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Warum die Vierte Macht im Staate Ihre Unterstützung braucht

Blind auf vielen Augen

Warum haben Sie nicht schon früher darüber berichtet?“, fragt ein Leser, als das Gespräch auf die furchtbaren Missbrauchsfälle in Lügde kommt. Einen Augenblick ist man fassungslos in solchen Situationen, weil die Antwort, aus der Innenperspektive einer Redaktion heraus, so naheliegt: Wir wussten es nicht. Wie wir so vieles nicht wissen. Spricht man diese Wahrheit laut aus, wandert die Fassungslosigkeit von einer Seite zur anderen: „Wie, Sie WUSSTEN es nicht?“ Nein, wir wussten es nicht, und seit der Fall bekannt geworden ist, frage ich mich, warum.

veröffentlicht am 09.03.2019 um 07:00 Uhr

Illustration: cn
Juni

Autor

Julia Niemeyer Verlegerin / Chefredakteurin zur Autorenseite

Schon oft habe ich mir eine magische Karte unseres Verbreitungsgebietes gewünscht, auf der immer dort ein rotes Lämpchen blinkt, wo gerade etwas Schreckliches passiert, wo jemandem Unrecht widerfährt oder ein Mensch Böses tut. Aber so eine Karte gibt es nicht. Es gibt nur Menschen. Menschen mit Augen, Ohren und Mündern. Ein paar Dutzend von ihnen sitzen in unserer Redaktion. Alle anderen nicht. Was diese anderen sehen, hören und sagen, erfahren wir nur auf Umwegen. Wir lesen Pressemitteilungen und Facebook-Posts, sprechen mit Leuten auf der Straße und am Telefon, besuchen Veranstaltungen und politische Sitzungen, pflegen unsere Netzwerke. Und trotzdem erfahren wir, gemessen an dem, was theoretisch erfahrbar wäre, nur sehr wenig.

Nachdem bekannt geworden ist, dass auf einem Campingplatz bei Lügde über Jahrzehnte hinweg Kinder missbraucht wurden, haben sich mehrere Menschen an die Medien gewandt. Sie berichten von eigenen schrecklichen Erlebnissen, Anzeigen bei der Polizei, Hinweisen an Behörden – und davon, wie alles im Sande verlief. Die Schilderungen sind erschütternd. Sie stellen vieles in Frage, was ich in einem Rechtsstaat und mehr noch: in einer funktionierenden Gesellschaft für selbstverständlich hielt. Dazu gehört auch die Rolle der Medien. Seit Wochen frage ich mich: Warum ist keiner der jetzigen Hinweisgeber schon vor Jahren zu einer Zeitung oder einem Fernsehsender gegangen, nachdem seine Hinweise an offizielle Stellen nicht das von ihm beabsichtigte Ergebnis brachten? Wieso hat niemand nach der ersten, zweiten und dritten irgendwann auch an die Vierte Macht im Staate gedacht?

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, liebe Leserin und lieber Leser. Ich halte Journalismus nicht für eine Zauberkunst, die polizeiliche Ermittlungen und solide Behördenarbeit ersetzt und Kinder vor Verbrechern schützen kann. Journalisten lösen keine Probleme. Sie retten niemanden. Und häufig scheitern sie oder machen Fehler. Ihre Aufgabe ist Kontrolle durch Öffentlichkeit, durch Nachfragen, Recherchieren und Berichten. Das ist nicht viel, aber manchmal trotzdem wirkungsvoll. Und vor allem dann notwendig, wenn andere Mechanismen der Kontrolle versagen.

Umso bitterer ist die Erkenntnis, dass im Fall Lügde offenbar kein Betroffener den Medien zugetraut hat, was wir uns selbst zutrauen. Scheinbar hat niemand daran geglaubt, dass wir etwas in seinem Sinne bewegen könnten. Dass wir auch für ihn und seine Anliegen zuständig sind. Und dass wir seine Augen und Ohren brauchen, weil wir ansonsten blind und taub sind – und deshalb stumm bleiben müssen. Wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt von Schuld sprechen will, liegt sie ganz sicher nicht bei denjenigen, die kein Vertrauen in uns hatten oder in deren Gedankenwelt wir schlicht nicht vorkamen.

Ganz direkt und schmerzhaft formuliert lautet die Frage, die ich mir stelle, deshalb: Was haben wir falsch gemacht? Eine leise Ahnung entwickelt sich beim Blick ins Blatt: Dort zitieren wir, verkürzt gesagt, auf Seite eins die Bundeskanzlerin, auf Seite neun den Oberbürgermeister, auf Seite 15 den Landrat. Selbstverständlich tun wir das nicht, weil wir das Sprachrohr der Großen und Mächtigen sein wollen. Auch hier fragen wir kritisch nach, überprüfen, ordnen ein und widersprechen. Und selbstverständlich finden sich in derselben Ausgabe auch Geschichten über Menschen von nebenan, die Wichtiges zu sagen haben. Das Gesamtbild ist trotzdem ein schiefes: Gehört wird häufig, wer schon immer Gehör gefunden hat und in der Öffentlichkeit eine Rolle spielt. Dürfen wir uns da wirklich wundern, wenn bei manchen Menschen der Eindruck entsteht, wir wären für ihre Probleme nicht zuständig?

Ich halte diese Entwicklung für fatal. Denn solange es die oben beschriebene magische Karte nicht gibt, sind wir auf die Augen und Ohren ALLER angewiesen. Unser Gegenrezept war in der Vergangenheit und wird in Zukunft noch mehr sein: Nähe und Offenheit. Beides ist aber nur möglich, wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, diesen Weg mit uns gehen. Sie sind die Öffentlichkeit. Nicht nur auf der Seite des Publikums, sondern auch als Beobachter und Betroffene. Ohne Sie sind wir auf vielen Augen blind. Also schreiben Sie uns bitte, wenn Sie etwas auf dem Herzen haben. Rufen Sie das wöchentliche Lesertelefon an, das wir zukünftig regelmäßig einem konkreten Thema widmen werden. Nutzen Sie unser Kümmerer-Portal im Internet, wenn Sie uns einen Hinweis geben wollen. Besuchen Sie unsere Leserstammtische. Oder machen Sie uns Vorschläge, wie wir Ihnen auf andere Weise begegnen können.



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