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Warum Menschen im Wald Bäume umarmen

Baden Sie auch schon?

Waldmeister kenne ich ja – aber Waldbademeister? Gibt es tatsächlich. Ganz ehrlich: Als ich zum ersten Mal vom Waldbaden, dem neuen Mega-Trend, hörte, dachte ich auch sofort: Was ist das denn wieder für ein Quatsch? Geht Ihnen das auch manchmal so? Ohne nähere Details zu kennen, ist das Urteil bereits gefällt. Schublade auf, Thema durch.

veröffentlicht am 14.09.2019 um 06:00 Uhr

Kerstin Hasewinkel

Autor

Redaktionsleiterin zur Autorenseite

So wie bei veganer Ernährung für Hunde. Geht ja wohl gar nicht. Oder dem Saugroboter. Den ich erst für absolut überflüssig hielt, mittlerweile ist er ein echt nützlicher Kumpel in unserem Haushalt. Mir erschließt sich auch nicht, warum Bauchtaschen unbedingt quer über die Schulter getragen werden müssen, aber egal. Ich habe mir sagen lassen, dass das sogar schon eher wieder out ist. Irgendwo auf der Welt muss sich offenbar immer irgendjemand etwas recht Absurdes, Hauptsache: etwas Neues, einfallen lassen.

Jetzt also Waldbaden. Ich liebe ja den Wald. Aber dort baden? Nun ist natürlich nicht damit gemeint, mit Seife und Handtuch loszumarschieren. Es geht vielmehr um das bewusste Verweilen in der Natur, mit allen Sinnen zu genießen und dadurch den Alltagsstress zu vertreiben. In Japan wird Shinrin Yoku, Waldbaden, sogar auf Rezept verordnet, wie die Journalistin Birgit Werner in ihrem Bericht „Baden im Wald“ schreibt. „Nach Regen oder bei Nebel schwirren besonders viele gesunde ätherische Öle in der Luft, die das Immunsystem stärken und uns so besser vor Infekten schützen“, hat sie recherchiert. Japanische Mediziner haben Anfang der 1980er Jahre in unzähligen Studien untersucht, dass bereits ein fünfzehnminütiger Aufenthalt im Wald segensreich für das Immunsystem sein kann.

Japan? Schon wieder schmettert das gedankliche Fallbeil herunter: Die haben doch in den 1990er Jahren mithilfe von Tamagotchi versucht, Kindern Verantwortung beizubringen. Und damit ebenso einen weltweiten Hype ausgelöst wie reihenweise Eltern in den Wahnsinn getrieben. Nun sollen wir ausgerechnet von denen lernen, dass wir mehr in den Wald gehen sollen, und dann auch noch zum Baden.

Ok. In Hessen gibt es bereits die Deutsche Akademie für Waldbaden und in Bayern sollen Kur- und Heilwälder errichtet werden. Stört ja keinen, dass der Regenwald trotzdem munter weiter brennt. Verrückte Welt, in der wir leben. Wundern Sie sich also bitte nicht, wenn Sie im Wald Menschen treffen, die Bäume umarmen und die Rinde streicheln, gehört nämlich dazu.

Streng genommen: Waldbaden habe ich schon immer gemacht. Hieß nur nicht so. Na gut, umarmt habe ich die Bäume nicht. Aber den Duft bewusst wahrgenommen, auf Geräusche geachtet und die Farbenvielfalt bewundert. Kurzum: Den Wald empfinde auch ich als Kraftquelle.

Jute statt Plastik gab es auch schon mal; die gute alte Rauke aus Omas Garten heißt jetzt einen Hauch mediterraner Rucola. Wenn heute alles einen neuen Namen braucht, damit es gefeiert wird – von mir aus. Viel Spaß beim Waldbaden. Wenigstens braucht man dazu keinen mikroplastikhaltigen Badezusatz.



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