche. Einfach „Prost!“

Und dennoch: Um mit Shorty aus „Indiana Jones“ zu sprechen: „Das ist nicht witzig“, wenn einem keine guten Ideen kommen. Wenn einem nicht einfällt, worüber man denn nun heute schreiben soll. Und das als Journalist! „Das ist doch eine Vollkatastrophe“, sage ich. Aber Uwe wäre nicht Uwe, hätte er nicht auch für eine solche Situation einen Rat parat: „Dat is‘ doch gar nich‘ schlimm. Passiert doch jedem ma‘. Is‘ mir auch schon ma‘ passiert.“ Sehr witzig. Dir in Deiner Werkshalle? Ja, mit Verlaub, dort ist das ja wohl auch nicht ganz so wichtig. „Aber schau ma‘ “, sagt Uwe, „so ‘ne Schreibblockade hatten doch schon ganz andere. Hier, der Hemingway zum Beispiel, das ist der mit dem alten Mann …“ „Ja, danke, ich weiß, wer Hemingway war, … und dem Meer; aber vergiss nicht, der hat sich dann irgendwann ja auch erschossen.“ „Na, das woll‘n wa ja bei Dir nicht hoffen“, lacht Uwe lauthals über den Tresen. Und alle, die um uns herumstehen und zuhören, lachen mit.

Danke, Uwe. Und keine Sorge, ich komme ganz gut ohne Medikamente, Elektroschocks und auch ohne glatte, braune Geliebte aus. Aber irgendwie bin ich halt gerade leer, leergeschrieben wie eine alte Tintenpatrone.

„Ha, ich hab‘s“, ruft Uwe und rudert mit den Armen, während er sich eine Kippe dreht. „Ist doch eigentlich ganz einfach.“ Ja, und was ist nun so einfach …? „Du schreibst über Schreibblockaden. Und dann gehste in ‘n Urlaub.“ Bingo! Das ist ja einfach. So soll man es schreiben, so soll es geschehen. Ach so, da war ja noch was: Über den halb vollen, hier und dort verklebten, ziemlich verrauchten Tresen nicken wir der Wirtin fröhlich zu: „Machste noch ma‘ zwei …“



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