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Ohne es zu wissen, entdeckt Albert Hofmann vor 70 Jahren die Droge LSD

Auf den Trip gekommen

Albert Hofmann hat die Reaktion genau festgehalten: „Jetzt begann ich allmählich, das unerhörte Farben- und Formenspiel zu genießen, das hinter meinen geschlossenen Augen andauerte. Kaleidoskopartig sich verändernd drangen bunte fantastische Gebilde auf mich ein, in Kreisen und Spiralen sich öffnend und wieder schließend, in Farbfontänen zersprühend, sich neu ordnend und kreuzend, in ständigem Fluss. Besonders merkwürdig war, wie alle akustischen Wahrnehmungen, etwa das Geräusch einer Türklinke oder eines vorbeifahrenden Autos, sich in optische Empfindungen verwandelten. Jeder Laut erzeugte ein in Form und Farbe entsprechendes, lebendig wechselndes Bild.“ Es ist das Protokoll eines LSD-Selbstversuchs. Nach dem Trip fühlte sich Hofmann, als habe er neue Dimensionen von sich kennen gelernt.

veröffentlicht am 18.04.2013 um 12:40 Uhr

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Der am 11. Januar 1906 in Baden geborene Hofmann studierte an der Universität Zürich Chemie und befasste sich vor allem mit Arzneimittelpflanzen und Pilzen. Sein besonderes Interesse galt den Alkaloiden des Mutterkorns, aus dem er 1938 den Grundbaustein aller therapeutisch bedeutsamen Mutterkornalkaloide, die Lysergsäure, isolierte.

Da das bei diesen Versuchen entdeckte LSD-25 keine pharmakologisch interessanten Eigenschaften aufzuweisen schien, geriet es in Vergessenheit. Einer „merkwürdigen Ahnung“ folgend, stellte Hofmann fünf Jahre später LSD-25 nochmals her. Der Rest ist Geschichte: Die bedröhnte Radfahrt, intensives Farberleben. Drei Tage später der kontrollierte Selbstversuch, bei dem Hofmann ein Vielfaches der wirksamen Dosis genommen hatte und einen cinemascopischen Rausch erlebte, ein synästhetisches Spektakel, um das ihn jeder Vollzeit-Hippie beneidet hätte.

Seine psychedelische Wirkung wurde in der Hippie- und Flower-Power-Zeit gefeiert, fand Ausdruck in der bildenden Kunst, in der Musik, doch die Euphorie endete aufgrund des teilweise unkontrollierten Konsums schließlich in einem weltweiten Verbot, selbst zu therapeutischen und Forschungszwecken. Durch die Verteufelung von LSD ab Ende der sechziger Jahre ist in Vergessenheit geraten, dass es früher weltweit als Medikament vertrieben wurde. Damals fiel LSD noch nicht unter die Rauschmittelgesetze der meisten Staaten, was es zur Ausweichdroge für viele Heroin- oder Kokainkonsumenten machte. Timothy Leary propagierte es als Befreiungsinstrument, hierzulande predigte Bernward Vesper, durch LSD sollten alle Menschen sich ihrer Eingezwängtheit bewusst werden: „Die Droge reißt den Schleier von der Wirklichkeit und macht uns zum ersten Mal unserer Lage bewusst.“ 1971 nahm sich Vesper unter Einfluss von LSD das Leben.

Geräusche, Gerüche, Gefühle – alles wird in optische Empfindungen umgewandelt. Das könnte so aussehen. pr

Mit der Entdeckung der halluzinogenen Eigenschaften war LSD plötzlich interessant. Der tschechische Seelenarzt Stanislav Grof lobte LSD als «Teleskop der Psychiatrie»: Es bringe unbewusste, verdrängte Seelenteile ans Licht, die sonst kaum zugänglich seien. Auch die Erfolgsaussichten einer Psychoanalyse würden damit drastisch erhöht.

Allerdings weiß man mittlerweile, dass sich andere Halluzinogene weitaus besser für den medizinischen Einsatz eignen als LSD. Psilocybin beispielseise, der Wirkstoff der Magic Mushrooms, oder DMT (Dimethyltryptamin). Die beiden Substanzen wirken deutlich kürzer als LSD. Soll heißen: Die Gefahr, damit einen Furcht einflößenden Trip zu erleben, ist gering.

In einem letzten großen Interview mit der Tageszeitung taz hatte Hofmann 2006 noch einmal eine Art Bilanz für sein LSD gezogen: „Es ist nicht nur einfach das bekannte Bild, ein bisschen verzerrter oder bunter, es ist ein völlig anderes Programm. Und das deshalb, weil LSD unsere Sinne verändert, man sieht besser, man hört besser, alles wird intensiviert – insofern hatte auch Timothy Leary Recht, wenn er behauptet, es sei auch das größte Aphrodisiakum. Der Mechanismus des LSD ist ganz einfach: Die Tore der Wahrnehmung werden geöffnet und wir sehen plötzlich mehr – von der Wahrheit.“

Und das ist manchmal sehr verwirrend.



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