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Der Hamelner Konsum – mehr als eine Verkaufsstelle für Lebensmittel

Auch politisch eine Macht

In der Baustraße 5 wurde 1871 die erste Verkaufsstelle eines Konsumvereins in Hameln gegründet, konnte sich jedoch nicht halten. 1902 erfolgte eine neue Gründung, die zu einer riesigen Erfolgsgeschichte werden sollte. Nachdem im Reich das Sozialistengesetz endgültig gefallen war, war dies auch die Zeit des schnellen Wachstums der Mitgliederzahlen bei den Gewerkschaften und der Sozialdemokratischen Partei.

veröffentlicht am 16.06.2014 um 06:00 Uhr

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Die Anfänge waren schwierig, weil die Obrigkeit des Kaiserreichs den sozialdemokratisch orientierten Konsumgenossenschaften grundsätzlich misstrauisch gegenüberstand. Am 26. September 1900 wurde eine Versammlung beim Hamelner Magistrat angemeldet, um „einen Konsumverein … als eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht am hiesigen Orte … zur Wahrung der Interessen der Beamten und Arbeiter gegenüber den heutigen unverhältnismäßig gesteigerten Preisen für Lebensmittel“ zu errichten.

Die Gründungsversammlung fand am 2. Oktober 1900 im großen Monopolsaal statt. Am 16. März 1901 ging das Vereinsstatut zur Genehmigung an den Magistrat, dem auch in der Folge alle Geschäftsberichte vorgelegt werden mussten.

Konsumgenossenschaften durften ausschließlich an Mitglieder verkaufen. Der Umsatz jedes Mitglieds wurde dokumentiert und entsprechend dem Jahresgewinn eine Rückvergütung (bis zu 10 Prozent) gezahlt, was zu einer erheblichen Bindung der Mitglieder an ihre Genossenschaft führte.

Die Konsumgenossenschaften waren viel mehr als eine Verkaufsstelle für Lebensmittel. Vielfach bauten sie für ihre Mitglieder auch Wohnungen und dienten als Sparkasse und als Sterbekasse. Sie boten Mitgliedern eine Arbeitsmöglichkeit, wenn diese aufgrund ihrer gewerkschaftlichen oder politischen Aktivitäten auf die schwarzen Listen der Unternehmerverbände geraten waren und deshalb keine Arbeit fanden.

Der „Konsum-Verein für Hameln und Umgegend, e.G.m.b.H.“ hatte zunächst seinen Sitz in der Emmernstraße 30. Bereits für 1913 schrieb der langjährige Geschäftsführer Carl Müller: „Der Konsumverein war gewachsen. Wir hatten 7 Verteilungsstellen. Die Zentrale mit Lagerhaus und Bäckerei war gebaut. Die Verwaltung mußte vergrößert werden.“

Verkaufsstellen gab es u. a. neben der Emmernstraße 30, in der Deisterstraße 57/59 (mit eigener Bäckerei), am Wehler Weg 19 und in der Bäckerstraße 38.

Nicht nur wirtschaftlich, auch politisch war der Konsumverein eine Macht. Nach dem Zusammenbruch des deutschen Kaiserreiches zogen die beiden Geschäftsführer des Konsumvereins, die Sozialdemokraten Carl Müller und Heinrich Pape, Ende November 1918 als „Senatoren“ in den neu gewählten Hamelner Magistrat ein.

Am 11. Dezember 1927 konnte die „Konsumgenossenschaft für Hameln und Umgegend“ ihr 25-jähriges Bestehen feiern. Ein Höhepunkt war 1928 die Neuerrichtung des Gebäudes der „Konsum- und Spargenossenschaft“ in der Deisterstraße 61-63. Der langgestreckte Bau vereinigte im Erdgeschoss Verkaufsstellen, im Hof eine Bäckerei und in den Obergeschossen zahlreiche Wohnungen. Zeitweise war dort auch der Verlag der sozialdemokratischen „niedersächsischen Volksstimme“ untergebracht.

Den sorgfältig gestalteten Bau, dessen Fassade in Ziegelbeweise errichtet wurde, hatte die genossenschaftlich orientierte Hamelner Bauhütte errichtet, die neben dem Konsum u. a. die Landwirtschaftliche Lehranstalt in der Sedanstraße (1924) und die Kreissparkasse am Pferdemarkt (1930) baute.

Der von den Nationalsozialisten 1933 aus Hameln vertriebene Geschäftsführer Carl Müller zog am Ende seines Lebens Bilanz: „Wir haben es im Laufe der Jahre auf 42 Läden gebracht. Eine Schlächterei, eine Kaffeerösterei und Schrotmühle, den Vertrieb von Schuhwaren, Textilien und Haushaltungsgegenstände aufgenommen. … Wir besaßen 16 eigene Häuser. … Die Genossenschaft stand festbegründet und hatte die Krise (=Weltwirtschaftskrise) durchgehalten trotz aller Anfeindungen durch Leute, die sich nachher so unfähig erwiesen, daß sie das Werk in 3 Jahren zur Liquidation brachten, das wir in 30 Jahren aufgebaut hatten.“

Die Nationalsozialisten bekämpften den Konsum von Beginn an. Ihre Angriffe zielten auf die Vernichtung der gesamten Infrastruktur, die sich die Arbeiterschaft aufgebaut hatte. Der Konsum war den Angriffen hilflos ausgesetzt und es gelang sehr rasch, ihn „gleichzuschalten“, also unter nationalsozialistischer Leitung weiterzuführen.

Nach Kriegsende bemühten sich die Konsumgenossenschafter, die Genossenschaften wiederzugründen und das verlorene Vermögen zurückzubekommen. Viel war verloren oder zerstört und konnte nicht wiedererlangt werden. In Hameln existierten in den 1950er Jahren Läden in der Deisterstraße 63, in der Alten Marktstraße 26 und Im Kreuzfeld 13.

Anfang der 1960er Jahre erreichten die Konsumgenossenschaften in der Bundesrepublik mit über zwei Millionen Mitgliedern und fast 10 000 Läden ihren Höchststand. In Hameln gab es damals Läden in der Eichbreite 29, Am Pferdemarkt 5, Im Ellerbrook 15 und in der Kaiserstraße 50.

Weitere historische Fotos finden Sie unter zeitreise.dewezet.de

Die Gebäude der Hamelner Konsum- und Spargenossenschaft in der Deisterstraße 1928 und heute

Monographien deutscher Städte 1929/ Gelderblom



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