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Diäten-Wahn und Mangelernährung – wie passt das eigentlich zu unserem reich gedeckten Tisch?

Beim Essen bin ich intolerant

Kaum beiße ich an meinem Schreibtisch mal in ein Brötchen, hagelt es Kommentare: „Ich seh dich immer nur essen“ oder „warum sieht man dir nicht an, dass du eigentlich den ganzen Tag isst?“ Wenn es um Ernährung geht, weiß jeder immer alles besser. Was musste ich mir schon anhören, bis hin zum Vorwurf, ich sei essgestört, nur weil ich nicht gerne sehr früh sehr große Mengen frühstücke. Inzwischen ist das absolut hip – und heißt Intervallfasten.

veröffentlicht am 26.01.2019 um 07:44 Uhr

Illustration: cn
Kerstin Hasewinkel

Autor

Kerstin Hasewinkel Stv. Redaktionsleiterin zur Autorenseite

Heute braucht eben alles einen Namen. Und in der Sorge um die Hosengröße wird auch alles ausprobiert, sei es noch so sinnlos. Während wir zu geizig sind, Bio-Fleisch aus der Region zu kaufen, geben wir Unsummen für sogenanntes Superfood aus. Ich komm’ da manchmal nicht mehr mit.

Wehe dem, der nicht den allerletzten Megatrend mitmacht. Ich sage nur Gojibeeren oder Cranberrys. Das kommt dann als Superfood daher. Ein Heidengeld geben die Leute für alle möglichen Vitaminpillen, vermeintliche Fettverbrenner und Gesundmacher aus – obwohl die gleichen Inhaltsstoffe in heimischem Obst und Gemüse stecken. Stattdessen zahlen wir an der Supermarktkasse für Weintrauben aus Peru oder Südafrika, Tomaten aus Spanien, geerntet von Mitarbeitern, die in sklavenähnlichen Verhältnissen leben.

Und auf der anderen Seite eben auch gerne mal 20 Euro fürs Kilo exotischer Körner. Statt Chia-Samen kann man zum heimischen Leinsamen greifen; die Konzentration an Omega-3-Fettsäuren ist sogar noch höher. Auch die Goji-Beeren sind meist importiert – regionale Alternativen und ebensolche Vitamin-C-Lieferanten: Hagebutte und Sanddorn. Wie wäre es statt Matcha- mit Kamillentee? Ja, klingt natürlich erheblich langweiliger. Die glutenfreien (!) Samen des Quinoa mögen bei den Andenvölkern beliebt sein, in unseren Gefilden reicht es vollkommen aus, zur Hirse zu greifen. Irre sind auch die diversen Tees: die heißen heute Halsfreund, Muntermacher und Atme dich frei, Kleine Sünde oder Heißer Hugo. Wenn die halten würden, was sie versprechen, wären sie wohl mindestens rezeptpflichtig – oder illegal.

Beim Essen werden wir gerne kompliziert. Du kannst ja keine größere Gruppe mehr zu Dir nach Hause einladen und glauben, mit einer einzigen Speise über die Runden zu kommen. Geradezu lachhaft im Vergleich vergangene Zeiten, in denen ein Vegetarier dabei war. Der hat im Zweifel einfach nur das Fleisch weggelassen und die Beilagen gegessen.

Heute dagegen muss es schon mindestens gluten- und laktosefrei sein, aber auch Fructose-, Histamin-, Sorbit-, Saccharose- und Galaktoseintoleranz sind nicht selten. Auch gern genommen: Milcheiweißallergie, Hühnereiweißallergie, Fischallergie, Weizenallergie, Nussallergie, Pseudoallergie, Kreuzallergie, Fleischallergie, Obstallergie, Gewürzallergie, Schalentierallergie, Hülsenfrüchteallergie, Zitrusfrüchteallergie. Wehe dem, der Vegetarier neben Fleischfressern zu seinen Freunden zählt. Vielleicht gehen heute viele Menschen deshalb lieber ins Lokal und kochen nicht selbst. Zu anstrengend.

Um nicht missverstanden zu werden: Auch ich vertrage keine Paprika (nein, auch nicht gekocht) und habe in unmittelbarer Nähe jemanden, der überaus glücklich war, als ihm endlich die Diagnose Laktoseintoleranz gestellt wurde. Als begeisterter Hobbykoch verzichtet er einfach auf das, was ihm Kummer bereitet. Und greift nicht zu den diversen Ersatzprodukten, von denen mittlerweile eine ganze Lebensmittelindustrie lebt.

Was ich immer klasse finde, wenn dann bestimmte Waren als laktosefrei gepriesen werden, die es von Natur aus sind, wie es beispielsweise bei verschiedenen Käsesorten der Fall ist. Das scheint wichtiger zu sein als alles andere: Wie die Ware aufgemacht ist, wie geschickt verpackt und bunt bedruckt.

Das gelang vor Jahren mit „Light“-Produkten, bis auch der letzte gemerkt hat, dass da viel Schmu gemacht wird. Aber gekauft wird laktosefrei selbst von den „eingebildeten Kranken“ – nur ein Bruchteil der Menschen verträgt Laktose und Gluten tatsächlich nicht.

In Teilen ist gottlob ein Wandel zu beobachten, es gibt vor allem bei Jüngeren durchaus den Trend zu mehr Bewusstsein im Umgang mit Lebensmitteln oder stärkeres Engagement für Tiere.

Doch meist hat die krumme Möhre weniger Chancen darauf, in den Einkaufskorb zu wandern als die in Snack-Größe im To-Go-Becher. Wieso finden es alle abscheulich, dass Tiere gequält werden – und kaufen dann doch das Billigfleisch zu Preisen, bei denen wirklich jedem klar sein muss, dass das nicht funktionieren kann? Wieso haben wir vier Handys in der Familie, achten aber beim Milchkauf auf jeden Cent?

Der Kampf gegen in Plastik eingeschweißte Biogurken ist ehrenvoll. Aber es geht doch wohl um mehr. Wutbürger, wenn Ihr auf die Straße gehen wollt, wenn Ihr Euren Zorn bei Facebook hinausposten wollt, dann setzt Euch doch mal dafür ein, dass die Deutschen einfach mal Essen wertschätzen. Ist ja bekannt, dass wir im Vergleich zu anderen Ländern nur einen geringen Teil unseres Einkommens für Lebensmittel ausgeben. Wenn Italiener essen gehen, fragen sie nicht erst nach dem Preis.

Warum sind wir so geizig, wenn es doch um unser eigenes Wohl geht? Dieses Verhalten hat uns sogar einen Namen eingebracht: „Die deutsche Art, essen zu gehen.“ In anderen Ländern wird nämlich auch nicht peinlich genau abgerechnet, wer was gegessen hat und damit auch nur bezahlen muss.

Die Crux: Obwohl unsere Auswahlmöglichkeiten heute so groß sind wie nie zuvor, ernähren wir uns falsch. Drei Milliarden Menschen sind mangelernährt. Rund zwei Milliarden übrigens deshalb, weil sie zu viel vom Falschen essen. Und rund eine weitere Milliarde ist mangelernährt, weil sie zu wenig vom Richtigen bekommt.

Ich komm’ da nicht mehr mit. Verbraucht Kopfschütteln eigentlich Kalorien? Vielleicht geht es bei mir deshalb bislang auch ohne Diät.



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