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Vom digitalen und vom echten Leben

Bei Fazebuck? Biste bescheuert?

Machste noch ma‘ zwei“, nicken wir so gut wie gleichzeitig über den halb vollen, schon ein bisschen klebrigen, ziemlich verrauchten Tresen. Und während das schaumige Etwas in die Gläser fließt und die Musik aus der Jukebox dröhnt, spürt man, dass Gesprächsinhalte manchmal so nebulös sein können wie die Atmosphäre, in der sie geführt werden. Während der eigentlich weiße, aber doch leicht bläulich schimmernde Rauch über dem klarlacklackierten Holz unaufhörlich gen Lampe aufsteigt, wird klar, dass wir uns mitten in einem dieser am Ende nicht wirklich greifbaren Themen befinden.

veröffentlicht am 30.03.2018 um 11:13 Uhr
aktualisiert am 30.03.2018 um 15:40 Uhr

Thomas Thimm

Autor

Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Auf meine Frage, ob er denn wohl auch bei Facebook sei, poltert mein langhaariger, verzottelter Gesprächspartner Uwe mal so richtig los: „Bei Fazebuck? Biste bescheuert? Ich weiß gar nicht, wat da immer für‘n Gesumms drum gemacht wird, um diesen Mist.“ Er sei schließlich nicht bescheuert und deshalb sei ihm das auch alles egal, wenn andere Leute nichts Besseres zu tun hätten, als ihr Essen zu fotografieren und in die Welt zu schicken oder wenn alle immer zu allem irgendwas erzählen würden, obwohl sie doch eigentlich gar keine Ahnung hätten. Er jedenfalls, so stellt mein Kumpel Uwe einmal klar für alle, die es hören oder auch nicht hören wollen, er „mache diesen Schwachsinn nicht mit“.

Wohl gesprochen, Kollege. Aber zwei Milliarden Menschen sehen das weltweit anders. Die posten, liken, kommentieren, was das Zeug hält. Dann hat Facebook wohl auch seine Berechtigung. „Nee, nee. Jetzt will ich dir mal was erklären“, holt Uwe aus und rutscht auf seinem Hocker ein Stückchen nach vorne, als ob er wollte, dass ich ihn dann besser verstehe. „Hör ma‘“, sagt Uwe mit einem derart verschmitzten Gesicht, dass man schon ahnen darf, dass jetzt mal wieder so ein ganz krummer Vergleich kommt: „In Berlin, da gehen siebzigtausend Menschen in das Stadion, um sich die Hertha anzuschauen, oder wie der Verein da heißt. Doch nur weil das da so viele machen, heißt dat doch nich‘, dass dat gut is‘ oder vernünftig oder überhaupt irgendwas. Ganz im Gegenteil: Das ist und bleibt total falsch.“ Man muss wissen, Uwe ist Fußballfan, und zwar ein Rostocker Fußballfan, und die Rostocker und die Berliner Fußballfans, ja die mögen sich nun mal so gar nicht. Und Uwe setzt noch einen drauf: „Kuck‘ ma‘, ihr lauft alle in Jeans, T-Shirt und Sneaker rum oder wie die Schuhe heißen. Ich habe Stiefel und ‘ne Kutte. Ich bin halt etwas anders, um nicht zu sagen, dat ich was Besonderes bin, hähähä … .“

Prost aufs Eigenlob. Er mache eben nicht jede Mode mit. Und Facebook eben schon gar nicht. „Da darf doch jeder Irre zu jedem Mist seinen eigenen Mist noch dazupacken. Dat is‘ doch nicht normal“, urteilt der Kuttenträger. In Teilen muss ich ihm recht geben: Jo, und dann muss man ja leider auch noch sagen, dass viele Menschen aus Eitelkeit, andere, weil es modern ist, wieder andere, um dazuzugehören, in den sozialen Medien schon einen ganz schönen Seelenstriptease hinlegen und sich selbst mit vielen privaten Dingen in die Öffentlichkeit begeben. Und am Ende weiß keiner so genau, wer welche Daten und Informationen über wen wie generiert, weitergibt, ausliest, analysiert und nutzt. Die kürzlich aufgeflammte Debatte über das Datenleck bei Facebook war nicht die Erste, und sie wird vermutlich auch nicht die Letzte gewesen sein. Die sogenannten sozialen Medien entblößen hier eine Seite von sich, die weder chic noch sexy ist. Ganz im Gegenteil: Sie ist rau, unerbittlich und kann gefährlich werden. Wer sich in den Datensumpf begibt, muss halt aufpassen, dass er sauber und trocken bleibt.

Apropos trocken: „Machste noch ma‘ zwei“, bestelle ich fragend-sagend über die Theke hinweg. Und mein Uwe eröffnet eine ganz andere Sichtweise auf unser Thema: „Ihr müsst alle mal eure Handys wegschmeißen und mehr in die Kneipen gehen. Dat ist das beste soziale Medium, was es gibt.“ Sag‘ ich doch! Die Menschen vereinsamen zu Hause, gehen kaum noch raus, die Kneipen sterben vor sich hin, jeder ist mit sich selbst beschäftigt, und durch Facebook & Co. haben viele das Gefühl, sie seien im Gespräch mit ihrem Gegenüber. Aber weit gefehlt: Das Tickern auf der Smartphone-Tastatur – ach du je, das ist ja noch nicht mal eine richtige Tatstatur, aber sei es drum – ersetzt vielen die echten Kontakte, das Sprechen mit echten Menschen, das Scherzen, Austauschen, Lachen, Schauen, Gucken, Erleben, Leben … mein Gott, bei näherem Hinschauen kann einem ja angst und bange werden … Und noch eins: Wenn man seinen Lieblings-Kneipier gefunden ha, und auch noch solche Co-Piloten wie Uwe hat, dann hat man auch keine Probleme mit Datenlecks. Da kommt nix weg. Es kann zwar sein, dass jemand einen „liked“ oder „disliked“ – aber ein echter und cooler Wirt wird niemals Informationen über deine „timeline“ herausgeben. Geschweige denn öffentlich machen, wann du wo warst … Tja, Uwe hat es schon immer gewusst: „Siehste, shit was auf Fazebuck. Hier biste richtig. Prostprost, aufs richtige Leben …“



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